"Schach matt!

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Manchmal, dachte Orf, erzählen Bilder ein ganzes Leben und diese Bilder trösten mich:
Wo eigentlich haben wir uns kennengelernt? Und in welchen Hotelzimmern geliebt? Und was hatten wir für Träume?
Da es damals regnete, stieg ich in die Metro. Irgendwo in der Vorstadt setzte ich mich dann in ein Bistro. Die Preisliste war mit Kreide an die Wand gemalt.
Ich achte schon immer darauf am Fenster zu sitzen ohne das Licht im Rücken habe. Gegenlicht mag ich nicht. Da sieht man auf meine Kopfhaut.
Ich saß also im Bistro am hintersten Tisch ohne mich um die anderen Gäste zu kümmern. Ich faltete die liegengelassene Zeitung zusammen, als sei ich beschäftigt, während mir die Serviererin einen Cafe brachte mit „meinem“ Pernod. Ich tröpfelte die Milch in meinen Kaffee und beobachtete wie der Kaffee seine Farbe veränderte.
Dabei rauchte ich und blies Kringel in die Luft, während ich mein Steckschach aus der Jackentasche zog. Den Zeitungsauschnitt „Dein Schachproblem“ klemmte ich unter den Aschenbecher.
Auch wir bekämpften uns mit den Jahren wie verbissene Schachspieler, dachte Orf. Denn kaum hatten wir unsere Verteidigungslinien durchbrochen, waren wir bereit Alles auf eine Karte zu setzen. Eura schlachtete meine “Pferde” ab und ich riß ihre “Türme” ein. Meine “Offiziere” fielen in den Staub und ihre “Bauern” zitterten aus Angst vor der Folter.
Wir waren Spieler, die sich nur auf den Zufall verließen. Und heute frage ich mich, was wir von dieser Art Spiel erwarten konnten?
Oder genossen wir am Ende nur unsere schlechten Absichten?
Aber eines war klar: Einen geheimen Schlachtplan hatten wir nicht.
Und schon opferten wir unsere Figuren, als ließen sich so “Dame” und “König” besiegen. Dabei beherrschten wir nur die kurzatmige Antwort, auch wenn wir „einerseits“ sagten und „andererseits“ meinten.
Unsere Geduld hatten wir schon lange verloren. Wir spielten nur noch kopflos um den Sieg. Wie konnte da ein Spiel entstehen? Derartige Partien enden immer im Nichts.
Ein unbeteiligter Zuschauer aber mußte sich fragen, was wir vom Ausgang dieses Spieles erwarteten?
Kein Zweifel, Eura wollte gewinnen. Sie schien ihre Züge instinktartig zu planen. Und ich war ihr ausgeliefert. In diesem Punkt war sich Eura sicher.
Irgendwann aber berührte ich meine Figuren nur noch widerwillig, dachte Orf. Dabei opferte ich meine “Bauern”, um die feindliche “Dame” in die Brettmitte zu treiben. Gleichzeitig aber beugte ich mich über den angreifenden “Läufer”, als müsse ich in diese Figur hineinkriechen. Fast hätte ich dabei mit meiner Nasenspitze ihre “Dame” berührt. Oder wollte ich ihr nur ins Ohr flüstern?
“Berührt, geführt!” herrschte mich Eura an.
Ihre geballte Energie machte mir Angst. Sie konnte nicht verzeihen. Es war geradezu lächerlich. Plötzlich stand Eura im Lokal und sah sich orientierend um, bis sie mich entdeckt hatte:
“Schach matt!” rief sie schon von weitem. “Darf ich Platz nehmen?”
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