Keyboarder Keith Emerson (ELP) ist tot - Nachruf eines Fans...

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Keith Emerson, 1994.
 
Keith Emerson, 1992 in der Essener Grugahalle. Foto: Ulli Engelbrecht.
 
Emerson, Lake & Palmer, 1992 in Hamburg. Foto: Ulli Engelbrecht.
Ich höre sie schon wieder, die »Aufhör’n, Aufhör’n«-Chöre. ELP-Musik? Bah, Bombast-Kitsch..., Synthi- Müll..., intellektuelles Gedröhne... – Das hatte ich schon auf dem Schulhof ertragen müssen, damals, wenn wir über unsere Favoriten stritten. Gelacht haben die Miesmacher da, mich verhöhnt. Geprügelt hätte ich mich bald, weil jene beinharten Kollegen nur Black Sabbath oder Alice Cooper etwas abgewinnen konnten oder Wishbone Ash. Mir gefiel die Musik von Emerson, Lake & Palmer trotzdem immer gut, sie machte mich kribbelig, wühlte mich auf.

Sicher, mit Rock und mit Roll hatte das nicht die Bohne zu tun. Keith Emerson liebte es, klassische Kompositionselemente in seine rocksinfonischen Miniaturen einzubauen, Greg Lake sang dazu sehr sanft, sehr balladesk, zupfte schwierige Bass-Riffs, und Carl Palmer drummte verwegene und gegentaktige Beats drumherum. Progressive Musik war das damals, Prog-Rock sagt man heute. ELP passten so perfekt in meine Klangwelt, war ich doch umgeben von der Musik der späten Beatles, von der Musik noch frisch agierender Bands wie Gentle Giant oder Renaissance. Ich will gar nicht näher auf die aufwändigen und spektakulären ELP-Shows eingehen, denn alles das ist sehr lange her, schließlich trennte sich die Supergruppe bereits 1978.

Ich habe allerdings über all die Jahre die Höhen und Tiefen und Umbesetzungen und Solo-Platten und Reunionversuche dieser Band, die sich 1970 gründete, verfolgt, habe mir alle möglichen Bild- und Tonträger – auch die kuriosen: Emerson als Filmkomponist für drittklassige Horror- oder Fantasystreifen als 3er-CD-Set – angeschafft, besorgte mir aus England ELP-Bücher und die Emerson-Biografie »Pictures Of An Exhibitionist« und bin bereits mehrmals der Carl-Palmer-Band (mit dem handwerklich beachtenswerten Gitarristen Paul Bielatowicz) hinterher gefahren, um die von intimer Eleganz gestalteten Clubkonzerte mit ELP-Musik zu erleben.

Ich bin eben ein Fan.

Und ich habe mich darüber gefreut, als Keith Emerson im Herbst 2008 endlich wieder mal eine ernstzunehmende Produktion (inklusive DVD) veröffentlichte: »Keith Emerson & Band, Featuring Marc Bonilla«. Fast 52 Minuten lang hören wir eine opulent zubereitete Rockmusik mit schmackhaften Keyboard- und Gitarren-Ingredienzen, die sich als angenehmer Ohrenschmaus entfaltet und die nach dem Genuss kein mentales Völlegefühl hinterlässt.

Die ersten 15 Songs bilden gemeinsam eine Rocksuite mit dem Titel »The House Of Ocean Born Mary«, die weiteren vier Songs (mit Malambo aus der »Estancia-Suite« von Ginstera – vom gleichen Komponisten stammte auch aus der 1979er-ELP-Platte »Love Beach« das Stück Canario) komprimieren in eigenwillig-eingängiger Weise das, was den intelligenten Art-Rock der 1970er-Jahre spannend machte. Dank Marc Bonilla, dem amerikanischen Gitarristen und Sänger und einem eher bodenständigen Musiker, der durch sein rockgrundiertes Spiel den Songs einen knackigen Groove verleiht, konzentriert sich auch Keith Emerson mehr aufs dienliche Agieren, ohne allerdings seine Vorliebe für vertrackte Melodiegespinste zu vernachlässigen. Komplettiert wird das Line-Up der CD mit Gregg Bissonette (Drums, Percussion) und Bob Birch (Bass). Keine ELP-Musik, aber eine tolle Scheibe, die mich beim Hören – na klar – auch wieder in die Jugendzeit zurückwarf.

Aber nicht ganz so weit zunächst. Der Rücksturz ins ELP-Universum stoppte am 29. April 1992 und katapultierte mich gedanklich in die Eingangshalle des Hamburger Marriot-Hotels. Meine journalistische Arbeit hatte mich hierhin geführt, da in jenem Jahr – nach 14 Jahren Trennung – die Reunion von Keith Emerson, Greg Lake & Carl Palmer anstand. Sie hatten gerade das Album »Black Moon« veröffentlicht und luden nun alle möglichen Musikjournalisten Deutschlands an die Alster ein, um über die ELP-Zukunft und über ihre Europa-Tournee zu parlieren – »Welcome Back My Friends To The Show That Never Ends...«

»Ich glaube, die Zuhörer sind bereit für einen Wandel. Sie wollen wieder originelle Dinge hören«, verriet mir Carl Palmer. »Frisch und spielfreudig ist die Band, und so euphorisch gestimmt, wie damals«, betonte der smarte Brite, der für eine Generation von Drummern ein unumstößliches Vorbild war und jahrelang die Musik-Polls als weltbester Schlagzeuger anführte. »Es wird so sein, wie zu Beginn unserer Karriere. Wir werden kleine Hallen bespielen, damit man uns akustisch und visuell bestmöglich erleben kann. Die Shows werden ein Knüller, denn wir bieten Studioqualität auf der Bühne und versuchen, quadrophonisch zu spielen, wo immer es die Räumlichkeiten erlauben.«

Palmer war an diesem Nachmittag äußerst gut aufgelegt und verbreitete einen angenehm ansteckenden Optimismus. »Emerson, Lake & Palmer werden natürlich als Trio musizieren und keine zusätzlichen Musiker einsetzen. Dafür benötigen wir allerdings ein Menge neuzeitlicher Technik, um den typischen ELP-Sound realisieren zu können. Wir benutzen das beste aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart«, sagte Carl, bekräftigte nebenbei, dass die komplette »Black Moon«-Musik nicht am Computer kreiert wurde, sondern handgemacht sei. »Wir stammen aus der gleichen Zeit wie Jethro Tull und Led Zeppelin. Da setzt man sich zusammen und spielt. Mit neuer Technik kann man zwar bessere Platten machen, doch den Entstehungsprozess der Musik kann man damit nicht vorantreiben«, erläuterte er das Arbeitskonzept. Und er fügte hinzu: »Wir nutzen alle technischen Möglichkeiten voll aus, lassen uns als Spieler von der Technik aber nichts abnehmen.«

Da ist was dran, denn Keith Emerson nutzte seinen riesigen Moog-Synthi nie nur zur reinen und unkontrollierten Effekthascherei. Die feingezwirbelten Tonstränge, die er seiner Elektronik entlockte, fügten sich stets perfekt in die rasant gespielten Akkordfolgen und Melodien ein. Im Konzert hörte sich das natürlich etwas anders an. Da jaulte, quiekte, röhrte es aus den Boxen, da peinigte Emerson den Synthi, bis dieser sich in tosenden Lärmspiralen erbrach. Und auch die Hammond-Orgel musste leiden. Sie wurde geruckt und gerüttelt, umgeworfen, getreten und schließlich gar mit einem Messer traktiert. Diese dramatischen und unberechenbaren Ausbrüche des genialen Keyboarders standen stets im krassen Gegensatz zur feinsinnig komponierten Musik.

»Es war aber keine Form von Gewalt, es war auch nie geplant, es war mehr ein Syndrom der ›destruktiven Kunst‹, die es Ende der 1960er-Jahre auch in der Bildhauerei und Malerei gab«, sagte mir anschließend Keith, der sich gern an die rockmusikalische Sturm- und Drangzeit zurückerinnerte, als er mit The Nice tourte, mit Jimi Hendrix jammte und später mit ELP weltweit die Fußballstadien füllte. »Wir wussten ja nie genau, wohin das, was wir machten, uns hinführen würde. Das war spannend und aufregend. Jetzt sind wir zwar erwachsener, sind aber immer noch unbekümmert, gehen nur kalkulierter an die Dinge heran.« Greg Lake traf ich nur flüchtig im Hotelflur, drückte ihm die Hand, und er schenkte mir ein sonores »Hello«. Für ein Gespräch mit ihm war leider keine Zeit mehr.

Die Keith-Emerson-CD läuft immer noch und ich schmunzel darüber, wie ich es mir zum Hören bequem gemacht habe. Nämlich so wie damals: Großes Licht aus, Kerze an, Beine auf den Tisch, Kopf in die Hände. Konzentriertes Zuhören. Aber im Kopf geht’s rund wie auf der Kirmes und es knipst sich eine Dia-Show an und zappt mir immer mehr meine ganz eigenen ELP-Ereignisse vors geistige Auge: Das Poster in meinem Zimmer mit Keith Emerson im schwarzen Lederoutfit vor seinem Motorflieger; der erboste Finkeldei, der mich wochenlang nervte, bis ich ihm die ELP-Debut-Platte ersetzte, die ich angeblich kaputt gemacht hatte (ich habe sie heute noch: Von wegen, kaputt..., das rumpelnde Geräusch am Ende von The Three Fates/Atropos ist eine gewollte explosionsartige Eruption, die auf seinem komischen Dual-Kofferplattenspieler allerdings wie ein Sprung klang); Fotos von Greg Lake beim entspannten Angeln in den Yorkshire-Dales; meinen Kumpel Pippich, der auf der Melodica versuchte, das »Tarkus«-Thema zu spielen; das 1992er-Konzert in Essen, dass die Versprechen von Carl und Keith in keinster Weise einlöste; das viel zu laute Palmer-Schlagzeugsolo im münsterländischen Greven vor vielleicht hundert Zuhörern.

Und plötzlich schieben sich in diese Szenerie Satzfetzen in der Art wie: »Diese Songs sind doch moderne und grenzüberschreitende Klangabenteuer...«, »Die Musik ist ein schlüssig durchdachtes Stil-Konglomerat...«

Kaum zu glauben – ich ertappe mich tatsächlich dabei, wie ich angestrengt nach Argumenten suche, geradeso als müsste ich morgen auf dem Schulhof wiedermal »meine« Musik verteidigen...

Keith Emerson starb am 10. März 2016 im Alter von 71 Jahren.
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