Die Bochumer Synagoge...eine Geschichte

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Meine Mutter und ich hatten noch etwas Zeit, bevor die Veranstaltung des Musiksternentheaters im Bochumer Planetarium begann. Wir gingen die Stufen vom Parkplatz hinauf und standen unversehens vor der neu erbauten Bochumer Synagoge. Ich war bei der Grundsteinlegung zugegen gewesen und schwärmte meiner Mutter von den sechs kleinen, in Glasfenstern angeordneten jüdischen Sternen vor, die die Hauptwand zierten.
Meine Mutter wollte sie unbedingt sehen. Wir läuteten an der gut bewachten Tür dieses rechteckigen Gebäudes und ein Mann öffnete. Er fragte nach unserem Anliegen. „Entschuldigen Sie bitte, können wir uns die Synagoge vielleicht einmal ansehen?“ Er zögerte. Nachdem er sah, dass unser Interesse aufrichtig war, ließ er uns herein und zeigte uns den Gottesraum.
Im Halbkreis angeordnet befanden sich die Sitzreihen, für die Frauen auf der einen, für die Männer auf der anderen Seite. Mit einem Anflug von Stolz erklärte er: „Früher, bei den orthodoxen Juden, mussten die Frauen auf dem Balkon sitzen, aber jetzt hat sich ja vieles gewandelt.“ Ehrfurchtsvoll und stolz zeigte er uns ihre „Thora“, die Schriftrollen, die er aus einem reich verzierten Behältnis nahm. Die große Eingangstür zierten, in Messing eingraviert, die hebräischen Anfangsbuchstaben der zehn Gebote.
Als wir drei dort in dem großen Gottesraum standen, erzählte meine Mutter von ihrem lebenslangen Engagement in der evangelischen Gemeinde. Der Mann hörte es interessiert. Dann wies auf die Decke des Raumes und sagte: „Ja, im Grunde ist es doch alles das Gleiche. Es gibt nur den EINEN da oben.“ Andächtig verbunden, sichtlich bewegt, standen wir still da und blickten zu den jüdischen Sternen.
Meine Mutter erzählte lebhaft von ihrer Klassenkameradin in der Grundschule, die Jüdin gewesen war: “Sie sagte eines Tages: Du wirst mich jetzt eine Zeitlang nicht mehr sehen. Wir fahren nach Amerika. Sag niemandem etwas davon – und ich habe es auch nicht getan, denn ich gehörte zur „Bekennenden Kirche“. Sie war eine gute Freundin, aber ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Am nächsten Tag kam sie nicht zur Schule. Von da an war sie verschwunden.“
Der Mann fragte: „Wie hieß ihre Freundin?“ – „Esther Straub.“ - “Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Wir haben hier eine Kartei von sämtlichen Bochumer Juden aus dieser Zeit.“
Er ging und brauchte eine ganze Weile, bis er wiederkam. Meine Mutter fragte: „Haben Sie sie gefunden? Lebt sie noch in Amerika?“ Er schaute ernst zu Boden, sichtlich bedrückt, und schien nicht zu wissen, was er sagen sollte.
„Was ist … war mit ihr?“
Leise sagte er: „Ich habe die Straubs in unserem Archiv gefunden.“ – „Und?“ fragte meine Mutter. „Sie haben es nicht geschafft. Sie sind nie in Amerika angekommen. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass die ganze Familie deportiert worden ist. Jemand muss von ihren Plänen gewusst haben. Sie sind alle 1944 in Auschwitz ermordet worden.“
Fassungslos erschüttert wurden wir bleich.
Meine Mutter stammelte: „Wie…wie kann das sein? ...Wir… wir lebten alle zusammen.“
Unfähig zu sprechen, unfähig Worte zu finden, standen wir im Gottesraum, betrachteten die Sterne, das kunstvoll gestickte Altarbild…
„Nur ein Gott…“ murmelte ich. „Wenn er doch geholfen hätte…“
Mit hängenden Schultern verabschiedeten wir uns von unserem freundlichen jüdischen Führer. Als wir den Kirchenraum verließen, setzte er sein kleines Käppi wieder ab.
„Vielen Dank für die Führung, und … wenn es zu verzeihen ist … verzeihen Sie… unserem Volk…“
Aber in diesem Moment waren wir nicht sicher, dass dies zu verzeihen war.
Und der „Eine Gott“ hatte geschwiegen.
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