„Im Angesicht der totalen Zerstörung“: Der Bochumer Regisseur Matthias Zucker präsentiert seinen Film „Schwarzer Regen"

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Die Beziehung von Thomas (Martin Bretschneider) und Renate (Monika Bujinski) wird auf eine harte Probe gestellt. (Foto: Bölt)
 
Renate (Monika Bujinski) und Marcus (Mateo Wansing Lorrio) werden durch den drohenden Atomschlag getrennt. (Foto: Bölt)
 
Manfred Böll (links) und Jörg Malchow in "Schwarzer Regen". (Foto: Bölt)

„Ich bin ein Kind der achtziger Jahre“, erzählt der Filmregisseur Matthias Zucker, „und kann mich noch gut daran erinnern, wenn in meiner Schulzeit die Sirenen getestet wurden. Da lag es nahe, einen Film über Menschen zu drehen, die mit einem drohenden Atomschlag konfrontiert sind.“ - Der Kurzfilm „Schwarzer Regen“ erlebt seine Premiere am 22. April im Bochumer Metropolis-Kino.

„Ein Verwandter hat mich einmal scherzhaft gefragt, wann ich einen Heimatfilm drehe. Durch Horst Seehofer ist der Begriff 'Heimat' gerade wieder in aller Munde, aber das war vor vier Jahren, als mir die Idee zu 'Schwarzer Regen' gekommen ist, natürlich noch nicht absehbar. Und doch ist der Film auf seine Art ein Heimatfilm. Ich verstehe den Begriff 'Heimat' ganz anders als Seehofer; für mich geht es dabei um die Personen, die mir wichtig sind – das ist für mich die Grundlage der Identität“, umreißt Zucker, der an der Ruhr-Universität angehende Englischlehrer ausbildet, seinen Ansatz. Es gibt darüber hinaus Bezugspunkte in der Familie: „Meine Omas kamen beide aus Schlesien und haben bei der Flucht ihr Haus verloren. Einen Film über Vertreibung wollte ich aber schon deshalb nicht drehen, weil ich nicht in die Nähe der Vertriebenenverbände gerückt werden möchte.“

Das Thema Krieg ist wieder sehr aktuell

Deshalb stellt Zucker den Verlust der Heimat durch kriegerische Auseinandersetzungen in einen gänzlich anderen Kontext. „Vor vier Jahren, als ich die Arbeit an 'Schwarzer Regen' begonnen habe“, blickt der Regisseur zurück, „war das Thema 'Krieg' durch die Entwicklungen in Syrien und in der Ost-Ukraine plötzlich wieder sehr präsent.“
Auch Zuckers erster Spielfilm „Der goldene Zweig“, die Verfilmung einer Kurzgeschichte aus der Feder Salman Rushdies, der vor sechs Jahren entstanden ist, war für den Regisseur eine sehr persönliche Angelegenheit: „Es geht um einen Langzeitarbeitslosen, der eine geradezu kafkaeske Situation erlebt: Er sitzt immer dem gleichen Personalchef gegenüber. Damals war ich selbst auf Jobsuche und habe meine Situation in gewisser Weise durch den Film verarbeitet.“ - Anders als bei „Der goldene Zweig“ liegt „Schwarzer Regen“ ein Originaldrehbuch zugrunde. „Das macht die Sache zugleich leichter und schwerer“, resümiert Zucker und erläutert, „leichter ist es insofern, dass bei einem Originaldrehbuch viele rechtliche Fragen entfallen. Bei 'Der goldene Zweig' musste ich natürlich auch Salman Rushdie Geld zahlen. Da war die Freiheit bei 'Schwarzer Regen' größer.“ - Das ist aber nur die eine Seite: „Bei der Rushdie-Verfilmung bin ich einfach der inneren Logik der Kurzgeschichte gefolgt; bei meinem neuen Film habe ich diesbezüglich mehr hinterfragt. Dadurch hat der Schreibprozess acht Monate gedauert – bei 'Der goldene Zweig' hatte ich das Drehbuch nach einem Monat fertig.

Matthias Zucker erzählt gern klassische Geschichten

Mit 30 Minuten Spieldauer ist „Schwarzer Regen“ für das Kurzfilm-Genre relativ lang. „Ich mag klassische Geschichten mit einer klaren Erzählstruktur: Es gibt in 'Schwarzer Regen' Anfang, Mitte und Schluss. Andere Regisseure beschränken sich auf eine Episode, die sie in sechs Minuten ins Bild setzen“, erläutert Zucker seine Philosophie.
„Schwarzer Regen“ spielt in einer nicht näher benannten Stadt – gedreht wurde in einem Dortmunder Bunker. Renate Bischoff (Monika Bujinski) und ihr Mann Thomas (Martin Bretschneider) fliehen vor dem drohenden Atomkrieg in einen Bunker. Renate will nach ihrem 16-jährigen Sohn Marcus (Mateo Wansing Lorrio) suchen und ist dafür auch bereit, die Sicherheit des Bunkers zu verlassen; Thomas argumentiert pragmatischer und will im Bunker bleiben, um den Überlebenden Beistand leisten zu können. „Im Angesicht des Weltuntergangs“, so Zucker, „kommt es auch in der Paarbeziehung vom Renate und Thomas zu Problemen. Anders als bei dem Spielfilm 'The day after', der die Auswirkungen eines fiktiven Atomkriegs auf die Gesellschaft beschreibt, deren Strukturen zerbrechen, geht es mir in 'Schwarzer Regen' um die Folgen für das Individuum. Sobald man von den Dingen und Personen aus der Vergangenheit abgetrennt ist, setzt der Prozess der Verklärung ein. Nostalgie ist der Schmerz der Erinnerung, weil etwas unwiderruflich vergangen ist. Man möchte in eine Traumwelt flüchten. Deshalb ist die Kerngeschichte von 'Schwarzer Regen' auch universell – es geht um Verlust.“

Keine Retro-Modenschau

Vordergründig bedient „Schwarzer Regen“ die Bedürfnisse derjenigen, die sich in die achtziger Jahre zurücksehnen: „Unsere Komparsen sind durchaus typisch ausstaffiert – mit Schulterpolstern und Dauerwellen. Sylvia Fadenhaft, die für das Kostümbild verantwortlich ist, und ich waren uns allerdings einig, dass wir keine Retro-Modenschau wollen. Die Hauptfiguren sind eher zeitlos gekleidet – liefe jemand heute so über die Straße, würde sich wohl niemand umdrehen.“
Neben Bujinski, Bretschneider und Wansing Lorrio sind viele weitere bekannte Schauspieler mit von der Partie, etwa Angelika Bartsch, Manfred Böll, Arne Nobel, Hella Birgit Mascus und Helge Salnikau. „Das habe ich vor allem dem Schauspieler Alexander Ritter zu verdanken, der seit zwölf Jahren mein bester Freund ist. Alex hat in Bochum und darüber hinaus ein Riesennetzwerk.“ - Das Bochumer Theaterpublikum kennt Ritter, der "Schwarzer Regen" produziert hat, sowohl aus dem Schauspielhaus als auch vom Rottstr5- und Prinzregenttheater.

Für die Realisierung des Films mussten erst die Voraussetzungen geschaffen werden

Dass „Schwarzer Regen“ überhaupt gedreht werden konnte, ist unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass der Film im Online-Voting der Stadtwerke genügend Stimmen erhielt, um als Bürgerprojekt gefördert zu werden. Joris Bölt, zuständig für Kamera und Schnitt, hat „Schwarzer Regen“ als Abschlussfilm an der Fachhochschule Dortmund eingereicht. „Das hatte den Vorteil“, erläutert Matthias Zucker, „dass wir auf die technische Ausstattung der Fachhochschule zurückgreifen konnten.“

Festivals und Online-Präsentation

Endgültig fertiggestellt wurde „Schwarzer Regen“ im Januar dieses Jahren. „Ein bisschen Trennungsschmerz von meinem Projekt empfinde ich schon“, gibt Zucker zu. Allerdings gebe es da keinen radikalen Bruch: „Meine Beschäftigung mit 'Schwarzer Regen' geht ja noch weiter, schon allein weil ich mich um Festivaleinreichungen kümmern muss. Schon jetzt ist klar, dass unser Film in Manchester und Los Angeles laufen wird. Danach wird er dann online zu sehen sein – das ist heutzutage der Weg, Kurzfilme einem breiteren Publikum zu präsentieren.“
Jetzt fiebert Zucker jedoch erst einmal der Premiere im Metropolis entgegen: „Ich bin gespannt, wie es läuft. Gestern hatten wir eine Testaufführung in einem Kino – seinen Film auf der großen Leinwand zu sehen, ist immer ein besonderes Erlebnis.“

Termin
Am Sonntag, 22.April, wird „Schwarzer Regen“ um 12 Uhr im Metropolis-Kino, Kurt-Schumacher-Platz 13 (im Hauptbahnhof), bundesweit erstmals aufgeführt. Es gibt noch Karten. Das Kino ist unter Tel.: 12263 zu erreichen.
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