Else Hirsch rettete in Bochum Kinder vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung

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Die jüdische Lehrerin Else Hirsch mit ihren Schülern. (Foto: Stadtarchiv Bochum)
 
Der Bochumer Stolperstein für Else Hirsch.

Dass sie nach Bochum kam, war eher Zufall. Schließlich wurde sie zu einer der bedeutendsten Kämpferinnen gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in dieser Stadt – Else Hirsch.

Geboren wurde Else Hirsch am 29. Juli 1889 in Mecklenburg-Schwerin. Sie erwarb das Lehramtsexamen für höhere Schulen, fand aber keine entsprechende Stelle. Die beschäftigungslose Pädagogin wurde durch einen Zuweisungsbescheid verpflichtet, an der Israelitischen Schule in Bochum zu unterrichten. Im Jahre 1927 nahm sie dort ihre Arbeit auf.
Die Israelitische Volksschule befand sich, wo die heutige Huestraße sich vom Dr.-Ruer-Platz in Richtung Kortumstraße fortsetzt. Es handelte sich um ein dreigeschossiges Gebäude mit attraktiver Gründerzeitfassade. Die Adresse lautete damals Wilhelmstraße 16. Schräg hinter dem Schulgebäude lag die Synagoge.
Else Hirsch musste Berlin verlassen. Wie man sich vorstellen kann, war sie zunächst nicht begeistert. Pflichtgefühl und Gewissenhaftigkeit erleichterten ihr jedoch die Einarbeitung. In der öffentlichen Wahrnehmung stand sie jedoch im Schatten ihres Kollegen Erich Mendel, der seit 1928 auch als Schulleiter fungierte. Mendel emigrierte 1941 über England in die USA. Heute erinnert der Erich-Mendel-Platz an ihn.
Die Quellenlage erlaubt kaum eindeutige Aussagen über die Lehrerin Else Hirsch. Die kleingewachsene Frau wird als eher zurückhaltend beschrieben. Wegen ihrer eigentümlichen Gewohnheiten habe sich mancher über sie lustig gemacht. Wie damals durchaus üblich, schlug sie Schüler wohl gelegentlich mit einem dünnen Stab. Von den Schülern wurde sie als streng, aber gerecht und auch als liebevoll eingestuft.
Else Hirsch lebte mit ihrer Mutter zusammen. Die beiden ließen sich 1927 an der Kanalstraße, am heutigen Nordring, nieder. Die Mutter starb 1931.
Neben ihrer Arbeit an der jüdischen Schule fand Else Hirsch Zeit für gesellschaftliches Engagement. Sie setzte sich für die jüdische Frauenbewegung und die Fürsorge in der jüdischen Gemeinde ein. Zudem unterrichtete sie in ihrer Freizeit Hebräisch. Die Mädchenbildung lag ihr dabei besonders am Herzen.
In Bochum war es genau die richtige Zeit für eine engagierte Jüdin wie Else Hirsch. Schließlich erreichte die hiesige Gemeinde mit 1 244 Personen 1930 ihren größten Mitgliederstand. Zu dieser Zeit besuchten 115 Kinder die jüdische Volksschule. Grund für diese Zahlen war der Zuzug jüdischer Einwandererfamilien aus Osteuropa. So ergänzte 1932 Hugo Hermann als dritter Lehrer das Kollegium der jüdischen Volksschule.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sah sich die Israelitische Volksschule in Bochum massiv unter Druck. Im Oktober 1933 wurde Hirsch die Erteilung der Kurse in hebräischer Sprache, die sie seit 1929 für Mitglieder der jüdischen Gemeinde anbot, verboten. Da es für diesen Schritt keine Rechtsgrundlage gab, wurde dieser Unterricht später wieder erlaubt. Dennoch belegt das Verbot das Bestreben, die jüdische Gemeinde zu treffen. Nach der ersten Emigrationswelle lebten im Frühjahr 1934 noch 839 Juden in Bochum. Lehrer- und Klassenzahl der jüdischen Volksschule mussten reduziert werden. Im Mai 1934 wurden noch 88 Kinder unterrichtet. Lehrer Hermann wurde nach Dortmund versetzt.
Im Frühjahr 1935 hatte die Israelitische Volksschule zwei jahrgangsübergreifende Klassen. Hirsch unterrichtete die jüngeren Kinder aus den vier unteren Jahrgängen.
Nachdem am 15. September 1935 die Nürnberger Gesetze die antisemitische Ideologie fest im deutschen Recht verankert hatten, kam es zu einer zweiten großen Emigrationswelle. Mit 66 Schülern gehörte die Israelitische Volksschule in Bochum immerhin noch zu den mittelgroßen jüdischen Schulen im Ruhrgebiet.
Im Januar 1938 strich die Stadt bedürftigen jüdischen Kindern die Finanzierung von Lernmitteln wie Büchern, Heften und Handarbeitsmaterial. Der jüdischen Schule sollte nur noch eine Lehrerstelle zugestanden werden. Hirsch drohte die Entlassung, was jedoch nicht sofort umgesetzt wurde.
Bei dem Pogrom vom 9./10. November 1938, das die Nationalsozialisten als „Reichskristallnacht“ bezeichneten, verwüsteten SA-Truppen das Schulgebäude. Die Synagoge wurde in Brand gesetzt. Die nahegelegene jüdische Schule wurde nicht von den Flammen erreicht, da die Feuerwehr den Schutz der umliegenden Gebäude sicherstellen wollte. Die Synagoge selbst brannte bis auf die Grundmauern ab.
Da das Innere der Schule zerstört war, konnte zunächst kein Unterricht mehr stattfinden. Else Hirsch bemühte sich in dieser Situation, der verängstigten jüdischen Gemeinde zu helfen. Freunden in den USA schrieb sie, sie sei in sozialen Angelegenheiten den ganzen Tag unterwegs. Nach dem Pogrom waren alle offiziellen Repräsentanten der jüdischen Organisationen deportiert worden. Auch Erich Mendel, der Hauptlehrer der jüdischen Volksschule, wurde verhaftet. Auch dadurch lastete noch mehr Verantwortung auf Else Hirsch.
Sie ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Schließlich waren die betroffenen Jugendlichen mehr denn je auf die jüdische Schule angewiesen. Um ihnen eine Perspektive zu geben, kämpfte Hirsch für die Wiedereröffnung ihrer Schule. Anfang 1939 war es so weit. Allerdings musste die Schule bereits nach etwas mehr als sechs Monaten wieder schließen. Bis 1941 führte Hirsch sie als Privatschule weiter.
Eine Verordnung vom Juli 1939 legte nämlich fest, dass die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland mit Sitz in Berlin für die Beschulung der Juden zu sorgen hatte. Bestehende öffentliche jüdische Schulen wurden aufgelöst und jüdische Schulen vom öffentlichen Schulwesen ausgeschlossen.
Im Ruhrgebiet hatten israelitische Schulen mittlerweile den größten Teil ihrer Schülerschaft verloren. Im Juli 1939 besuchten noch 24 junge Menschen die jüdische Volksschule in Bochum.
Neben ihrer Arbeit als Lehrerin erteilte Hirsch privaten Englisch- und Hebräischunterricht. Auf diese Weise half sie anderen Juden, sich auf die Auswanderung vorzubereiten. Im Oktober 1937 hatte Hirsch vorausschauend eine Englischfortbildung bei der Reichsvertretung der Deutschen Juden in Berlin absolviert. Diese Organisation widmete sich neben der jüdischen Selbsthilfe vor allem dem Ziel, Juden auf die Emigration nach Palästina vorzubereiten.
Es ist bekannt, dass Else Hirsch im Juni 1938 dorthin reiste. Wahrscheinlich nahm sie hier Kontakt zur Kinder- und Jugend-Alijah auf. Diese jüdische Organisation hatte zum Ziel, möglichst viele Kinder und Jugendliche aus dem nationalsozialistischen Deutschland vor allem nach Palästina in Sicherheit zu bringen.
Dass man sich in Bochum in den letzten Jahren verstärkt an Else Hirsch erinnert, hängt mit ihrem besonderen Einsatz für junge Menschen zusammen. Sie trug nämlich maßgeblich dazu bei, relativ viele jüdische Jugendliche aus Bochum zu retten. Sie half, Kindertransporte ins Ausland zu organisieren, bei deren Zusammenstellung sie eng mit der jüdischen Reichsvertretung zusammenarbeitete. Unterstützt wurde Else Hirsch bei ihrer Arbeit von der engagierten Gemeindesekretärin Erna Phillip.
Zwischen Dezember 1938 und August 1939 kamen so zehn Transporte in die Niederlande, vor allem aber nach England zustande. Hintergrund der Evakuierungsaktion war die „Sorge-für-Kinder-aus-Deutschland“-Bewegung in England. Die Regierung akzeptierte die Einreise unbegleiteter Flüchtlingskinder aus Deutschland, die in Pflegefamilien betreut wurden.
Die Nationalsozialisten verfochten den Juden gegenüber zu dieser Zeit noch eine Vertreibungspolitik. Daher erhob die deutsche Regierung keine prinzipiellen Einwände gegen die Kinderauswanderung. So gelangten rund 10 000 Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei ins Ausland.
Die Organisation der Kindertransporte lag bei den örtlichen Kultusgemeinden, in Bochum bei Else Hirsch. Sie registrierte die Kinder und hatte lange Fragebögen auszufüllen. Unterlagen waren zusammenzustellen und Papiere nach London zu verschicken.
Sie erwirkte die notwendigen Ausreisegenehmigungen, reservierte Plätze in den Zügen und kaufte Fahrkarten. Zudem hielt sie Kontakt zu den Eltern der Kinder. Erna Phillip begleitete die Transporte. Der wohl letzte Kindertransport aus Bochum ging am 24. August 1939 ab. Es wird geschätzt, dass durch das Evakuierungsprogramm etwa 70 Bochumer Kinder gerettet werden konnten. Mit dem Kriegsbeginn im September 1939 mussten die Transporte eingestellt werden.
Als einzige noch verbliebene Lehrkraft blieb Hirsch bei ihren Schülern in Bochum. Im August 1940 besuchten noch 20 Kinder die jüdische Schule. Die Lehranstalt wurde schließlich im September 1941 aufgelöst.
Else Hirsch, die so vielen jungen Menschen das Leben gerettet hatte, fiel selbst dem Holocaust zum Opfer. Da die Emigration von Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland 1941 verboten wurde, konnte sie sich nicht mehr ins Ausland retten.
Dabei hatte sie sich bereits seit 1937 mit Auswanderungsplänen getragen. Den schwierigen wirtschaftlichen, sozialen und klimatischen Bedingungen in Palästina fühlte sie sich nicht gewachsen. Das Novemberpogrom bestärkte sie in ihren Emigrationsabsichten. Erklärtes Ziel waren die USA. Sie hatte dort entfernte Verwandte, zweifelte aber an deren Hilfsbereitschaft.
Lange vermuteten Forscher, Else Hirsch sei im Konzentrationslager Theresienstadt oder in Auschwitz umgekommen. Mittlerweile gilt jedoch als gesichert, dass Hirsch im Januar 1942 mit einigen ihrer Schüler in das Ghetto im lettischen Riga deportiert und dort auch ermordet wurde.
Nach Aussage eines Schülers erteilte Hirsch im Ghetto noch kurzzeitig Unterricht und kochte Wildkräuter, um alte und schwache Menschen zu versorgen. Durch den Schulunterricht versuchte sie, ein Stück Normalität in den Lageralltag zu bringen.
Wahrscheinlich in der ersten Hälfte des Jahres 1943 wurde Else Hirsch ermordet. Das Rigaer Ghetto wurde ab Mitte 1943 schrittweise geräumt. Vermutlich lebte Hirsch zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.
Ein Überlebender des Ghettos Riga, Ruben Moller, erinnert sich so an Else Hirsch: „Sie war eine Frau mit großem Mut und großer Hingabe.“
Seit 2006 gemahnt ein Stolperstein an der Huestraße 28 an Else Hirsch und ihren Tod. Mit der Platzierung des Stolpersteins wird der besonderen Verbundenheit der Lehrerin mit ihrer Schule Rechnung getragen. Auf der Huestraße ragt der ehemalige Schulstandort in die heutige Straßenfläche hinein. Auch eine Straße ist mittlerweile nach der jüdischen Lehrerin Else Hirsch benannt. Im Mai 1998 wurde die Petersstraße in Wiemelhausen in Else-Hirsch-Straße umbenannt.
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