Die nette kleine Katze...

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Es war wieder so weit. Wir hatten Vollmond. Der Vollmond erhob die dunklen Kräfte in mir, ich fühlte mich mit einem Male frei wie ein umherstreifender Wolf auf der Suche nach Beute. Bei Vollmond schienen meine Hormone mit ungesättigter Gier zu sprießen und zu fließen. Meine Eckzähne stachen plötzlich weit aus meinem Rachen hervor und meine Lippen färbten sich blutrot. Durch meinen Nacken rann ein brennend heißer Strahl, breitete sich im gesamten Körper aus und ich war bereit. Wozu ich bereit war, wusste ich nur schattenhaft. Um den aufkommenden Beißinstinkt meiner gewachsenen Zähne einigermaßen unter Kontrolle zu halten, behalf ich mich mit Lakritz, hartem holländischem Lakritz, doch es schmeckte widerlich und ich spuckte es in hohem Bogen aus. Ich brauchte etwas anderes, etwas…
Spät abends besuchte mich Adrian, ein seltsam dunkler Rabe von schwarzer Schönheit. Lackglänzendes Haar fiel ihm auf die Schultern, seine Augen waren undurchdringliche schwarze Höhlen. Er lächelte. Ich sah seinen breiten Rücken, seinen gerundeten Po und bekam einen unüberwindbaren Speichelfluss, der mir fast aus dem Mund rann. Meine Nackenhaare stellten sich borstig auf. Er lispelte etwas und das fand ich süß. Es wirkte arglos. Aber meine Augen wurden glasig, als er mich anschaute. Er stand auf, beugte sich etwas über mich und spielte mit meiner Haarsträhne, starrte mich durchdringend an. „Was – was – was – willst du?“ Die Luft vibrierte. Wie mit einem Blitz veränderte sich das Zimmer, Möbel wichen in einem bunten Brei zurück. Es gab nur noch ihn und mich. Über meinen Rücken rann ein kochend heißer Strahl, breitete sich in Arme und Beine aus. Ich schielte auf seinen Hals, nein, ich wurde ganz wild von seinem weißen glatten Hals. Dieser Hals lag so dicht vor mir, hatte etwas Unschuldiges, etwas Verletzbares, Verwundbares.
Er schien es bemerkt zu haben, denn plötzlich hielt er mich mit seinen starken Armen und Händen fest, umklammerte meine Handgelenke wie mit einem Eisengriff. Ich konnte mich nicht bewegen, versuchte, ihn spielerisch in die Eingeweide zu treten, aber er wich aus. Er packte mich, ließ mich los, packte mich wieder und ließ mich los. Wie zum Spiel. Der harte Klammergriff brachte mich völlig in Rage. Es war mir unmöglich, dagegen anzukommen.
Mein Blut kochte. Es tobte in meinem Körper, rann wie ein Lavastrom durch meine Adern, kampfbereit wie eine Raubkatze. „Du bist eine Katze, aber eigentlich willst du ja nur kuscheln.“ sagte er und hielt mich weiter fest. Ich konnte mich nicht wehren. Nein, ich wollte nicht kuscheln. Ich wollte kämpfen, ihn vernichten. Ihn fressen. Meine Eckzähne traten gefährlich hervor und mein Kiefer begann zu vibrieren. Ich war rasend auf seine düstere Schönheit und deren Bezwingung, auf die Macht, die Verborgenen schlummerte. Sexuelle Macht.
Als er einen Moment nicht aufpasste, riss ich ihm den Kragen seines Hemdes hoch und biss ihn in den Hals. Ich saugte mich fest. Der metallische Geschmack rann durch meine Kehle wie lang ersehnte köstliche Nahrung. Er stöhnte auf, doch es schien ihm zu gefallen. Ich bin sicher, er hatte es gewollt, diesen Vampir, diese Katze. Er hatte es provoziert. Der Biss war ausreichend. Mich überkam eine wohlige Sättigung. Er zwang mich zu Boden und mit einem Aufschrei fiel ich über ihn her. Er hielt mich und ließ mich in einem wilden schwindelnden Tanz. Die Welt um uns herum drehte sich unbändig tosend und war irgendwann nicht mehr vorhanden. Später vermied er es, mir die Narbe am Hals zu zeigen, so oft ich ihn auch darum bat. Der Vollmond ebbte ab und ich verwandelte mich in die nette kleine Katze, die auf dem Sofa schnurrt.
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Ingrid Dressel aus Bochum | 13.04.2015 | 23:47  
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