TOAST auf die FEINDSCHAFT

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In Fleury, einem Flecken, der während des I. Weltkrieges dem Boden gleich gemacht worden war, wurde an der Stelle des ehemaligen Bahnhofs ein Museum errichtet:
„Musee de la Bataille“
Großzügig angelegte Parkplätze von historischen Kanonen bewacht, umgeben den klassizistischen Museumsbau.
In den Ausstellungsräumen präsentiert sich das liebevoll herausgeputzte Kriegswerkzeug. Unter dem Glassturz auf weichem Filz liegen die Preziosen, die aus ihrem tödlichen Zusammenhang gerissen wurden und jetzt vielleicht sogar an unser Mitgefühl appellieren sollen.
Pomadig streckt sich der Revolver hinter dem Vitrinenglas, während die Eiergranaten und die bunten Orden den Blick in die Öffentlichkeit genießen. Kleine Hinweisschilder katalogisieren die Militaria, die selbstbewusst ihre Rolle als Ausstellungsexemplar genießen.
Oder verhöhnen sie am Ende doch nur den gefallenen Soldaten?
Wie eingeschüchterte Kinder stehen Soldatenpuppen in der Ecke herum und lächeln hilflos erstarrt. Indifferent und steifarmig strecken sie die Hände in die Luft. Oder wollen sie gerade mit dem angefeuchteten Zeigefinger den Hauch geschichtlicher Vergänglichkeit spüren?
Und während ich einem Soldaten in sein Puppenauge blicke, scheint er seine Lippen zu bewegen. Oder versucht er sich gerade tastend an der ersten Frage seines Lebens? Der Frage nach dem:
Warum?
Aber in seiner Sprachlosigkeit wird er kaum das Geheimnis, das die Herrschenden umgibt und sie an der Macht hält, lüften. Und den Museumsbesucher überkommt für Sekunden der fatale Gedanke, dass es Kriege aus Versehen geben könnte. Denn diesen Pappkameraden gleich welcher Nationalität traut man keinen wohl kalkulierten Willensakt zu.
Ich setze mich auf einen Stuhl und betrachte von dort aus die ausgestellten Schnappschüsse von der Front und aus der Etappe, während ich immer wieder im Verdun-Tagebuch des Großvaters lese:
„ … wäre ich ein Zyniker, dann könnte ich behaupten, dass der Krieg eine nützliche Funktion hat. Allein, wenn man schon an die Zerstörung des Kriegsgerätes denkt. Schon diese Vernichtungsarbeit macht unseren Aufenthalt hier unvergesslich. Ohne vage Spekulation kann man behaupten, dass diese Zerstörung hier die Nachfrage auf dem Absatzmarkt steigern wird. So schafft man immer wieder sichere Arbeitsplätze.
Aus dieser Sicht muss man einen Toast auf die Feindschaft der Völker aussprechen!
Und wir hier vorne dürfen auch noch den Krieg besingen und für die Rüstungsindustrie unsere Kriegsanleihen verpulvern.
Mein Freund Müller meint in seiner trockenen Art, dass am Börsenkurs mächtig Blut klebe. Das könne nur keiner sehen…“
Dieses planmäßige Zerstören mit dem ökonomischen Hintergedanken verkommt durch die Museumsperspektive zu einer Art Sandkastenspiel. Denn in einem Ausstellungsraum proben in einem improvisierten Chaos von Betonstücken und Eisenmüll seit Jahren einige militärische Figuren den Grabenkrieg ohne sich vom Fleck zu rühren. Und über diesem Kriegsschauplatz in Miniaturausgabe wacht an langen Seilen unter der Museumsdecke die gegnerische Luftabwehr. Trotz der knallig leuchtenden Kokarden machen die Flugkörper einen flügellahmen Eindruck.
Manch alter Kampfflieger wird wohl bei diesem traurigen Anblick mit Wehmut an seine Heldenzeiten gedacht haben. An eine Zeit, in der er mit jugendlichem Leichtsinn und Überheblichkeit die Schlachtfelder der Massenheere überflog, um sich selber als Individuum zu fühlen.
Von der Museums-Galerie aus kann sich der Besucher über das wohl kalkulierte Chaos des Miniaturkriegsschauplatzes nur noch wundern, während Dias - von bewegter Stimme kommentiert- Kriegsbilder auf die Leinwand werfen. Gleichzeitig blitzen auf einem Schaubild hektisch kleine Lämpchen auf, um die verschiedensten militärischen Optionen darzustellen.
Der Kommentar vom Band gibt sich beflissen, als seien nun die Kriegsabsichten aller beteiligten Nationen selbst für den letzten Museumsbesucher nachvollziehbar. Natürlich darf bei derartigen Kommentaren auch nicht das obligatorische Schlusswort fehlen:
Nie wieder Krieg!
Aber der Protest gegen den „Krieg“ setzt voraus, dass Konfliktparteien den „Krieg“ als eine vermeidbare Gewalttat ansehen.
Und nach dem Rundgang durch das Museum frage ich mich, ob nicht gerade diese vermeintliche Genauigkeit, mit der sich dieser museale Bezirk hier zum Richtmaß macht, eine Distanz schafft zwischen dem Besucher und der ausgestellten Geschichte. Eine Distanz, die diese Geschichte nicht zu seiner Geschichte werden lässt.
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