NIKOTIN LIEGT IN DER LUFT

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Ich freute mich immer, wenn der alte Schröder in meine Sprechstunde kam. Er hatte weisses, gelichtetes Haar, das seinen Kopf umgab, als säße er für einen Bildhauer Modell:
„Ich weiß auch nicht, was ich hier soll, “ sagte er dann und lächelte in seiner patrialischen Art. In seinen Augen aber funkelte noch immer eine Lebensfreude, die ansteckend war: „Meine Tochter hat gesagt, ich müsse mal wieder zum Arzt.“
Oft, denke ich, steckt hinter diesem fürsorglichen Rat der Angehörigen nur die kopfschüttelnde Verwirrung, dass den „Alten“ nicht die Luft ausgehen will.
Wie sollte man da also begreifen, dass sich dieser alte Mann noch immer wohl fühlte?!
Oder hatte er am Ende, was Gott verhüten möge, verlernt alt zu werden?
Denn welches Kind will sich als Erwachsener ein Leben lang wie ein Kind fühlen? Und wann, bitte schön, soll man das in Aussicht gestellte Erbe genießen, wenn nicht heute?
„Sagen Sie ihm mal, dass er nicht mehr rauchen soll!“ sagte die Tochter nachdrücklich und sah mich dabei skeptisch an, als ob ich mit dem alten Schröder unter einer Decke steckte.
„Ich bin doch nur ein Gelegenheitsraucher,“ lächelte der alte Schröder, als wollte er sich entschuldigen.
Seine Tochter aber atmete tief durch und lächelte mit einer Leidensmiene, als sei allein schon die Vorstellung Nikotin einatmen zu müssen so ekelhaft wie der Genuß von ranziger Butter.
Nun, ich bin kein Zahnarzt, aber diese Frau hatte ein schadhaftes Gebiß, das über die Jahre hinweg nicht nur unter den Folgen von Nikotin gelitten hatte.
„Ja…,“ lächelte Frau Böhm selbstgefällig. „…ich weiss, was Sie denken. Aber seitdem ich mich mit Esoterik beschäftige und selber Kurse gebe, bin ich eine überzeugte Nichtraucherin.“
„Passen Sie auf, Doktor,“ zwinkerte mir der alte Schröder zu, „gleich haben Sie noch einen Vertrag am Hals.“
„Vater!“ sagte die Tochter scharf wie eine Guillotine. Und ich dachte, solange sie noch keine militante Nichtraucherin ist, musste man schon dankbar sein. Und deswegen lächelte ich Frau Böhm freundlich an und verlegte mich auf einen Tonfall, der jegliche Ironie ausschloß. Denn ich sagte, um Frau Böhm friedlich zu stimmen:
„Ich frage mich sowieso wie konnten die Menschen nur den Aschenbecher erfinden!?“
Frau Böhm schien erleichert zu sein, dass ich mit ihr offenbar gleicher Meinung war. Und schon sprach sie mit ihrem Vater wie eine Gouvernante:
“ Hörst Du, Vater, was der Doktor gesagt hat?“
Der alte Schröder kniff mir ein Auge und streckte seinen Arm aus, damit ich seinen Blutdruck messen konnte.
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