Ein aufregendes und bewegtes Leben als Hebamme

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      Um Hebamme zu sein braucht man Idealismus und Mut! Meine Begegnung mit der Hebamme Erna Schlinkmann. Die waschechte Sauerländerin aus Holzen wurde 1918 geboren und hat in ihrem Leben, unzählige kleine Menschen auf ihrem Weg in diese Welt begleitet.

Ich treffe die sympathische 98jährige Dame zum Interview in ihrem Wohnzimmer. Sie sitzt mit farbenfroher Kleidung, Perlenkette und blitzenden Augen in ihrem Sessel. Wir plaudern über Glück und Leid, über Angst und Verantwortung. Aber auch über Gottvertrauen, Glückseeligkeit und Freudentaumel. Sie erzählt von kleinen Erdenbürgern, die mitten in der Ernte geboren wurden. Bewegende Momente, in denen Weinen und Lachen dicht beieinander liegen.

Noch ehe ich eine erste Frage stelle, sprudelt es aus ihr hervor: „Hebamme zu sein, ist eine Berufung und kein Job! Ich war 30 Jahre alt, als ich noch einmal angefangen habe zu lernen. Ich hatte schon zwei Söhne. Einer war in der Schule und der Kleine war drei Jahre alt. Mein Wunsch war es, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Ich musste zunächst nach Bochum, später dann nach Eickelborn, um meine Ausbildung als Hebamme abzuschließen. Meine Schwester Agnes in Wuppertal hat während dieser Zeit unsere Kinder betreut. Mein Mann hat mich immer unterstützt. Auch während meiner anschließenden Berufstätigkeit kümmerte er sich um die Familie. Nur stillen konnte er unsere Bärbel nicht“, lacht sie verschmitzt.

Sie beendeten 1949 Ihre Ausbildung. Dann begann doch sicher ein aufregendes Leben als Hebamme im Dorf, oder?

„Oh ja, das war ein bewegtes Leben! Zu Anfang gab es noch kein Telefon. Das war nicht einfach für die Familien, die meine Hilfe brauchten. Bei Wind und Wetter, Eis und Schneetreiben musste ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf den Weg machen. Von der Oelinghauser Heide bis Ainkhausen, Wettmarsen und Dreisborn, ja sogar bis nach Eisborn. In den damals noch schneereichen Wintermonaten mit meterhohen Schneeverwehungen waren weder nachts noch tagsüber die Wege und Straßen geräumt. Aber Babys warten nicht. Also wanderte ich durch Wälder und Felder mit meinem Koffer an der Hand. Ich musste da durch. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich morgens einen Anruf bekam. In heftigem Schneetreiben musste ich mich zu Fuß auf den etwa 5 km langen Weg nach Dahlsen machen. Irgendwann war ich völlig erschöpft. Ich klammerte mich an einen Baum und betete inständig: „Lieber Gott, lass mich rechtzeitig ankommen. Da, wo ich jetzt so nötig gebraucht werde. Herr, gib mir die Kraft, weiterzulaufen.“

Hat der Glaube Ihnen Zuversicht gegeben, mit den Unwägbarkeiten des Berufslebens fertig zu werden?

„Ja, auf jeden Fall. Mein Glaube hat mir Kraft gegeben, in den Zeiten, in denen ich Leid und Not mittragen musste, z. B. wenn eine Frau eine Todgeburt erleiden musste. Auch das habe ich schmerzlich erfahren. Der Beruf der Hebamme lehrte mich so manches Mal beten und danken zugleich. Du weißt nie, was dich hinter der nächsten Haustür erwartet. Du musst intuitiv reagieren, das steht in keinem Lehrbuch. Du erlebst auch Menschen, die deine Sprache nicht verstehen, die aus fernen Ländern kommen, denen du mit Gesten, Mimik und deinen Händen Zuversicht, Sicherheit und Kraft gibst, um die Geburt durchzustehen. Da schickst du durchaus schon mal ein Stoßgebet zum Himmel! Genauso wie ein Dankeschön.“

Was fühlt eine Hebamme, wenn ein Baby das Licht der Welt erblickt?

„Wenn das Kind geboren ist, du die Nabelschnur durchtrennst, das Band löst, was Mutter und Kind über neun Monate hinweg verbunden hat, der erste Schrei ertönt und du es nackt auf den Bauch der Mutter legst, dann trittst du zurück. In die zweite Reihe. Überwältigt von Glücksgefühlen, übergibst du es der Familie – und bleibst mit dir allein. Du möchtest hüpfen, jubeln, tanzen. Doch du gehst glückstaumelnd nach Hause, zu deiner eigenen Familie, die dort mit den Alltäglichkeiten auf dich wartet. Bevor die nächste Geburt ansteht und du wieder eilst, um rechtzeitig da zu sein.“

Heute wird jede Schwangere engmaschig untersucht. Wie war das früher?

„Zu meiner Zeit als Hebamme gab es nicht die regulären Vorsorgeuntersuchungen. Die Herztöne habe ich mit dem Hörrohr vernommen, das ich der Schwangeren auf den Bauch setzte. Wehenschreiber gab es erst ab 1960. Auch die Bilddiagnostik fehlte uns. Bei einer normalen Geburt brauchte man keinen Arzt. Aber im Krankenhaus durfte kein Arzt ohne eine Hebamme entbinden. Es sei denn, es war ein Notfall. Ich habe sehr vertrauensvoll mit den Hüstener Ärzten Dr. Frieling und Dr. Hevelke zusammen gearbeitet. Ich kann mich noch gut erinnern an einen schneereichen Winter. Die Ärzte hatten schon ein Auto. Doch wenn es allzu große Verwehungen gab, kam es vor, dass der Arzt am Telefon sagte: “Ich komme mit meinem Fahrzeug nicht durch den Schnee. Holen Sie die Hebamme Erna Schlinkmann aus Holzen". Dann wurde ich auch schon mal mit einem Pferdegespann und Schlitten abgeholt durch die tiefdunkle Nacht, durch Wälder und einsame Gegenden. Bloß nicht zu spät kommen! Um Hebamme zu sein braucht man Idealismus und Mut!“

Waren Sie freiberuflich tätig all die Jahre?

„Ich war die Gemeinde-Hebamme von Holzen. Habe meine Tante ‚beerbt’. Sie war 40 Jahre lang im Dorf als Hebamme tätig. Ja, ich war die ersten 15 Jahre selbstständig und rechnete meine Dienstleistungen mit den Krankenkassen der Frauen ab, deren Entbindung ich vorgenommen habe. Später war ich weitere 15 Jahre in einem Team von drei Hebammen in den Krankenhäusern Hüsten und Neheim als angestellte Hebamme tätig. Nach einer internen Absprache in unserem Team betreute‚ jede von uns 25 Geburten. Das konnte nach 14 Tagen zu Ende sein oder auch schon mal drei bis fünf Wochen am Stück bedeuten. Ich hatte keinen Führerschein. Und Babys achten nicht auf Tages- oder Nachtzeiten. Wenn der Notruf kam, fuhren mich meine Kinder oder auch das Taxi, zum Krankenhaus.“

Gab es auch Momente, in denen Sie verzweifelt waren?

„Nicht immer geht alles gut. Es gibt auch Situationen, in denen wir das Schicksal einer Totgeburt ertragen mussten. Schrecklich war das. Das schüttelt man nicht einfach ab. Das nimmt man mit nach Hause. Ich musste lernen mit Angst umzugehen. Es ist eine große Verantwortung, die wir als Hebamme tragen. Ich denke, dass der Beruf auch heute noch unterschätzt und unterbewertet wird. Du erlebst die Frauen in solch einem Ausnahmezustand. Sie vertrauen dir ihre Sorgen und Nöte an. Diese Geheimnisse bleiben in meinem Herzen, tief in meiner Seele. Niemals würde ich ein Wort darüber verlieren. Ich bin für sie da. Ich werte nicht, beurteile nicht, moralisiere nicht. Das steht mir nicht zu. Ich freue mich mit ihr, mache ihr Mut, gebe ihr Hoffnung. Bin ganz und gar für sie da. Einem Kind das Licht der Welt zu eröffnen, ist ein erhabenes Gefühl. Ich bin der ruhende Pol in dieser Situation.“

Welche Rolle spielten die Väter seinerzeit bei der Geburt ihrer Kinder?

Hier schmunzelt Erna Schlinkmann. „Die Männer hielten sich bei den Geburten vornehm zurück. Das war Frauensache. Ich habe erlebt, dass sich Väter in der Wohnung versteckten. Oder Männer, die wir raustragen mussten, weil sie ohnmächtig geworden sind. Dann gab es doppelte Arbeit für uns! Schön, dass die Väter heute selbstverständlich bei der Geburt ihrer Kinder dabei sind. Das sind unvergessliche Augenblicke!“

Gab es das Unterrichtsfach `Sexualkunde` in der Schule?

„Wo denken Sie hin? Das Thema war tabu. Die jungen Leute waren doch alle nicht richtig aufgeklärt. Sexualkunde in der Schule, wäre undenkbar gewesen. Hinter vorgehaltener Hand sprachen die Leute von den natürlichsten Dingen des Lebens. Wir glaubten damals doch ‚Kinder kommen vom Küssen’. Oder der Klapperstorch beißt dir in die Wade und schwups bist du schwanger.“ Erna Schlinkmann lacht fröhlich auf.

Hatten Sie ein typisches „Erkennungszeichen?

„Ich hatte viele Jahre ein weinrotes Fahrrad, das jeder im Dorf kannte. Lehnte es irgendwo an einem Zaun oder an einer Hauswand, dann wusste jeder sofort: „Es ist so weit. Das Baby kommt auf die Welt.“ Zu einer Feier schenkte man mir ein Gedicht, das so begann: „Und wir sehn das rote Fahrrad. Oh, die Storchentante ist schon da ...“

Welche Namen gaben die Eltern ihren Kindern damals?

„Wie oft bin ich gefragt worden: Wie soll ich das Kind denn nennen? Auch da habe ich so manches Mal mitgewirkt“, lacht sie vergnügt. „Die Kinder erhielten den Namen von Opa, Oma, Paten oder auch bi- blische Namen. Wie z.B. Josepha, Wilhelmine, Florentine, Clementine, Elisabeth, Anna, Maria, Caspar, Jakob, Detlev, Carmen, Clara, Gertrud, Ferdinand, Paul, Ludwig, Franz-Josef, Alois und Regina. Ich liebe Namen, die man nicht verstümmeln konnte: Karl bleibt Karl und Werner bleibt Werner.“

Sehen alle Babys gleich aus nach der Geburt?

Ich habe einen kurzen Blick drauf geworfen und wusste gleich: „Dieses kleine Mädchen ist es! Und so war es auch. Jedes Kind sieht anders aus. Es gab welche, die hätte ich mir so mitnehmen können!“

Heute werden gerade mal zwei Kinder pro Familie geboren. Da hat sich in den vergan- genen Jahrzehnten vieles verändert.

„Ja. Das stimmt! In Holzen gab es in meinen Anfangsjahren als Hebamme 38 Häuser. In jedem Haus lebten Familien mit 5, 6, 8, 9 Kindern. Das war normal! Ich erinnere mich gut an eine Familie mit 12 Kindern, von einer Frau. Ja, so war das. Die Anti-Baby-Pille gab es noch nicht.“

Heute verlassen die Mütter die Kranken- häuser ja schon nach wenigen Tagen. Was sagen Sie dazu?

„Als Hebamme habe ich so viele Hausgeburten begleitet. Die Frauen blieben in der Regel bis zu zehn Tage im Wochenbett. Erst danach ging das Leben normal weiter. Ich habe sie zehn Tage lang besucht, ihr geholfen die Kinder ‚anzulegen’, zu stillen, die Taufe vorbereitet, die meistens schon kurz nach der Geburt stattfand. Die Mutter nahm in der Regel nicht daran teil. Sie galt noch als ‚unrein’. Erst wenn sie vom Pastor wieder ‚eingesegnet’ worden ist, durfte sie die kath. Kirche betreten. Heute undenkbar! Ich bin der Meinung, die Frauen sollten sich auch heute das Wochenbett gönnen, zu Kräften kommen, sich erholen, schlafen, ruhen, bevor die monatelangen, durchwachten Nächte beginnen. Das sollte man nicht unterschätzen. Das kostet Energie.“

Mit 60 Jahren sind Sie auf eigenen Wunsch in den Ruhestand getreten. Was waren Ihre ersten Gedanken danach? Kann man den Beruf einer Hebamme von jetzt auf gleich „an den Nagel hängen“?

„Mein erster Gedanke war: So, jetzt kannst du erst mal ausschlafen. Nach 30 Berufsjah- ren zum ersten Mal einen regulären Tag- und Nachtrhythmus erleben. Musst nicht auf den Punkt hellwach sein. Hebamme zu sein, ist eine Berufung und kein Job!“ Dabei schaut sie sich ihre feingliedrigen Hände an. Lächelt gedankenversunken und sagt: „Ich bin froh, dass ich jahrelang die Kraft meiner Hände dazu benutzen konnte, vielen Babys gesund auf die Welt zu helfen. Es war eine ereignisreiche und aufregende Zeit. Ich bin so dankbar für alles, was ich erleben durfte. Jeden Tag neu.“

Dabei wendet sie ihren Blick auf den Storch, eine lebensgroße Holzskulptur, die in ihrem Wintergarten platziert ist. Ein Geschenk ihrer Kinder. Ihre Erinnerungen sind wie Kino im Kopf, wie ein Film, der rückwärts läuft.

Beim Abschied reiche ich ihr die Hand. Sie fühlt sich warm und immer noch zupackend an. Danke liebe Erna Schlinkmann für Ihre Zeit, Ihre Offenheit und Ihr Vertrauen, dass Sie mir entgegengebracht haben. Ich bin sicher, die Leserinnen und Leser des Ge- nerationenMagazin SICHT freuen sich über Ihre Lebensgeschichte.

Sie lächelt zufrieden und winkt mir hinterher. Ich höre beim Rausgehen ihre Worte
„Ja, das war die Storchentante aus Holzen mit dem roten Fahrrad.“

Sie finden weitere spannende Geschichten in der Herbst-Ausgabe Nr. 69 des GenerationenMagazin SICHT unter folgendem Link: https://www.arnsberg.de/zukunft-alter/sicht.pdf
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6 Kommentare
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 04.10.2016 | 12:04  
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 04.10.2016 | 23:50  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 05.10.2016 | 19:47  
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Christian Tiemeßen aus Emmerich am Rhein | 21.11.2016 | 19:01  
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