Ein Bild-Eine Geschichte

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Maigrün


Verzückt starrte Lisa auf die maigrünen Blätter, die sich noch nicht voll entfaltet hatten. Sie hob ihre Hand, um ihre Augen vor der blendenden Sonne abzuschirmen. Mit der anderen berührte sie das zarte Grün.
„Lisa, wo bleibst du?“
Kurts Stimme klang ungehalten und auch sein Gesicht war finster, als er zu Lisa zurückstapfte.
„Schau Kurt!“ Lisa wies auf die Zweige über ihr.
„Wie schön sie aussehen. Wir sollten zwei oder drei Zweige mitnehmen. Zusammen mit den bunten Blumen vom Feldrand ergeben sie einen schönen Strauß. Darüber würde Mutter sich freuen!“
Sie strahlte Kurt an.
„Und wird schleppt dann das Holz?“, murrte Kurt, aber er ließ dann die Äste, die sie schon gesammelt hatten, fallen und holte sein kleines, aber scharfes Messer heraus. Seiner kleinen Schwester konnte er nie einen Wunsch abschlagen.
Der erste Schnitt drang kaum in das Holz ein, aber eine klare Flüssigkeit trat aus dem Schnitt aus. ‚Merkwürdig‘, wunderte sich Kurt und ignorierte das Rauschen, das durch den Baum ging. Verbissen begann er an dem dünnen Zweig zu säbeln, aber so sehr er sich auch mühte, sein Messer drang nicht tiefer ein. Schwitzend schob er sich die Mütze in den Nacken und starrte auf den kleinen Schnitt, aus dem unaufhörlich die Flüssigkeit tropfte.
„Was ist los?“, fragte Lisa. Kurt schüttelte den Kopf.
„Der Zweig lässt sich nicht abschneiden. Das ist sehr merkwürdig. Ich werde versuchen ihn abzubrechen.“
Lisa nickte zweifelnd und trat einen Schritt zurück. Kurt verbog den Zweig und versuchte, ihn abzubrechen. Dabei ignorierte er weiter das Rauschen, das unablässig durch den Baum ging.
„Das muss doch gehen!“, knurrte Kurt und bog den Zweig weiter hin und her.
„Aua!“, dröhnte es und der Baum schüttelte sich. Kurt stolperte zurück und fiel rücklings über das Holz, das er hatte fallen lassen. Lisa quiekte in den höchsten Tönen, als plötzlich zwei Augen auf dem Stamm erschienen und die beiden Kinder böse anstarrten. Kurt rappelte sich auf, packte Lisa am Arm und sie liefen so schnell sie konnten zum Waldrand zurück. Langsam formte sich um die Augen ein Gesicht und allmählich löste sich ein Körper vom Stamm. Der Waldgeist steckte sich seinen blutenden Finger in den Mund.
„Kann man denn nicht mal in Ruhe ein Nickerchen machen?!“, knurrte er und verschwand zwischen den Bäumen….
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de
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