Die merkwürdige Entsorgung eines Liebhabers

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Die mittelalterliche Stadt auf dem sanften Hügel lag wie eine Ahnung im diffusen Sonnenlicht.
Ich hatte mich auf den Urlaub in der alten Stadt besonders gefreut und viel Besichtigungsmaterial zusammengestellt. Wir hatten den steil aufragenden gotischen Dom mit seinem berühmten geschnitzten Altar besichtigt, waren auf der romantischen schmalen Stadtmauer fast um die gesamte Stadt herumgegangen und hatten in einem Restaurant fränkische Spezialitäten gegessen.
Doch mein Begleiter hatte sich in Schweigen gehüllt, in eine unerklärlich kühle Abwesenheit. Er hatte mich nicht verlassen, nein, er war körperlich an meiner Seite, aber - er war da – und war nicht da, entzog sich meinen Blicken, meinem Lächeln in einem nebulösen Schein seiner selbst. Wie ein Schatten wanderte er neben mir her, jederzeit bereit, meine Aufmerksamkeiten und Gesprächsoffensiven in einem schwarzen Loch versinken zu lassen.
Zunächst war ich lediglich ein wenig irritiert gewesen, doch sein absonderliches Verhalten breitete sich in mir aus wie ein eiskaltes Blau der Antarktis, wie ein abstruses Blau der Verlorenheit. Meine nicht geweinten Tränen zerbröselten im Rinnstein der Erinnerung.
Sein kinnlanges schwarz glänzendes Haar leuchtete wie blauschwarzes Gefieder und seine leicht gebogene Hakennase trat etwas hervor. Seine Lippen formten ein festes Schweigen, bewegten sich nicht und seine dunklen Augen funkelten gefährlich. Er hatte unbedingt in diese Stadt gewollt und nun sprach er nicht, räusperte sich nur ab und zu und es hörte sich an wie ein merkwürdiges befremdliches Krächzen.
Ich balancierte über das runde massive Pflaster von einem Stein zum anderen. Ein Brunnen plätscherte in einer Mauerecke und Japaner ließen sich davor fotografieren. Die winkeligen Gassen mit den kleinen schiefen Häusern und den kleinen schiefen Dächern schliefen beharrlich in der Mittagssonne. Geranien zierten die Fenstersimse in trübem Rot, seltsam gekrümmte Türklopfer aus Messing schwangen wie fratzenhafte Tiergesichter an den kleinen tiefliegenden Eingängen. Man musste sich bücken, um in diese Häuser zu gelangen. Die Gassen erschienen romantisch verwinkelt und doch düster beengt. Von der Turmuhr ertönte ein schepperndes mysteriöses Glockengeläut.
Wann hatte er mich verlassen? Oder war es nur meine Illusion gewesen, er sei mir nahe gewesen? Hatte ich ihn jemals gekannt? Ein bleischwerer Stein drückte auf meine Brust und nahm mir den Atem. Ich rang nach Luft. Meine ungeordneten Gedanken hatten nur noch einen Wunsch: - Ich muss hier raus! Raus aus der Stadt, aus dieser mittelalterlichen Festung, den hohen Mauern. Fort von diesem seltsamen Mann, der einst mein Partner gewesen zu sein schien.
Vor mir erhob sich groß und stattlich das alte gigantische Stadttor, prächtig anzuschauen mit seinen standfesten steinernen Mauern. Es wölbte sich über die Strasse in einer letztlichen Endgültigkeit.
Kindisch stellte ich mir vor: - Wenn ich jetzt dort hindurchgehen würde, würde es dann Pech regnen oder ein Goldregen auf mich nieder fallen? Dieses Tor in seiner Größe und Schönheit erschien mir mit einem Male wie ein Zugang zu einer anderen Welt, von deren Wo und Wohin ich noch nichts sagen konnte. Es war eine Entscheidung! Es musste es eine Entscheidung sein!
Vorsichtig und zaghaft begab ich mich unter das Tor mit seinem kühlen beruhigenden Schatten. Ich fühlte mich sicher wie an der Schwelle einer vertraut gedachten und doch fernen Veränderung. In die Gasse zurückblickend, schaute ich nach meinem Begleiter.
Er war weg! Nein, er war nicht plötzlich auf die andere Straßenseite gegangen oder in dem Gewühl der Menschen verschwunden. Er war nicht mehr da. Komplett weg. Ich blinzelte in die Helligkeit, versuchte, ihn ausfindig zu machen, doch er blieb verschwunden, hatte sich ganz plötzlich scheinbar in Luft aufgelöst.
Ein abstruses Gefühl ließ mich stutzten. Hatte dieser große glänzende schwarze Rabe, der mitten auf der Straße stolzierte, etwas mit ihm zu tun? Dieser Rabe schaute, so schien mir, auf merkwürdige Weise genauso unbeteiligt, wie es mein Begleiter oftmals getan hatte. Dem schwarzen Vogel mit dem gekrümmten Schnabel und dem blauschwarzen Gefieder schien fast alles gleichgültig zu sein, denn langsam und fast lethargisch stolzierte er auf ein kleines Haus zu, schwang mit ruhigen Schlägen seine schwarzen Flügel und flog krächzend zum Sims des Daches hinauf. Von dort aus starrte er mich durchdringend an.
Ich verharrte reglos im Tor. Konnte es sein, dass er wirklich fort war, der Unliebsame? Mein Herz begann wie wild zu pochen und durch meine Adern rann ein Strom von heißem Blut. Nur noch einen Schritt – schon sah ich den Ausgang aus dem dunklen Tor, aus der engen verwinkelten Stadt!
Wie im Traum stand ich plötzlich in einer blühenden lieblichen Landschaft. Blinzelnde Sonnenstrahlen streichelten mein Gesicht, liebkosten meine Augen. Ein strahlender Südwind, gelborange, ließ mich lebendigen, nahm mich auf einen sanften Traumflug über Bäche und Täler, Berge und Felder mit. Tief atmete ich die angenehm kühle Luft in meine befreiten Lungen ein. Ich konnte New York sehen, und San Francisco, die Arktis und die Steppe in Afrika. Und alles zur gleichen Zeit! Welche Welt stand mir jetzt bevor, wenn ich nur noch einen Schritt weiterwagen würde! Lachend und leicht hüpfte ich in die neue Weite hinaus.
In hohem Bogen warf ich meine Schuhe fort und tanzte über das Pflaster.
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2 Kommentare
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 04.08.2015 | 17:50  
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Ingrid Dressel aus Bochum | 04.08.2015 | 23:52  
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