Marthahaus für berufstätige Frauen: Heute ist dort die Augusta-Verwaltung

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  Das Marthahaus an der Bergstraße 26, in der heute die Verwaltung der Augusta-Krankenanstalten ihren Sitz hat, blieb in der Bausubstanz nicht nur im wesentlichen sondern auch mit vielen Details der zeittypischen Fassadengestaltung bewahrt. Gebaut wurde es 1914 als Wohnheim für 50 berufstätige Frauen durch den Alten Evangelischen Frauenverein, eine damals sehr aktive Frauengruppe mit 1.600 Mitgliedern. Nach dem Bericht von Clara Ulrich richtete der Verein schon einige Jahre zuvor zwei Mansarden in der Gemeindestation Düppelstraße für zuziehende, berufstätige junge Mädchen ein. Nach einer Zwischenlösung in mehreren Räumen eines Privathauses, beschloss der Verein einen Neubau. Die evangelische Gemeinde stellte an der Bergstraße Gelände zur Verfügung. "Wir gaben unserem bewährten Bauleiter Architekt Schmiedeknecht den Auftrag zur sofortigen Ausführung," berichtet Clara Ulrich. Das spricht dafür, dass kein Architekten-Wettbewerb stattfand, sondern Schmiedeknecht der selbstverständliche Betreuer der Planungen des Frauenvereins war.

Bei der Grundsteinlegung zum Marthahaus heißt es in einem Zeitungsbericht vom 07.07.1914: "Die evgl. Gemeinde hat in Architekt Schmiedeknecht den Mann gefunden, der mit großem Verständnis und viele Liebe die Pläne zu dem neuen Heim entworfen und ausgearbeitet hat." Eine Zeichnung zu diesem Bericht verdeutlicht Einzelheiten des Baus klarer als Fotos. Weil beim Wiederaufbau des teilzerstörten Hauses 1945 ein anderer Architekt das Mansarddach veränderte, um mehr Raum zu gewinnen, ist die heutige Ansicht des Marthahauses weniger harmonisch als ursprünglich. Der untere Dachteil wurde als Ziegelwand erneuert. 13 Fenstern reihen sich an Stelle der vorherigen 9 achsial zu den unteren Fenstern angeordneten Dachhäuschen. Die obere Dachfläche erhielt zudem eine geringere Neigung. Dadurch ist die ehemalige Harmonie des Gebäudes verloren gegangen, ohne dass der heutige Betrachter zunächst weiß, woran es liegt.

Schmiedeknecht gestaltete das Marthahaus 1914 wiederum im Heimatschutzstil, aber nun im Unterschied zum Jugendheim in Grumme, zu Parkstraße 10 und den Häusern am Bismarckplatz in einer norddeutschen Variante. Das Material der Fassade ist jetzt hartgebrannter Klinker. Die Silhouette erinnert ein wenig an die "Haubarg" genannten großen norddeutschen Höfe. In ähnlichem Stil entstand zur gleichen Zeit das schöne Pfarrhaus neben der Melanchtonkirche nach Plänen von Architekten aus Düsseldorf und Essen.

Die Baubeschreibung orientiert sich in der Folge wegen der heutigen Veränderungen an der überlieferten Zeichnung und einer historischen Fotographie des Marthahauses. Der breit gelagerte Klinkerbau des Marthahauses hatte ein hohes, behäbiges Mansarddach. Nicht in Erscheinung tritt ein zweiter Flügel, der am steilen Hang auf der Rückseite liegt. Im Material war der Bau zwar dem benachbarten Augusta-Krankenhaus angepasst. Seine modernen Klinker leuchteten jedoch heller als die grobporigen Ziegel des 19. Jahrhunderts. Ähnliches Klinkermaterial hat Schmiedeknecht zur gleichen Zeit beim Konsum und später beim Schwesternheim und dem Straßenbahnhof verwendet. Über einem Sockelgeschoß aus rustiziertem Zementputz, das den Geländeanstieg ausgleicht, lagen zwei Wohnetagen und ein ausgebautes Mansardstockwerk. Bei der 9 Achsen breiten Front öffnet sich in der Mitte, oberhalb einer breiten, hohen Treppe, ein repräsentatives Portal mit vier Säulen.

Eine ähnliche neuklassizitische Eingangsgestaltung verwendete nicht nur Schmiedeknecht zur gleichen Zeit beim Verwaltungsbau des Konsum, sondern auch Elkart bei der zerstörten Oberrealschule an der Königsallee. Beim Marthahaus flankieren den Portikus je drei Fenster. Sie sind seitlich mit hellem Kunststein gerahmt, oben durch gemauerte, halbrunde Sturzbögen aus Klinkern abgeschlossen. Im Obergeschoss werden 9 gleichförmig gereihte, ungerahmte Rechteckfenster durch plastische Rosetten aus hellem Kunststein auf den Wandflächen verbunden.

Die Rosetten mit symbolischen Figuren in den Formen des Jugendstils sind eine letzte Erinnerung an den reichen plastischen Dekor der gründerzeitlichen Fassaden. Aus dem gleichen Kunststein reihen sich zur Bergstraße hin im Oberstock gebauchte Säulchen mit doppelten Kugel-Segmenten zwischen sechs schmalen Fenstern zu einer gebundenen Fenstergruppe. Ähnliche Schmuckdetails hat der gleichzeitig erbaute Konsum am Pförtnerhaus. Durchlaufende helle Gesimse unter und über den Fenstern betonen die Horizontale, sie tragen ein vollplastisches Kugelband. Dessen Anordnung orientiert sich in etwa am weit vorspringenden Dachgesims, dessen Unterseite eine Konsolenprofilierung zeigt.

Darüber erhebt sich das mächtige Mansarddach, in dessen unterem Bereich achsial zu den Fenstern angeordnete, große Dachgauben liegen. Deren gerundete Abdeckung wiederholt die Rundung der Erdgeschossfenster. Eine Bruchsteinmauer mit Eisengittern zwischen massiven Pfeilern und dekorativem Tor vor dem Treppenanstieg vermittelt für das in Grün gebettete Haus den Eindruck privater Wohnlichkeit.

Ein Zeitungsbericht beschreibt die Innenausstattung: "In beiden Obergeschossen sind zusammen 43 Zimmer. Jede Etage hat einen eigenen Baderaum und Toilette ... Sämtliche Räume werden durch Zentralheizung beheizt. Auch ist elektrisches Licht vorgesehen ... Die ganze Anlage wird in einfacher, gediegener, moderner Bauweise ausgeführt ... An Baukosten sind rund 110.000 Mark vorgesehen."

Schwesternwohnheim der Augusta-Kranken-Anstalt, Bergstraße 26

Ein Wohnheim für 35 Diakonieschwestern der Augusta Krankenanstalten baute Schmiedeknecht 1922 gleich neben dem Marthahaus in ähnlichem Stil. Charakteristischerweise fehlen aber hier, 8 Jahre später, das neuklassizistische Säulenportal und die ornamentalen Rosetten. Diese Veränderung dürfte mehr auf einem Stilwandel als auf bescheideneren Mitteln beruhen.
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