Das Schicksal meint es gut - endlich

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Kunstverein Arnsberg holt Siamak N. in die Ausstellung ANDERLAND

Endlich halte ich sie in meinen Händen - meine neue dicke Winterjacke. Bereit für den am Wochenende vorhergesagten Kälteeinbruch. Eine Stunde bin ich durch die Stadt gedüst. Von Laden zu Laden, von Schnäppchen zu Schnäppchen. Doch jetzt ist es geschafft - ich muss nicht frieren. Probleme, die Siamak N. und viele weitere geflohene Menschen gerne hätten - statt derer, die ihnen ihre Heimat, ihre Freiheit und ihr Leben nehmen. Probleme, die lösbar sind und nicht dazu führen, dass sie zu “Geistern in ihrer Heimat” werden. Und wir - als diejenigen, die journalistisch über sie schreiben, ihr Schicksal in die Öffentlichkeit rücken - können rein gar nichts tun! Oder doch?

Sechs Wochen ist es her, dass ich den Filmemacher und aus dem Iran geflohenen Siamak N. mit dem Titel “I fought for freedom” vorgestellt habe. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann - eine Geschichte, die aus Zahlen wieder Menschen machen sollte. Und das ist ihr gelungen!

Siamaks “Kampf für die Freiheit” berührt - für die Freiheit zu leben, die uns in Europa in die Wiege gelegt wird, muss er alles aufgeben. Seine Heimat, seine Freunde, seine Familie. Seine preisgekrönten Filme? Für ein Leben im “Flüchtlingsdasein”, das ihn quer durch Deutschland von A nach B führt und nicht unmittelbar freier macht. Und jetzt? Das soll´s jetzt gewesen sein? Diese Frage stellen sich offenbar viele Menschen. Unter anderen der Bürgermeister - denn als dieser die Geschichte im Wochen-Anzeiger liest, verliert er keine Zeit und schreibt dem Kunstverein Arnsberg eine Email. Kurzerhand besuchen Andrea und Johannes Teiser Siamak in der Notunterkunft und laden ihn zum Kennenlernen in den Kunstverein Arnsberg ein.

"The film has no name"

Schnell wird klar - dieser Künstler soll Teil der Ausstellung “ANDERLAND” werden! Über einen Freund Siamaks lassen sie sich den preisgekrönten Kurzfilm “The endless moments …” senden und erhalten als i-Tüpfelchen einen weiteren Kurzfilm des iranischen Filmemachers: “This film has no name”. Kurze Zeit später werde auch ich in den Kunstverein Arnsberg eingeladen - darf mir beide Filme anschauen. Ich bin begeistert und schockiert zugleich. “The endless moments …” wurde zu Recht mit einem Preis gekrönt. Doch der zweite Kurzfilm, der ohne Namen, trifft direkt ins Herz! Das Abstrakte, der Spannungsbogen, die Pointe - was hat der Mann gesehen, das ihn auf diese Idee gebracht hat?

Mittlerweile haben sich mehrere Menschen für Siamak eingesetzt und jetzt ist klar - er darf in Arnsberg bleiben. Die Freude ist groß, als ich diese gute Nachricht erhalte. Denn endlich hat eine Geschichte mal Leben verändernde Früchte getragen. Das Schicksal meint es gut mit ihm - endlich!

Ich treffe Siamak wieder - diesmal im Kunstverein Arnsberg. Es geht um die Ausstellungseröffnung am Freitag, 21. November. Bei dieser Gelegenheit verpasse ich es natürlich nicht, ihm diese eine Frage zu stellen, die mir bereits seit mehr als einer Woche auf der Zunge brennt: Wie ist die Idee zu “This film has no name” entstanden?

Seine Worte schmerzen! Denn vor rund 3 Jahren hat er eine Videoaufnahme gesehen, in der ein Kind durch einen Bombenanschlag derartig verletzt wurde, dass das Gesicht “gespalten” schien. Der Gedanke an diese Aufnahme lies ihn nicht mehr los und so verschaffte er sich Luft - mit dem Kurzfilm “This film has no name”! Ein Film, der nachdenklich macht. Ein Film, der noch bis Januar 2016 im Kunstverein Arnsberg angesehen werden kann - er ist Teil der Ausstellung ANDERLAND.

Auch er muss jetzt nicht mehr frieren

“Unter diesem Titel ist die Sehnsucht nach Veränderung zentrales Thema vieler Künstler, die in physischer oder gedanklicher Grenzüberschreitung neue Werke und Empfindungen hervorrufen. Das ANDERLAND fängt da an, wo Grenzen überschritten werden.”, erklärt Vlado Velkov, Kurator im Kunstverein Arnsberg. Die perfekte Kulisse für Siamaks Film!

Und der freut sich, dass sein Kurzfilm neben den Kunstwerken von Kristina Berning, Marco Bruzzone, Timo Klöppel, Tanaz Modabber, Tyra Tingleff und vielen weiteren Künstlern im Kunstverein Arnsberg zu sehen ist.

Als ich Siamak am Abend der Ausstellungseröffnung im Kunstverein treffe, wirken seine Augen müde. Aber nicht schläfrig, sondern eher ausgepowert. Aufgrund seiner langen Reise? Weil seine Zukunft ungewiss ist? Oder vielleicht müde von den zahlreichen Gesprächen über seine Vergangenheit? Diese Fragen bleiben offen - denn ich stelle sie ihm nicht! Gewiss ist, dass er Freunde in Arnsberg gewonnen hat - gute Freunde. Sie geben ihm Kraft und Wärme. Auch er muss jetzt nicht mehr frieren!
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7 Kommentare
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Marita Gerwin aus Arnsberg | 21.11.2015 | 21:27  
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 21.11.2015 | 22:11  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 22.11.2015 | 22:43  
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