Geschichte des Monats Februar

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Alex S.Huß

KONGO

Am äußersten Zipfel des Kongobeckens liegt das Dorf Katanga. Der Stamm der Baluba lebt seit Urzeiten dort, geschützt durch die grünen Dächer des Regenwaldes. Die Mitumba Berge im Süden und Osten glitzern wie Zuckerguss, werfen ihre
Schatten auf die umliegenden Dörfer.

In einer Hütte kniet Laurent Monsengawo auf einer Matte aus geflochtenem Bananenblatt. Über seinem Kopf knistert das Wellblech vor tropischer Hitze. Er rührt in einem Tontopf Kochbananen, vermischt sein Leibgericht mit Maniok und Mais. Langsam, ganz langsam steht Laurent Monsengawo auf, steckt den Kopf durch den grauen Vorhang, der die Hütte vor Staub und Regen bewacht. Er blinzelt, reibt die wässrigen Augen. Die Sonne scheint grell auf ihn herab. Erbarmungslos. Den Topf unter dem Arm begibt er sich zur Feuerstelle einige Schritte weit über jenen Pfad, wo 1665 das kongolesische Heer im Kampf gegen die Portugiesen geschlagen wurde.
Kein Mensch war zu sehen, der Dorfplatz lag still da.
Laurent stellt das Gefäß auf die glühenden Ziegel, lehnt sich gehockt gegen einen kargen Baum. Schläft ein. Träumt.

>Der Leinenbeutel enthielt das Werkzeug, welches Laurent Monsengawo schon als junger Mann benötigte, um in einem großen Teil der Republik Kongo die Hütten mit regensicherem Dach zu versehen. Flink kletterte er auf die höchsten Palmen, erklomm die Gummibäume, um Material zum Abdecken der Dorfhütten zu sammeln. Die Kongolesen freuten sich, wenn Laurent einmal im Jahr kam, nach dem rechten sah. Er war geschickt, zuverlässig. Wurde mit Bananen, Kakao, Nüssen oder Zuckerrohr belohnt.
Eine eigene Methode hatte ihm einen guten Ruf beschert. Dabei wurde aus vertikalen Pfosten ein Zylinder geformt, mit zusammengebundenen Schösslingen umwickelt. Festgestampfte Erde und Kuhdung dichteten den Bau ab. Als Dach dienten Gras oder Palmblätter. In einigen Dörfern gab es Wellblech, das aufgenagelt wurde, in anderen nahm man Tropenholz. Mit allem Material kam Laurent zurecht. Immer waren seine Dächer dicht, die Hütten trocken und kühl.
Eines Tages, es war Regenzeit, rutschte er ab. Der Baum war groß, Laurent fiel und fiel.
Als er die Augen wieder aufschlug, schrie er. Vor Angst.
Wo war er? Was sind das für schwarze Augen über ihm? Ein Finger, so groß wie eine Rübe stupste ihn sanft an >

Laurent erwachte. Ihm fiel wieder ein, dass er an der Feuerstelle war. Es dauerte, bis er stand. Seine Glieder schmerzten, die Sehkraft lies nach. 55 Jahre waren vergangen, seit er im Dorf das Licht der Welt erblickte. Wehmütig kreisten seine Gedanken um die Zeit, die einst sein Glück gewesen war. Fünf Frauen hatten ihm elf Söhne geschenkt. Eine Gemeinschaft, die er vermisste. Alle halfen beim Flechten der Blätter und Gräser, die Laurent für die Dächer benutzte. Die Söhne sägten, feilten an Holz und Blech. Bis zu diesem Unfall, vor einigen Jahren.
„Ein Fluch“, behaupteten die Dorfältesten.
Laurent wurde verstoßen. Eine Hütte abseits des Dorfes wurde ihm zugewiesen.

Er schüttelte den Kopf um die düsteren Gedanken zu vertreiben, nahm den Topf vom Feuer, lief gemächlich zurück in den Schutz der Hütte.
In der Ferne rauschte der Kongo River auf dem immer gleichen Weg in die Fremde dahin. Laurent Monsengawo schöpft einen Teil der Mahlzeit ab, selbst aß er nachdenklich den Rest.

Es wurde Nacht in Äquatorial Afrika. Die Temperaturen sanken unmerklich. Das Dorf, für ihn unerreichbar erwachte zum Leben. Trommel konnte er hören, den Gesang der Frauen, das Lachen der Kinder. Ziegen meckerten, eine Kuh blökte. Sicher wurde gleich geschlachtet.
Er wandte sich um, fixierte den Regenwald. Als wartete er. Tausend Geräusche drangen zu ihm, Laurent horchte auf ein bestimmtes.

Es gab Tage, an denen er sich selber nicht traute. Er spazierte los, fand den Weg zur Hütte nicht mehr. Dann sprach er mit sich selber. Begann einen Satz, hörte mittendrin auf. Oft verlegte er Gegenstände. War sich sicher den Holzeimer am Eingang abgestellt zu haben, fand ihn neben der Matte aus Bananenblatt. Er spürte den Kampf gegen das Vergessen.

Ein Knacken ließ ihn aufmerken. Rascheln, stampfen.
Dann ein Brüllen, so laut, dass alle Lichter im Dorf erloschen.
Mont Singe trat aus dem Dickicht des Regenwaldes. Stolz klopfte er gegen die Brust. Der Silberrücken bewegte sich auf Laurent zu.
„Guten Abend mein Freund“, flüsterte Monsengawo. Mit dem Finger zeigte er auf den Napf.
„Für dich“.

Er erinnerte sich an den Tag, als er Mont Singe begegnete. Er benötigte einiges Blattwerk, um die nächste Hütte zu decken. Der Regen ergoss sich über dem Kongobecken, lies die Flüsse überlaufen. Ganze Dörfer wurden weggespült. Grad hatte er das letzte Palmblatt abgetrennt, da rutschte er weg und fiel. Etwas umklammerte ihn, dann verlor er das Bewusstsein.
Nach einiger Zeit, die Laurent nicht benennen kann, kam er zu sich. Ein Berggorilla wog ihn behutsam hin und her. Sein Fell war samtig. Er roch wild, war aber sanftmütiger als jedes Weib. Mont Singe nannte er ihn. Berg Affe.
Sein Lebensretter.
Als er wieder kräftig genug war, der Sturz hatte ihm einige Blessuren verschafft, kletterte Laurent zurück auf den Waldboden. Rannte zurück zum Dorf, wurde er doch sicher vermisst. Hatten sie nach ihm gesucht?
Freudengeschrei erwartete ihn. Ein Fest wurde gefeiert. Alle saßen am Dorfplatz, als der Älteste der Gruppe bat, zu berichten. Laurent begann. Erzählte von Mont Singe. Es wurde totenstill. Gleichzeitig wich der ganze Stamm vor ihm zurück.
Der Fluch des Berggorillas lastete auf ihm. Der Tag, an dem Mont Singe ihn vor dem tödlichen Aufprall rettete, brachte ihm im Dorf Zurückweisung.

Jeden Abend saß nun Laurent Monsengawo im Dunkeln vor seiner Lehmhütte und wartete auf seinen Freund. Hätten sie sich früher kennengelernt, vielleicht, ja vielleicht hätten sie gemeinsam die Dächer im Gebiet um das Kongobecken gedeckt.
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