Die Action-Lesung "Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990" im Rottstr5-Theater ist ein doppelbödiges Vergnügen

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Der schwermütige Edward versucht, sich selbst mit Konfetti aufzuheitern. (Foto: Remer)

Aneignung existenzialistischer Philosophie, halbironische Reflexion über Tierrechte, Auseinandersetzung über die Grenzen zwischen legitimem Widerstand und Terrorismus – das alles ist „Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990“, von den Geschwistern Miriam und Ezra Elia 2012 erstmals veröffentlicht. Nachdem die von Hans Dreher eingerichtete Theaterfassung anlässlich der Wiedereröffnung der Rotunde erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden ist, kommt sie nun auch an Drehers angestammter Wirkungsstätte, dem Rottstr5-Theater, zu ihrem Recht. Die Action-Lesung bietet dem wunderbaren Schauspieler Lukas Vogelsang ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten.

Formal ist das Ganze eher ein Solo-Theaterstück als eine Lesung im herkömmlichen Sinne. Mit Requisiten, Perücken, Einsatz von Lichteffekten und Musik schafft Vogelsang, der am Schauspielhaus, am Prinzregenttheater und an der Rottstraße an Jugendtheaterprojekten mitgewirkt hat und mittlerweile auch in regulären Repertoire-Produktionen wie „Odyssee“ im von Hans Dreher geleiteten Theater unter den Gleisen zu sehen ist, umwerfend komische Momente. Zugleich gelingt es ihm, der Auseinandersetzung des Hamsters mit Widerstandsrecht und Unterwerfung, Freiheit und Selbstbeschränkung, Liebe und Verlust eine erstaunliche Tiefe abzugewinnen.

Hungerstreik scheitert schon nach wenigen Minuten

So ist Edward der selbst gewählten Rolle als politischer Gefangener offensichtlich nicht gewachsen – er bricht seinen Hungerstreik nach wenigen Minuten ab. Als Zuschauer fragt man sich da unwillkürlich, was Gudrun Ensslin wohl zu einer solch laschen Haltung gesagt hätte: Die RAF-Frontfrau neigte ja bekanntlich dazu, Genossen, die ihrer Ansicht nach nicht schnell genug an Gewicht verloren, zusammenzustauchen. Dass sie es selbst mit dem Hungern dem Vernehmen nach – wie andere Führungspersönlichkeiten der RAF auch  – nicht ganz so genau nahm, sei da nur am Rande erwähnt.
Edwards Kämpfe um Freiheit und Sinn lassen ihn in einen Bereich vorstoßen, der gemeinhin als menschliche Domäne gilt – Gegner des Speziesismus dürften entzückt sein. Oder aber sich wegen des teils zotigen Humors und der Ironie lächerlich gemacht fühlen. Wenn Ironie das In-die-Schwebe-bringen-von-Problemen ist – und für diese Lesart spricht ja doch einiges – machen Dreher und Vogelsang hier alles richtig.

Termin
Die Action-Lesung „Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990“ kommt am Sonntag, 27. August, um 19.30 Uhr wieder auf die Bühne des Rottstr5-Theaters.
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