Ein Bild - Eine Geschichte

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Morgengrauen

Zitternd drückte sich Torald an die Mauer, die ihm Sichtschutz gab. Sein Atem bildete kleine Wolken in der eiskalten Luft. Er wartete nun schon seit über einer Stunde.
„Wir treffen uns bei Morgengrauen am Seitenausgang!“, hatte Ernest im Vorbeigehen auf dem Markt gesagt. Nun ging schon die Sonne auf. Torald richtete sich wieder ein Stück auf, um einen Blick auf die Tür zu werfen und wurde von den Sonnenstrahlen geblendet, die über das Mauerwerk krochen. Wo war Ernest nur? Bis jetzt war er immer pünktlich erschienen. War er etwa aufgeflogen? Bei ihrem letzten Treffen hatte er berichtet, dass der Fürst Verdacht geschöpft hatte, dass jemand Informationen von seinen geheimen Treffen an den König weiterleitete. Aber Ernest war sich sicher gewesen, dass nicht er verdächtigt wurde. Wer würde schon erwarten, dass ein Küchenhelfer der beste Spion des Königs war? Es war Torald ein Rätsel, wie Ernest aus dieser Position heraus die Informationen beschaffen konnte, aber sie waren immer zutreffend gewesen. Alle Überfälle, die der Fürst bis jetzt geplant hatte, konnten vereitelt werden. Ernest hatte angedeutet, dass der Fürst noch etwas viel Größeres vorbereitete und sollte heute Torald die ersten Informationen dazu übergeben. Die Tür öffnete sich. Vorsichtig streckte sich Torald wieder und zu seinem Erschrecken kamen zwei Soldaten aus der Tür.
„Er muss hier irgendwo sein!“ Der Größere schaute sich um, während der andere sich die kalten Finger anhauchte.
„Der ist schon längst über alle Berge, der wird kaum so lange bei dieser Kälte hier gewartet haben. Falls der Kerl überhaupt die Wahrheit gesagt hat.“
„Mit Sicherheit!“, der Große lachte dreckig. „Wenn Utho Hand anlegt, sagt jeder die Wahrheit.“ Damit verschwanden sie und die Tür fiel krachend hinter ihnen ins Schloss. Torald war bei den wenigen Worten noch kälter geworden. Was sollte er nun tun?
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de
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