Jacques Stotzem: „To Rory“ – oder: Süffiger Blues in grauer Schutzpappe

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Jacques Stotzem: "To Rory".
 
Rory Gallagher.
 
Jacques Stotzem: "To Rory" (CD-Innencover).
Jacques Stotzem, der belgische Meistergitarrist auf der Akustischen, hat mit „To Rory“ (Acoustic Music Records) ein Album veröffentlicht, dessen Musik - bis auf die Leadbelly-Nummer Out On The Western Plain - komplett aus der Feder von Rory Gallagher stammt. Neun Titel sind zu hören: Moonchild, Just The Smile, Tattoo’d Lady, Wheels Within Wheels, Country Mile, Out On The Western Plain, Wayward Child, Don’t Know Where I’m Going, Follow Me.

Stotzem nähert sich dem dynamischen Bluesrock des Iren mit groovenden Slides, Pickings und Open-Tunings, arbeitet dabei mit fingerflinker Eleganz genau die Essenz heraus, die Rorys Stücke einst so wertvoll machten. Dass Stotzem seinerzeit Fan von Gallagher war, natürlich auch von seiner Power und seiner Improvisationslust beeinflusst wurde, wird schnell deutlich. An den flott-pfiffigen Arrangements hätte Rory ganz bestimmt seinen Spaß gehabt, und er wäre vielleicht auch bei dem ein oder anderen Song spontan dazwischengegrätscht, um fröhlich mitzuzupfen.

Der gute Jacques macht seine Sache tatsächlich hervorragend. Zum einen dokumentiert er wieder einmal seine feinsinnigen Qualitäten als einfallsreicher und emotionaler Spieler, zum anderen schenkt er uns eine wunderbare Erinnerung zurück an einen ganz großen Musiker. Mich haben Jacques Stotzems respektvolle Interpretationen dazu angeregt, einfach nochmal über meine Begegnung mit Rory Gallager und seine Musik nachzudenken...


Als ich im Juni 1995 vom Tod des irischen Bluesrock-Gitarristen Rory Gallagher erfuhr, schwirrten mir viele Episoden durch den Kopf, die mich mit ihm verbanden. Bis in die 1980er-Jahre hinein war mir Rorys Musik stets gegenwärtig gewesen. Nicht als die wichtigste Musik in meinem Leben, sondern eher als eine nie zu vernachlässigende Größe nebenbei. Seine Songs wie Bullfrog Blues, Used To Be, Messin` With The Kids, Laundromat oder Moonchild sorgten dafür, dass sich Schularbeiten flotter erledigten, sorgten dafür, dass sich zähe Feten auflockerten, sorgten dafür, dass sich eine ungemein positive Stimmung bei den automobilen Wochenendtrips mit Freunden nach Holland, Belgien oder Frankreich aufbauten – wir sangen oder pfiffen mit oder spielten dazu Luftgitarre.

Rory war ein launiger musikalischer Geschichtenerzähler, ein genialer Saiten-Derwisch, der mühelos zart gezupfte Melodien und rau gerupfte Riffs mit den verschiedensten Picking- und Slide-Techniken zusammenfügen konnte und das Ergebnis daraus zu seiner unverwechselbaren Musik machte. Er war ein beseelter und besessener Spieler. Aus Blues und Rock mixte er sich sein Lebenselexier, das ihn durch alle Höhen und Tiefen brachte und ihn im Sommer 1977 sein bestes Konzert spielen ließ: bei der „Rockpalast“-Premiere in der Essener Grugahalle.

Er war auch einer, der bei seinen Konzerten kaum zum Ende kommen wollte. Noch ein Stück und noch eine Nummer auf der Akustischen und noch eine Zugabe auf der Mandoline... Und auch beim Plattenhören kam es mir immer so vor: Rory spielte und spielte... Noch ein Stück, noch eine Nummer... Doch die Toningenieure haben dann wohl irgendwann einfach den Regler heruntergedreht und gesagt: Rory, jetzt ist Schluss, es reicht, die Platte ist fertig!

Eine seiner zahlreichen Aufnahmen, das Album „Rory Gallagher“, das er nach dem Split seiner Band Taste einspielte, lernte ich in einer der dumpfen Schallkabinen der Stadtbücherei in Bochum lieben. Schallplattengeschäfte, in denen man die Produkte auch hören konnte, waren noch rar zu jener Zeit, und dass es im Gebäude der Stadtbücherei, in der man einen größeren Raum abgetrennt und zur Musikbücherei erklärt hatte, überhaupt Rock-Platten zum Anhören gab, erfuhr ich durch Zufall von einem Mitschüler, der einen besonderen Ausweis für die Musikbücherei besass und deshalb auch schon Rory Gallagher kannte.

Mein Ausweis galt nur fürs Ausleihen von Büchern. Nicht zum Hören von Platten. Dafür musste ich mich in der Musikbücherei extra registrieren lassen. Was ich dann auch tat. Die Liste, in der die Scheiben zum Anhören verzeichnet waren, war nicht lang. Den meisten Raum nahm dabei die klassische Musik ein. Aber es gab neben den Gallagher-Scheiben „Rory Gallagher” und „Deuce” (die beide im gleichen Jahr, nämlich 1971, erschienen) und den älteren Taste-Scheiben auch Status Quo („Dog Of Two Head“), Cream („Disraeli Gears“) oder Creedence Clearwater Revival („Green River“). Mehr nicht.

Ich bat die nette Mitarbeiterin, mir doch die „Rory Gallagher“-Platte auszuhändigen. Nein, alleine dürfe ich sie nicht auflegen, das mache nur das Personal, also sie. In der verglasten Schallkabine, so eng und stickig wie in einer Telefonzelle, stand ein Stuhl und ein Schallplattenspieler nebst Verstärker und eingestöpseltem Kopfhörer. Die Mitarbeiterin brachte mir die Schallplatte, die in einer grauen Schutzpappe steckte, zog sie heraus, gab mir das Cover zum Lesen, legte dann die Scheibe auf, startete den Spieler. Ich solle ihr Bescheid geben, wenn die erste Seite zuende ist, damit sie die Platte umdrehen könne, und: ich solle nur nichts verändern, schon gar nicht am Verstärker!

Jetzt saß ich da einsam in dieser Kabine und konzentrierte mich, da die eingestellte Lautstärke für Rockmusik denkbar ungeeignet war: nämlich viel zu leise. Trotzdem kam er `rüber, der mit voller Kraft gespielte und auf den Punkt gebrachte Bluesrock, diese Knaller-Nummern wie Hands Up und Sinner Boy und dieses magische For The Last Time. Natürlich wollte ich auch die zweite Seite hören. Auch hier der gleiche frische Gitarrensound, der mich ansteckte und Lust auf mehr machte.

Ich hatte gleich zweimal einen Grund, mich zu freuen. Zum einen: Weil ich Rory Gallagher für mich entdecken durfte. Zum anderen: Irgendwann einmal seinen Bluesrock so hören zu können, wie es sein musste: nämlich laut. Kaufen konnte ich mir seine Platten leider noch nicht, denn mein knappes Taschengeld – 10 Mark - reichte gerade mal für zwei Single-Platten im Monat. Also ging ich nun jede Woche in die Musikbücherei und liess mir die Gallagher-Scheiben nacheinander auflegen und rundete solche Nachmittage anschließend mit Status Quo- oder Cream-Musik ab, nur um mir klarzumachen: Es gibt nicht besseres auf der Welt als die Musik von Rory Gallagher.

Die süffigen Songs kitzelte der Musiker aus seiner abgewetzten Fender-Stratocaster, deren Blessuren sicherlich noch aus wilden Taste-Zeiten stammten. Ab 1971 debütierte Rory unter seinem eigenen Namen und tourte seitdem mit einem Bassisten und einem Schlagzeuger rastlos mehrmals rund um den Globus.

Rory Gallagher, der in Moonchild ein exemplarisches Intro-Riff zementierte, ähnlich dem in Satisfaction von den Rolling Stones oder in Smoke On The Water von Deep Purple, wurde keiner dieser Gitarristen-Stars, die sich plötzlich mit weißem Anzug unnahbar machten oder ihren Sound hin und wieder als wohlschmeckendes Dressing für fade Chartmusik-Salate teuer vermieteten. Niemals war der am 2. März 1948 in Ballyshannon im County Donegal, Irland, geborene und in Cork aufgewachsene Gallagher anders zu denken als so: rot-weiß-kariertes Baumwollhemd, Jeansjacke, Jeanshose, weiße Turnschuhe.

Er spielte und sang und blieb immer er selbst. Und über all die langen Jahre auch der schwitzende Handwerker, der mit überbordender Freude am Spiel und flitzeflinken Fingern aus jedem Konzert für sich und für uns einen Premieren-Abend machte, auch dann noch, wenn er manche seiner eigenen Titel und seine Lieblingsstücke unter anderem von Big Bill Broonzy oder Muddy Waters schon zum x-ten Mal gespielt hatte. Rory war schlicht und einfach ein Musiker. Nie mehr, nie weniger.

Rory Gallagher war 46 Jahre alt, als er an den Spätfolgen einer Lebertransplantation starb.


Weitere Infos:
www.stotzem.com / www.acoustic-music.de / www.rorygallagher.com
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