Das verunglückte Weihnachtsgeschenk - eine wahre Geschichte

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Das Weihnachtsgeschenk, circa 1997

„Kannst du mir mal eben helfen, den Gefrierschrank umzustellen?“ – „Mama – es ist ein Uhr nachts!“
Nein, ich war keine normale Mutter und meine Tochter hatte zu leiden, viel zu leiden unter meinen spontanen Einfällen und Ideen. Und auch unter diversen männlichen Wesen, die ich so anschleppte, natürlich nacheinander. Zumindest meist. Es war anstrengend für sie und mitunter nervend, wenn ich von jemandem oder etwas begeistert war, dass sich dann als Riesen – Flop herausstellte. So lernte sie, flexibel reagieren zu können und das kann sie jetzt in ihrem Job als Journalistin hervorragend gebrauchen. An Kommunikation hatte es ihr nie gefehlt, im Gegenteil. Ich unterhalte mich gerne, über alles und jedes, über alle und jeden, so dass auch sie eine außerordentliche Begabung dazu besitzt. Ich will ja nicht angeben, aber vielleicht hat sie auch das von mir. Äh, nein, sie scheint mir rationaler.

Als wir gerade von einer Liebschaft in eine kleine Wohnung geflüchtet waren, ergab sich, dass das Weihnachtsfest vor der Tür stand. Man schenkte sich ja nichts, oder nicht viel, nur kamen wir beide mit vollgepackten Einkaufstüten aus der Stadt, mit verstohlenem Blick, und merkwürdige Dinge wurden in einer Ecke des Zimmers, im Kleiderschrank oder unter dem Bett verstaut.
Eines Abends kam sie mit hocherfreutem roten Kopf und einer dicken Tüte, die sie schnell in ihr Zimmer brachte. Es knisterte und raschelte. Und dann geschah das Malheur. Sie kam mit einem entsetzten Blick in die Küche und begann, erschütternd zu weinen. Schluchzte. Stammelte. Ich wusste nicht, was los war und bekam erst nach und nach heraus, was passiert war. Nachdem ich sie überredet hatte, zeigte sie mir das Unglück. „Ich habe so ein schönes Nachthemd für dich gekauft…“ heulte sie. „ Glänzend blau mit Mond und Sternen….“ – „Und ich wollte eine große rote Schleife drum machen….“ schluchzte sie. „Und jetzt …. Der Nagellack ist in der Tüte ausgelaufen. Es ist alles kaputt.“ Sie schüttelte sich vor Tränen.
Was macht man als Mutter da? Nun, ob andere Mütter da noch rational bleiben können, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich nahm sie in die Arme, drückte sie fest an mich, und ich glaube, jetzt, nach Jahren in meiner Erinnerung, ich konnte mich auch nicht beherrschen, denn auch während ich das schreibe, kommen mir noch die Tränen.
Auf jeden Fall unternahmen wir einige ausgiebige Terpentin- und andere Waschprozeduren. Und so schlimm waren die Flecken nicht, nur an ein paar Stellen. Wir kriegten es wieder hin. An Weihnachten aßen wir Käsefondue, aber sie mochte den Wein und Schnaps darin nicht, und mir wurde schlecht, weil ich mich total überfressen hatte. Ich spielte den Nikolaus mit sehr viel Watte rund um das Gesicht in einem weißen Bademantel, aber mit einer sehr schönen großen Tüte – und sie sah mich ungläubig an, wie bescheuert eine Mutter doch sein konnte. Tja, es war wohl nicht originalgetreu. Außerdem, für eine Vierzehnjährige…
Das Nachthemd habe ich immer noch, nach fünfzehn Jahren, glänzend blau mit Mond und Sternen und in kalten Wintern trage ich es. Nur – es war von Anfang an zwei Nummern zu groß
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