Der Bürgermeister als Praktikant - Politik an der Schippe

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„Die Reihe „Bürgermeister vor Ort“ ist meine Idee und leider noch ohne Nachahmer"; sagt Bergkamens Bürgermeister Roland Schäfer.
 
Bürgermeister Roland Schäfer meint Basisdemokratie ernst und arbeitet an den Graswurzeln - hier als Tagespraktikant mit einer städtischen Kolonne.
Bergkamen: Freiherr-vom-Stein Realschule |

Zurück zu den Wurzeln - das ist für Bergkamens ersten Bürger nicht nur reine Metapher, sondern faktische Tagesaufgabe beim Umgraben der Staudenbeete an der Freiherr-vom-Stein-Realschule.

Eine Aufgabe, die sich der seit 1998 fest im Sattel des Stadtvorstands sitzende SPD-Mann selbst gesucht hat. Keine PR-Abteilung oder Wahlkampfbüro im Nacken, dafür Leidenschaft zur Arbeit an der Basis. Das ist zu sehen, als Roland Schäfer konzentriert im Erdreich mit Harke und Mistgabel vor sich hin arbeitet - ohne zu wissen, dass die Presse bereits anwesend ist.
„Der arbeitet richtig gut mit und schlägt sich tapfer“, weiß die bei der Stadt Bergkamen gelernte Gärtnerin Heike Schneider, die im Beet Kollegin des Bürgermeisters für einen Tag ist.
Seit 7 Uhr morgens arbeitet Schäfer in der Botanik. Zehn Schubkarren mit Wildkräutern hat er mit dem Team bereits entfernt. Nun geht es an das Freiharken und Mulchen der Fläche. „Ganz schön arbeitsintensiv. Das habe ich als Praktikant gelernt“, ist Schäfers spontanes Fazit und fügt hinzu: „Grünflächen sind wichtig. Aber vielleicht sollten wir weniger aufwendige Bepflanzungen in Bergkamen nehmen.“
Als gelernter Jurist und Verwaltungsfachmann kennt Roland Schäfer Behörden und Ämter aus dem Effeff. Das hat ihn bis ins Innenministerium gebracht. Den Kontakt zu den Bürgern wollte er aber nie verlieren. Wöchentlich gibt es eine Bürgersprechstunde im Rathaus. „Aber nicht jeder traut sich. Eine Anmeldung ist aus organisatorischen Gründen erforderlich. Das ist für manche eine Hemmschwelle“, erklärt der 66-jährige Bürgermeister. „Dafür gehe ich dann ab und an auf den Stadtmarkt, wo immer 30 bis 40 Bürger mit mir ungezwungen ins Gespräch kommen und ihre Anliegen erzählen. In manchen Fällen kann ich nur vermitteln, aber in manchen Punkten kann ich auch direkt helfen“, freut sich Schäfer sichtlich.

Neben der Bürgernähe sei ihm das Kennenlernen der verschiedenen Lebenswelten in der Stadt wichtig. „Zunächst mache ich das für mich. Aber natürlich auch für die Menschen hier. Eigentlich komisch: Ich weiß sonst von keinem Politiker, der auf so eine Idee wie „Bürgermeister vor Ort“ gekommen ist, sagt Schäfer. Und die meisten Bürger lieben ihn dafür, „auch wenn manche frotzeln, dass ich bei den Tagespraktika dann endlich mal ans Arbeiten komme“, berichtet der Bürgermeister schmunzelnd.
In Gedanken plant Schäfer schon seine nächsten Praktika: „In der Stadtbibliothek würde ich auch mal gerne arbeiten oder Führungen im Stadtmuseum machen. Bei einer Reinigungskolonne packe ich aber auch an“.
Jetzt heißt es erstmal das Beet bearbeiten und für den Frühling aufhübschen. Noch ein paar Stunden, dann geht es für das Stadtoberhaupt wieder ins Rathaus, vom grünen Beet in den grau-braunen Sitzungssaal.
Privat weist sich Schäfer ebenso als ein Naturfreund aus, geht gerne Campen und Zelten - ohne großen Luxus und Schnickschnack drumherum. Mit offenem Lächeln sagt der Bürgermeister zum Schluss: „Wenn ich nicht mehr wiedergewählt werde, dann wissen Sie, wo sich mich finden.“
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