Ein Theaterabend, der nachdenklich macht: "Kula - nach Europa" macht Station im Schauspielhaus

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Im Ensemble von "Kula - nach Europa" arbeiten Schauspieler aus Deutschland, Frankreich und Afghanistan zusammen. (Foto: Abbiento)
 
Bei "Kula - nach Europa" geht es hoch her. (Foto: Abbiento)

Elke Wieditz ist seit 1974 Mitglied des Ensembles am Deutschen Nationaltheater (DNT) in Weimar. Sie kann sich noch gut an einen Vorfall aus dem Jahr 1975 erinnern: „Mit unserer Inszenierung 'Der kaukasische Kreidekreis' wollten wir auf Tournee durch die Benelux-Staaten gehen. Kurzfristig wurde ich von der Tournee ausgeschlossen – ich war kein Reisekader, nicht Mitglied der SED und man fürchtete, ich würde nicht in die DDR zurückkehren. Zwei Jahre später durfte ich dann nach Italien reisen, weil ich inzwischen verheiratet war und ein Kind hatte. Meine Rückkehr war damit gesichert.“ Bei ihrer Arbeit am transnationalen Theaterprojekt „Kula – nach Europa“ musste sie nun nochmals erleben, dass Ehepartner und Familienangehörige zu „Geiseln“ gemacht werden.

Ursprünglich hatte man geplant, die afghanische Theatergruppe AZDAR, die seit ihrer politisch brisanten Inszenierung „Heartbeat: The Silence After the Explosion“ in ihrer Heimat von den Taliban bedroht wird, erstmals nach Deutschland zu holen. Die Deutsche Botschaft in Kabul war jedoch nicht bereit, den Künstlern Visa zu erteilen. Ein Grund: Ursprünglich sollten auch die Partnerinnen der Schauspieler mitkommen. Offenbar fürchteten die deutschen Behörden, die Afghanen könnten in Deutschland bleiben, um hier Asyl zu beantragen. Die Initiatoren des transnationalen Theaterprojekts, an dem neben deutschen auch französische Schauspieler beteiligt sind, stimmten zähneknirschend zu, für die Frauen keine Visa zu beantragen. Diesen aufreibenden Prozess dokumentieren Regisseur Robert Schuster, der am Bochumer Schauspielhaus in der vergangenen Spielzeit Christoph Nußbaumeders „Das Fleischwerk“ inszeniert hat, und seine Schauspieler in „Kula – nach Europa“, das kein konventionelles Theaterstück sein will, auf der Bühne.
Schauspielerin Stefanie Mrachacz erklärt im Verlauf des Bühnenabends: „Dass wir darauf verzichtet haben, die Frauen einzuladen, hat unser Vorhaben bereits korrumpiert.“ Genutzt hat dieses weitreichende Zugeständnis indes nichts – trotz monatelanger Bemühungen ist es bislang nicht gelungen, die Mitglieder von AZDAR nach Deutschland holen zu können, da nach wie vor keine Visa vorliegen. Einzig der Regisseur und Leiter des Ensembles, Nasir Formuli, der bereits seit 2014 in Berlin studiert, wirkt in der Produktion „Kula – nach Europa“ mit.

"Kula" steht für den Austausch zwischen den Kulturen

Gerade die Abwesenheit der afghanischen Akteure wird hier zum inhaltlichen Kern. Der Begriff Kula passt dabei anscheinend zunächst nicht zu einem deutsch-französisch-afghanischen Theaterprojekt. Es handelt sich dabei schließlich um ein Tauschsystem, das in Neuguinea zwischen Einheimischen verschiedener Inseln praktiziert wird. Getauscht werden dabei Gegenstände, deren Wert ökonomisch zwar nicht messbar, sozial und kulturell aber von großer Bedeutung ist – Muschelketten zum Beispiel. Kula-Objekte werden im Laufe der Zeit mit der Geschichte ihrer Weitergabe aufgeladen und tragen so eine Botschaft des Friedens und der Verständigung in sich.
Dieses Grundprinzip wird bei dem Theaterabend „Kula – nach Europa“ aufgegriffen: Es geht um den Austausch von Geschichten und ganz konkreten Erinnerungsobjekten. Dadurch entsteht eine sichtbare Verbindlichkeit zwischen den Akteuren. Gemeinsam mit seinem Ensemble untersucht Regisseur Schuster Möglichkeiten und Beschränkungen der Verständigung zwischen Künstlern zweier verschiedener europäischer Länder und eines nicht-europäischen Landes. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob ein ureuropäisches Drama wie „Peer Gynt“ in einem solchen Rahmen ein angemessener Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung ist.
Das Kula-Prinzip erweist sich als geeignetes Instrument, um komplexe Fragen spielerisch zu behandeln. Leider gerät es in der zweieinviertelstündigen Aufführung phasenweise etwas aus dem Blick. Die Begegnungen auf der Bühne liefern jedoch Beispiele, wie ein gutes Miteinander im transnationalen Rahmen aussehen könnte.
„Kula – nach Europa“ ist eine Produktion des DNT in Zusammenarbeit mit dem Kunstfest Weimar und dem Theater Freiburg, das auch mit Schauspielern beteiligt ist. Als Koproduzenten sind weitere Theater dabei, darunter auch das Schauspielhaus Bochum. Am vergangenen Wochenende war das außergewöhnliche Stück auch dreimal an der Königsallee zu sehen.
Bei ihrer Einführung im Theater Unten gab Dramaturgin Julie Paucker einen Ausblick: „Wir wollen weiter mit AZDAR zusammenarbeiten. Wenn möglich, wollen wir das Folgeprojekt in Deutschland realisieren. Andernfalls treffen wir uns in einem Land, in das wir alle reisen können.“
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