Abschluss Ruhrtriennale 2017: "Es war mir eine Ehre"

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Nach der Ruhrtriennale-Jahren freuen sich Johan Simons und Vasco Boenisch auf das Schauspielhaus. Foto: Martin Steffen / Ruhrtriennale.
 
Zum Abschluss der Ruhrtriennale spielten die Bochumer Symphoniker umjubelt Beethovens "Missa Solemnis" im neuen Musikforum Ruhr. Foto: Benshausen / Ruhrtriennale.
Bochum: Jahrhunderthalle Bochum | Johan Simons über seine Ruhrtriennale und wen er nach Bochum mitbringen will:

Bochum. Drei „alles umschlingende“ Theater-Kunst-Spielzeiten - in all ihren Formen, in 14 verschiedenen Spielstätten, quer durchs Revier. Im Zentrum des international beachteten Festivals: Bochums Jahrhunderthalle, ab 2017 auch offiziell Sitz der Ruhrtriennale. Johan Simons, schon immer dem Geist der Europäischen Aufklärung verpflichtet, hat das mit viel „Freude Schöner Götterfunkeln“ unterm genau so benannten Motto verwirklicht. Auch wenn politisch 2017 ein schwarzer Pinsel sein dreijähriges Übermotto durchstrich.

Denn die Welt ist gefährlicher geworden:

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die großen Errungenschaften der Aufklärung sind laut Simons nicht mehr selbstverständlich. Demokratie, Toleranz und Freiheit gilt es wieder aktiv zu verteidigen, so Hollands berühmter Sohn. Nun auch in Deutschland.

Simons: „Das Beste kommt zum Schluss, sagt man hier. Und das stimmt, viele Projekte haben sich 2017 vollendet. Wir hatten die drei Jahre als Ganzes geplant. Aber wie bei jedem Prozess weiß man nie, was zum Schluss rauskommt. Deswegen bin ich froh, dass es doch so gelungen ist. Es war mir eine Ehre!“ – Und es ist ihm wirklich gelungen: Tanz, Musiktheater und unter ihm wieder Schauspiel, geballt in einer Region - für sowas müsste man sonst die ganze Welt bereisen. So gilt Simons Dank seinem RT-Team und den mehr als 700 Künstlern, die er in 135 Veranstaltungen bei 41 Produktionen mitwirken ließ. Davon 28 Eigenproduktionen, 23 Uraufführungen, Neuinszenierungen, Deutschland-Premieren und Installationen. Und er dankt natürlich dem Publikum, das in seinen Jahren so zahlreich zur Ruhrtriennale strömte.

Es war auch diesmal für Alle was dabei:

Jugendveranstaltungen im Kunstdorf des Ateliers Van Lieshout, heiße Partynächte, Talk.Runden - und für ganz harte Schauspiel-Fans auch mal neun Stunden Theater am Stück („Liebe+Geld+Hunger“ nach Emile Zola). Moderne Oper, zuvor nie gehörte, eigens komponierte Konzerte, zum Auftakt eine große, sehr persönliche Rede (dies hat Simons eingeführt) diesmal von der Literatur-Nobelpreisträgern Herta Müller gegen Diktatur und Unterdrückung.

Zum Abschluss Beethoven at is best von den Bochumer Philharmonikern in ihrem neuen Musikforum Ruhr auf die Ohren und den Solar-Plexus:

„Missa Solemnis“ – 80 Minuten unter GMD Steven Sloane, der Orchester, Chor und unglaubliche Solisten zu Höchstleistungen brachte. Und es war ja kein einfaches Stück, das Beethoven seinerzeit unter Zeitdruck und Selbstzweifeln ursprünglich für seinen Förderer Erzherzogs Rudolf komponieren hat wollen. Bochums Publikum war hingerissen und klatschte sich am letzten Tag der Triennale zu Recht die Hände wund, gleichzeitig setzte die letzte Vorstellung von Simons eigener Inszenierung „Cosmopolis“ den Hallen-Schlusspunkt am alten Bochumer Verein.

Wenn der „gefühlte Erfolg“ eines Intendanten sich auch noch in Zahlen widerspiegelt, dann darf er auch ein bisschen stolz sein. Die Präsentation der nackten Zahlen überließ Simons jedoch 2017 der neuen RT-Geschäftsführerin Vera Battis-Reese: Von insgesamt möglichen 37.000 Ticket wurden 34.000 verkauft. Und auch die 45.000 Besucher, die sich kostenlose Veranstaltungen und Installationen gegönnt haben, sprechen für sich.

Bestbesucht waren dies Jahr:

Debussys schwierige Oper „Pelléas und Mélisande“ (von 1902, Regie: Krzystof Warlikowski) mit 5.300 verkauften Tickets und deLillos Roman-„Verbretterung“ namens „Cosmopolis“ (3.000) in Simons Eigen-Regie. Beide unterm Riesen-Dach der Jahrhunderthalle. Selbst die anspruchsvollste Jelinek-Inszenierung „Kein Licht“ in Duisburg (angekündigt mit einem musizierenden Hund) verkaufte 2.400 Tickets! Sowohl Platz-Auslastung als auch Besucherzahl der Triennale: In allen drei Simons-Jahren auf höchstem Niveau.

Auch rund 930 Journalisten aus aller Welt (u.a. aus Südkorea, Japan, Russland, USA, Australien und natürlich Europa) haben in diesem „Jahrdritt“ die Ruhrtriennale besucht und berichtet. Dazu 730 internationale Kulturschaffende, Theaterleute und andere Künstler. Sie alle tragen ein neues, spannendes Bild von der erstaunlichen Ruhr-Kultur in die Welt.

Wir fragten Johan Simons, was er bis zu seiner Übernahme des Bochumer Schauspiels im Sommer dann noch so macht und - wen er an die Königsallee mitbringen will:

Johan Simons:
Im Dezember habe ich Premiere am Wiener Burgtheater mit „Radetzky-Marsch“ nach dem Joseph-Roth-Roman. Ja, und auch die Vorbereitungen für Bochum laufen schon: Gleich am Tag Eins nach der Triennale traf ich mich mit Schauspielern und schaue mir jetzt hier Vorstellungen an. Begleiten werden mich auf jeden Fall vom RT-Team die Dramaturgen Vasco Boenisch, Koen Tachelet, Dorothea Neweling, Tobias Staab und Cathrin Rose.

Cathrin Rose lebt ja seit langem in Bochum und war schon mal bei Leander Hausmann am Schauspielhaus Dramaturgin. Ihr tolles Jugend-Projekt „Teentalitarismus“ ist für den Preis der Bundesregierung für Kulturelle Bildung 2017 nominiert worden. Nachwuchs-Arbeit am Theater ist also auch sehr wichtig für Sie?

Simons: Auf jeden Fall. Bei „Teentalitarismus“ haben Jugendliche aus vielen Nationen, die hier leben, mitgemacht. Und haben sich viele gute Gedanken gemacht um die Welt, in der sie leben möchten. Das ist natürlich ein sehr wichtiges Thema für die nächsten Jahre: Gegen Ausländerhass, da braucht man eine klare Haltung. Und wir müssen klären und aufklären, woher dieser Hass kommt. Damit er nicht weiter wächst. Theater kann Nähe schaffen und Vorurteile anders anpacken als Politik. Das Revier war immer international und hat eine große integrative Kraft, die mir sehr imponiert. Auf Arbeit, bei Opel, in den Fabriken und unter Tage war es immer egal, wo Du her kommst: Man war aufeinander angewiesen und hat sich zusammen gerauft. Das haben mir viele bestätigt bei unseren Diskussionen, wenn sie sich an die letzten Jahrzehnte erinnert haben. Wir waren hier also schon mal weiter! Und müssen auch schnell wieder dahin.

Johan Simons, vielen Dank für das Gespräch. Und bis spätestens zu Ihrer Spielzeit-Eröffnung hier im Herbst 2018: „Toi Toi Toi !“.
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