Begehren

Anzeige
Körperpflege braucht man, auch im fortgeschrittenen Alter! Hässlich war Sonja ja nicht, noch nicht. Und beweglich war sie auch.
So verhungert auszusehen wie die Damen der Mittelschicht, die sich kaum einen Sinnengenuss erlaubten, um dem von Werbung und Wirtschaft propagierten Ideal zu entsprechen, war ihr zu doof.
Ob Rüschenrock oder Merkel Anzug, Pumps oder Turnschuhe – Variationen ihrer Kleidung liebte sie und störte sich nicht um anderer Leute Betrachtungsweisen. Ein standardisiertes Festlegen auf einen Frauentyp war ihr zuwider.
Sie hasste Damenhandtaschen mit all dem Firlefanz, den Frauen mit sich herumtrugen, darin unendlich kramten, um dann einen verschmierten Lippenstift hervorzuholen. Doch wenn sie bei ihren Geschlechtsgenossinnen mehr Busen als Hirn vermutete, nahm sie weder Busen noch Gehirn als glaubwürdig an.

Das Frühjahr kam. Es krachte und knackte in den Knochen. Socken im Stehen anzuziehen schien sich jetzt doch als eine komplizierte Angelegenheit zu entwickeln.
Ein Kurs musste her! Ein Fitnesskurs!
Er nannte sich: „Sanfte Fitness – auch für Ältere geeignet“. Natürlich waren dort nur Frauen, denn welcher Mann würde zugeben, sich als „älter“ zu bezeichnen oder „sanfte Fitness“ zu benötigen? Die polnische Trainerin, die Übungen wie eine Märchenerzählerin im polnischen Singsang vortrug, war, man kann sagen, eine sehr sanfte Bereicherung, aber es machte Spaß, sich zu bewegen, sofern sie die blumigen Anweisungen der Trainerin verstand. Wenn nicht, lag sie eben still auf der Matte und entspannte sich.

„Und du hattest keinen Muskelkater?“ fragte Tom. „Dann bist du ja noch ganz fit.“ Er selbst war groß und kräftig, aber leicht untersetzt und sie vermutete, er könne sich auch nicht die Socken im Stehen anziehen.
Sie hatte ihn zufällig in einem Forum kennengelernt und als er ihr sein Foto schickte, war sie hin und weg gewesen. Solche großen klaren Augen, solch ein angenehmes offenes Lächeln! Ein Künstlerfreund urteilte: „Er hat ein enormes Schönheitspotential.“ Der Nachteil der Sache war leider nur, dass dieser Traummann 22 Jahre jünger als sie war.
Der erste Eindruck war überwältigend. Sein Chanel Parfüm stieg ihr in die Nase. Frech lugte er in ihren Ausschnitt. „Ach, hast du dich für mich fein gemacht? Schwarze Unterwäsche?“ – „Überhaupt nicht“ antwortete sie ehrlich entrüstet. „ Die trage ich immer.“ – „Oh schön, dass ich das weiß“ Ein heißes freches Spiel begann, doch es machte ihr Spaß. „Zeig mir deine Titten. Ich will deine Titten sehen!“ Jetzt ging er zu weit. „Ich kann dir ein Foto zeigen.“ – „Wie?“ fragte er erstaunt, „Du hast ein Foto von deinen Titten?“ Er rückte näher und las ihren Notizzettel auf dem Tisch und schrieb darauf: - „Tüten zeigen!“ So viel Frechheit war ihr noch nie passiert. Überrascht musste sie lachen, als er auf diese Todo-Liste neben den Punkt „Nägel“ seinen Punkt „nageln“ hinzufügte. So richtig ernst nahm sie ihn ja nicht, denn sie gestattete Welpenschutz, fand die Angelegenheit aber prickelnd erotisch.
„Hose runter!“ befahl sie. „Zieh dich aus!“ Machte er das jetzt? Oder würde er kneifen? Tatsächlich öffnete er seine Hose und hielt ihr seinen Schwanz hin. ….. „Warum nicht?“dachte sie. „Es ist ein Spiel“ und Hand und Zunge begannen zu arbeiten.
Später verschwand sie ins Bad. „Du kannst mich doch jetzt hier nicht einfach so stehenlassen!“ rief er hinter ihr her. „Wie soll ich denn jetzt ins Bad kommen!“ Seine Hose hing auf Halbmast. „Das wirst du schon schaffen!“
Er liebte ältere Frauen. Er brauchte heftigen Sex als Ausgleich zu seinem angepassten, seriösen Beruf, in dem er gut gekleidet Kunden aufsuchen und ständig Haltung bewahren musste.
Am nächsten Tag ging das Spiel von neuem los. Seine Mails waren eindeutig. Er saß im Büro, hatte nichts zu tun und so beschäftigte er sich ausschließlich mit seinem Hobby und mailte Anzüglichkeiten. „Ich will dich ficken…. Gefällt dir mein Schwanz?“ – „Meine Güte“ dachte sie. „Soll ich ihm ein Lob aussprechen über ein Körperteil, das man nicht unbedingt als schön betrachten kann?“ Obwohl eine Vagina auch nicht so wunderbar aussieht wie es die Emanzen proklamieren. Man wundert sich auch, wie Frauenärzte und Urologen überhaupt noch Gefallen an Intimitäten finden konnten, wenn sie sie Tag für Tag begutachten müssen. „Wenn ich Friseuse wäre, hätte ich auch keine Lust mehr auf Haare.“
Jetzt jedenfalls atmete sie tief durch. Das Wort mit „f“ kam ihr doch reichlich schnell vor. „Du kannst meinen Abwasch machen.“ Irgendwie hatte dieses Spiel für sie einen gewissen Unterhaltungscharakter, irgendwie…
Nach zwei Stunden intensivem Chattens, bei dem aber auch alles verbal ausgeführt worden war, hatte sie keine Lust mehr: „Jetzt tu mal was in deinem Büro, hau rein!“ und verschwand aus dem Chatroom. Kaum hatte sie den Computer ausgeschaltet, rief er an: „Du hast mich so angemacht….“
Er hastete zu ihr. „Aber nicht, dass du im Auto schon Vorarbeit tätigst! Denk an die kleinen blauen Männchen!“
Er hatte nur eine halbe Stunde Zeit, danach noch einen Kundentermin, war in Stau gekommen und hatte noch zwei Mal angerufen.
Wie beruhigte man einen völlig gestressten Mann, wenn er nur eine halbe Stunde Zeit hatte?
„Zieh dich aus und geh ins Bett.“ Er glotzte sie aus seinen schönen Augen an und gehorchte. Bei diesem jugendlichen Temperament war die halbe Stunde mehr als ausreichend. Sie lagen nebeneinander und seine großen schönen Kinderaugen waren dicht neben den ihren.
„Wie viele Affären hast du denn noch?“ Er zögerte. „Ich will schließlich wissen, mit wem ich teile.“ Er hob zwei Finger: „Drei, nein zwei. Die eine ist älter als du und das geht jetzt schon über 1 ½ Jahre.“ Nun ja, ehrlich war er ja.
„Du hast aufrichtige Augen, trotz deines Berufs ….“ sagte sie und er lachte. Sie hatte sich nicht in den Sex, seine Sprüche, nicht in sein bestes Stück, das sie jetzt ja nun kannte, verliebt. Sie begann, sich in seine Augen, den Spiegel der Seele, zu verlieben. Sie schienen ihr wie ein Stück unverdorbener Kindheit, einen Traum, den sie nie zu träumen gewagt hatte.
Als er gegangen war, lag noch stundenlang sein Chanel Parfüm in der Luft. Sie schnupperte, lächelte etwas, wenn sie an ihn dachte, den frechen Draufgänger mit den Kinderaugen….

Epilog:
ein halbes Jahr später…

„Wenn du die Geschichte rausbringst, krieg ich aber Tantième.“ sagte Tom.
„Quatsch, ich verdiene doch nichts daran. Und im Übrigen muss ich dir ein großes Kompliment machen.“ – „Ja?“ – „Man kann sich auch ganz normal mit dir unterhalten…..“
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.