Ein Bild - Eine Geschichte

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Winterwald

Atemlos blieb Kai stehen. In dicken Wolken stieg sein Atem vor ihm in die Luft auf und nahm ihm die Sicht. Er schaute sich um und lauschte. Nichts zu hören, niemand zu sehen. Er konnte ein paar Spuren im Schnee entdecken, es musste also kurz vor ihm jemand hier vorbeigekommen sein. Es schneite immer noch und bald würden die Spuren verschwinden. Er beschloss, einfach dem Weg mit den Spuren zu folgen. Er umfasste die Brieftasche in seiner Hand fester und lief wieder los. Er hatte gesehen, wie sie einem Mann mit langem, grünen Mantel und blauer Mütze aus der Tasche gefallen war. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte ihn nicht einholen und nun schien er wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Kai kam an eine Kreuzung. Die Spur war mittlerweile vom Schnee zugedeckt worden. Ratlos blieb er stehen. Plötzlich zuckte die Brieftasche in seiner Hand. Erst ganz sacht, dann immer stärker. Bald zuckte und wand sie sich so sehr, dass Kai sie erschrocken losließ und ein paar Schritte zurücksprang. Ungläubig schaute er auf die Brieftasche, die nun aufgeklappt vor ihm im Schnee lag und mit ihren Hälften, wie mit Flügeln schlug. Und tatsächlich hob sie ab und flog den Weg weiter geradeaus. Kai rieb sich die Augen und folgte ihr in sicherer Entfernung. Nach einer Biegung sah er den Mann in grünem Mantel auf einer Parkbank sitzen. Er versteckte sich hinter einem Baum und beobachtete, wie sich die Brieftasche auf seiner Hand niederließ. Zufrieden steckte der Fremde sie in die Tasche, stand auf, ging ein paar Schritte und verschmolz mit dem Schnee. Kai rieb sich erneut die Augen. Der Mann war einfach verschwunden. Das würde ihm niemand glauben!
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

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