Borboletta oder die Zeitenwende... ein modernes Märchen

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Borboletta segelte windleicht im glänzenden Sonnenlicht von einer gelben Ginsterblüte zur nächsten. Sein außerordentlich feiner Geruchssinn zeigte ihm genau an, in welcher der Blüten er den köstlichen Saft trinken konnte und er labte sich genüsslich, um dann wieder unterhalb des dichten Laubwerkes der Bäume, im hellgrünen Moos, eine Ruhephase einlegen zu können.
Wie lange war er jetzt auf diese Weise unterwegs? Er wusste es nicht. Konnte sich nur an gleißendes Sonnenlicht erinnern, und an den Regen, der seine feinen samtigen Flügel fast verklebt hätte, wenn er nicht den Schutz der Eiche gefunden hätte.
Einmal allerdings, erinnerte er sich, hatte er ein grausliches Erlebnis gehabt.
Wie hatte ihn sein Geruchssinn nur so trüben können! Ein glattes schwarz glänzendes Ungetüm von einem riesigen Monster, mit zwei großen schleimig vibrierenden Löchern schien wirklich gut zu riechen und versprach einen leckeren Schmaus. Doch als er sich niedersetzen wollte, riss darunter ein riesiger roter Rachen auf, mit scharfen spitzen Zähnen, schnappte - und mit letzter Mühe konnte sich Borboletta auf den nächsten Ast retten. Sein linker unterer Flügel hatte bei dieser Aktion gelitten, er sah etwas zerfranst aus. Was soll´s! Etwas anderes ging ihm von einem Tag auf den anderen nicht mehr aus dem Sinn.

Er dachte angestrengt nach: Wo kam er her? Wohin ging er? Was war der Sinn von all´ dem Herumflattern, dem Sattessen und wieder Hunger bekommen? Wo war sein Plan auf dieser Welt? Er grübelte lange, doch fand keine Antwort.

Eines Tages, während er auf einem dünnen Ast saß und grübelte, entspann sich aus seinem Körper wundersam ein silbriger Faden – und dann noch einer. Immer mehr Fäden quollen aus ihm hervor und hüllten nun schon seine Beine ein.
Was sollte das? Aber da er von gelassenem Gemüt war, betrachtete er diese Entwicklung ohne Hast. Am folgenden Tag war er kaum noch zu sehen, so sehr hatten ihn seine eigenen Auswüchse eingesponnen. Er genoss die Ruhe und Ausgeglichenheit, die einsetzende Verdunklung rund um seinen Körper. Ja, er konnte innehalten und war den vielen Erledigungen seines Lebens enthoben. Er träumte jetzt viel, unkonkret.
Manchmal erinnerte er sich an die ein - oder andere Blüte, und an sein damaliges großes Missgeschick mit dem schwarzen Ungetüm. In Gedanken flog er weiter, höher, als er es sich je hätte träumen lassen, der Sonne entgegen, hinaus aus dem Schatten des Waldes. Doch noch wusste er, dass dies ein Traum war. Später war er sich da nicht mehr so sicher. Auch überlegte er, wie er hieße. Wie hatte er sich genannt? Bullet, Banquette? Was für ein komischer Name!
Mittlerweile befand er sich im warmen, geborgenen Nest seiner Fäden, die ihn freundlich umspannten. Seine Flügel schrumpften, stellte er fest, er verwandelte sich in etwas Weiches, Feines und ließ es geschehen, da er sich sowieso nicht dagegen wehren, dagegen auflehnen konnte. Er wurde kleiner und kleiner, zarter und zarter, schien sich nicht mehr bewegen zu können. Nein, er wurde nicht zum Wurm, er war kein Wurm. Sein Schicksal ließ diese Phase aus. Er verwandelte sich in einen anderen Zustand, einen Urzustand. In ein winzig kleines Ei, dünnhäutig, zerbrechlich und kaum erkennbar, eigentlich gar nicht sichtbar. Er fühlte noch, aber er dachte nicht mehr. Sein Bewusstsein war nahezu erloschen.

Und dann geschah etwas Erstaunliches! Das winzige Ei wuchs, wurde größer und größer, verdoppelte sich, vervielfachte sich – und auf einmal entstand aus ihm ein Würmchen, ein kleines Wesen, das einen riesigen Hunger verspürte und begann, junge grüne Blätter zu kosten. Sie schmeckten vorzüglich und es nahm an Gewicht und Größe zu. Je mehr es sich bemühen musste, sein Futter zu erreichen, desto mehr begann es, zu denken, bis die Gedanken klar und breit wurden.
Borboletta war nicht mehr Borboletta. Er war etwas Neues, eine neue Kreatur, auch wenn er früher wohl so einen Namen gehabt zu haben schien. In ihm war ausgelöscht, was er früher gewesen war oder hätte sein können. Alles war neu und er genoss frisch, neugierig und fröhlich das Leben.
Sein Körper wurde härter, stabiler, sicherer. Ihm wuchsen Flügel, schöne zarte Flügel, die im Sonnenlicht glänzten, und er wagte eines Tages den ersten Flug. Er wusste immer noch nicht, wer er war, aber das spielte letztlich keine Rolle mehr. Er begnügte sich mit dem Satz: „Ich bin.“
Und der schien ihm alles zu sagen.
Als er dem gleißenden Sonnenlicht entgegen flatterte und zwischen Ginsterblüten den süßlichen Geruch des Nektars einatmete, gierig daran sog, spazierte ein verliebtes vierzehnjähriges Mädchen auf dem Weg.
Sie erblickte ihn und blieb träumend stehen, entzückt über seine Anmut, seine Leichtigkeit und lächelte:
„Wie schön!“

(Borboletta ist das portugiesische Wort für Schmetterling)
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