Das Glas

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Der schüchterne, plumpe Mann saß in der Bahnhofskneipe an einem gewöhnlichen Ecktisch.
Die Bedienung stellte ihm ein Bier hin. Mit den Händen hantiere er in seiner Schachtel und zündete eine Zigarette an. Leicht kniff er die Augen zusammen, um den ersten Zug auszukosten.
Er war offensichtlich allein und sehr angeschlagen. Er war ein anspruchsloser Rentner, wie ich meinte. Er stierte in sein Glas, aber einschläfernd wirkte er nicht. Eher emotionslos, aber durchaus undurchschaubar.
Zunächst wirkte er nahezu wie versteinert - wenn nicht die Hände da wären. Nahezu achtlos verwischte er die Bierflecken und starrte bis auf der Grund seines Bieres. Nach einer längeren Pause – ich dachte schon, dass er vorübergehend eingeschlafen war – hob er nahezu unüberlegt den Kopf und sah anschließend zu mir herüber. Das grelle Licht in seiner Augen verstörte mich. Aus dreisten, ja fast erbarmungslosen Augen sah mich der Rentner kurz an. Ich aber fühlte mich wie einer, der zu lange in den Sonne gelegen hatte.
Aber dann wandte er seinen Blick dem Bierglas zu. Seine Finger tasteten sehr behutsam, ja achtsam, nach dem Glas. Als er das Glas zwischen den Händen hielt, um seinen Mund zum Bierglas zu führen, lächelte er. Oder war es ganz anders?
So oder so küsste er dem Schaum vom Bier, nahezu grazil und doch gedämpft, und setzte das Bierglas ebenso achtsam wieder auf den Tisch. Da verharrte er in seiner versteinerten Haltung. Da sah ich erst das Emblem auf der Joppe, die über seinem Stuhl hing. Da wusste ich, dass er blind war
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