Eindrucksvolle Doppelpremiere: "Die unsichtbare Hand" und "Am Boden" befassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Islamismus und dem Krieg gegen den Terror

Anzeige
Nick Bright (Heiko Raulin) findet in "Die unsichtbare Hand" in Bashir (Omar El-Saeidi) einen gelehrigen Schüler. (Foto: Aurin)
 
Sarah Grunert spielt in "Am Boden" eine Pilotin in Gewissensnöten. (Foto: Aurin)

In seiner letzten Spielzeit am Schauspielhaus bietet Intendant und Regisseur Anselm Weber dem Publikum etwas ganz Besonderes: Mit Ayad Akhtars „Die unsichtbare Hand“, das in Bochum als deutschsprachige Erstaufführung zu sehen ist, und George Brants „Am Boden“ präsentiert er direkt hintereinander zwei hochaktuelle Theaterstücke, die den Zusammenhang zwischen dem islamistischen Terror und dem US-geführten Krieg gegen ihn in den Blick nehmen.

Dabei ist schon der Begriff „Terrorismus“ ein Zankapfel – schließlich empfinden sich die Islamisten als Freiheitskämpfer. Bashir (Omar El-Saeidi), der mit seinen Mitstreitern den amerikanischen Investmentbanker Nick Bright (Heiko Raulin) entführt hat und diesen in Pakistan gefangen hält, sieht sich in der Tradition der internationalen Brigaden, die einst gegen das faschistische Franco-Regime in Spanien gekämpft haben. Für den eigenen politischen Kampf wollen Bashir und der Imam Saleem (Matthias Redlhammer) durch die Entführung finanzielle Mittel auftreiben. Allerdings ist Nick in seiner Bank ein eher kleines Licht und es wird schnell klar, dass weder sein Arbeitgeber noch die US-Regierung das exorbitante Lösegeld bereitstellen wird.

Die verführerische Kraft des Marktes

Nick stellt der Islamistengruppe sein Wissen um die Gesetzmäßigkeiten des Finanzkapitalismus' zur Verfügung, um so vielleicht sein Leben zu retten. Der Imam ergreift seine Chance, sich persönlich zu bereichern, und untergräbt so die Autorität, die er bei Bashir und dem zunächst bis zur Schmerzgrenze unterwürfigen Dar (Samuel Simon) genießt. Bashir erweist sich als Nicks gelehriger Schüler und trägt weiter zu Pakistans politischer Destabilisierung bei, weil dies seinen weltanschaulichen Zielen entspricht, vor allem aber weil es der nun von ihm geführten Gruppe ökonomisch nutzt. Die Frage nach dem Verhältnis von Markt und Moral könnte kaum eindrucksvoller zugespitzt werden.
Pulitzerpreisträger Ayad Akhtar, US-Amerikaner pakistanischer Herkunft, ist mit „Die unsichtbare Hand“ ein spannender Polit-Thriller gelungen, der bis zum Schluss zu fesseln vermag. Die von Adam Smith im 18. Jahrhundert in die ökonomische Diskussion eingeführte Vokabel „unsichtbare Hand“ wird meist so gedeutet, dass die Mechanismen des Marktes schon dafür sorgen, dass das Streben des einzelnen nach Gewinn in sozialverträgliche Bahnen gelenkt wird. Dass diese Vorstellung naiv ist, führt Akhtars Drama einmal mehr vor Augen. Für die Islamisten ist die „unsichtbare Hand“ diejenige Allahs und sie missbrauchen dieses Denkmodell nicht weniger für ihre eigenen Zwecke.

Heiko Raulin und Sarah Grunert überzeugen

Schauspielerisch weiß vor allem Heiko Raulin zu überzeugen. Dagegen überspannt Matthias Redlhammer bei seiner Darstellung des vorgeblich sanftmütigen Imams den Bogen ein ums andere Mal.
Die Bedrohung durch US-amerikanische Drohnen ist in „Die unsichtbare Hand“ stets gegenwärtig. Der US-Amerikaner George Brant lässt in seinem Stück „Am Boden“ eine Drohnenpilotin (Sarah Grunert) zu Wort kommen, die vom sicheren Las Vegas aus im Zwölf-Stunden-Schichtbetrieb gezielte Tötungen vornimmt. Die junge Frau hat ihre Karriere in einem Kampfflugzeug begonnen, in dem sie unter Lebensgefahr dem Kampf gegen den Terror gedient hat. Nach der Geburt ihrer Tochter ist ihr die Rückkehr in diese Position verwehrt und das Ausbleiben des mit dem Kampfeinsatz verbundenen Freiheitsrausches schmerzt sie sehr.
Hinter dem Steuerknüppel einer Kampfdrohne rückt ihr der Tötungsakt auf eine kaum mehr zu ertragende Weise nahe: Sie erkennt das ungefähre Alter und das Geschlecht der Zielpersonen und sieht in ihnen irgendwann Abbilder ihrer Tochter Samantha. Der Krieg lässt sich nicht mehr auf Abstand halten und infiltriert den Alltag.
Die ausdrucksstarke Sarah Grunert stellt hier einmal mehr ihre Klasse unter Beweis. Sie liefert mit ihrer Interpretation des Monologs „Am Boden“ ein sprachgewaltiges Gegenstück zu „Die unsichtbare Hand“.

Termine
Die Doppelaufführung „Die unsichtbare Hand“ / „Am Boden“ kommt am Samstag, 10. Dezember, um 19 Uhr wieder auf die Bühne der Kammerspiele des Schauspielhauses, Königsallee 15.
weitere Termine: Freitag, 16. Dezember, 19 Uhr; Donnerstag, 22. Dezember, 19 Uhr (18.15 Uhr Einführung im Theater Unten)
Termine im Januar 2017: Donnerstag, 5. Januar, 19 Uhr; Sonntag, 8. Januar, 17 Uhr; Freitag, 20. Januar, 19 Uhr
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.