Migration aus einer anderen Perspektive: Zeche Hannover präsentiert Ausstellung zur Auswanderung aus Westfalen nach Amerika im 19. und 20. Jahrhundert

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Dirk Zache, Museumsmitarbeiterin Lisa Weißmann, Dietmar Osses und Ellen Rüttermann vor dem Modell eines Auswandererschiffes.
 
In einer Kiste transportierten die Auswanderer ihre Habseligkeiten.
 
An Stellwänden werden Texte und Bildmaterial, aber auch Filme präsentiert.

„In unserer Pfarrgemeinde in Stiepel engagiere ich mich für Flüchtlinge. Die suchen, wenn möglich, Halt bei Verwandten oder Bekannten aus der Heimat, die in der Nachbarschaft leben. Meinen Vorfahren, die in die USA ausgewandert sind, ging es genauso“, erzählt Ellen Rüttermann. Sie ist eine Nachfahrin von Wilhelm Kabeisemann, der 1853 den Wechsel über den großen Teich wagte. Ein Silberlöffel, den er dabei bei sich trug, ist nun in der Ausstellung „Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“ im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover zu sehen.

„In der Tat“, äußert sich Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums – Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, zum Ausstellungskonzept, „war der Ausgangspunkt unserer Überlegungen Anfang 2015 die zunehmende Flüchtlingsbewegung. Wir wollten einen Perspektivwechsel vollziehen: Was wäre, wenn wir betroffen wären?“ Er erinnert an diejenigen, die Westfalen oder das Ruhrgebiet nach dem Scheitern der Revolution von 1848 verließen. Rund 300.00 Menschen wanderten zwischen 1800 und 1914 aus den verschiedensten Gründen aus Westfalen aus, um in den USA ihr Glück zu versuchen.
Zaches Lieblingsobjekt in der Ausstellung ist ein Computer, dessen Genealogie-Programm es Besuchern erlaubt, etwaige verwandtschaftliche Beziehungen in die USA zu erforschen. Insgesamt war es schwieriger, Exponate für die Ausstellung zu finden, als die Vitrinen und Stellwände vermuten lassen. Museumsleiter Dietmar Osses erklärt: „Es geht um Menschen, die weggegangen sind. Da stellt sich die Frage, wie man an Objekte kommt.“ - Der besagte Silberlöffel ist auf verschlungenen Wegen nach Bochum zurückgekehrt.

Zeitgenössisches Filmmaterial

Zu sehen ist in der Ausstellung tatsächlich auch Filmmaterial aus der Zeit um 1900. Das lässt erkennen, wie beschwerlich die Überfahrt bei schwerer See war. „Und die Kabeisemanns hatten ein dreijähriges Kind dabei“, ruft Ellen Rütterman beim Anschauen des Materials in Erinnerung.
Neben politischen bewegten auch wirtschaftliche Gründe Menschen aus Westfalen dazu, in die USA überzusiedeln, wie Dietmar Osses erklärt: „In den 1830er bis 50er Jahren verließen viele Menschen aufgrund von Missernten Ostwestfalen und Lippe. Das Erbrecht begünstigte den ältesten Sohn und ließ die anderen Kinder leer ausgehen. Außerdem drängte die Frühindustrialisierung das traditionelle Handwerk zurück. Das Ruhrgebiet war dagegen im 19. Jahrhundert eine Einwanderungsregion – vor allem Hessen und Rheinländer kamen ab 1850 hierher. Die Auswanderung in die USA erfolgte hier tatsächlich aus politischen Gründen – nach 1848 suchte man dort nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten.“


Migrationsgeschichte aus einem anderen Blickwinkel

Dietmar Osses weist nochmals darauf hin, was an dieser Ausstellung so besonders ist: „Unser Themenschwerpunkt ist die Migrationsgeschichte. In der Regel befassen wir uns mit den Menschen, die nach Westfalen oder ins Ruhrgebiet gekommen sind. Diesmal ändern wir die Blickrichtung. Dabei befassen wir uns auch mit Deutschen, die 1933 in die USA ins Exil gehen mussten.“

Termine
Die Ausstellung „Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“ ist bis zum 29. Oktober auf der Zeche Hannover, Günnigfelder Straße 251, zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils mittwochs bis samstags von 14 bis 18 Uhr und sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr.
Am Donnerstag, 6. April, beginnt um 19 Uhr das Begleitprogramm mit dem Vortrag „Dorsten – Chicago. Eine transatlantisch-jüdische Familiengeschichte“. Die Referentin Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel vom Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten steht auch zum Gespräch bereit.
Am Sonntag, 30. April, startet um 16 Uhr eine Führung unter dem Titel „Wohlstand, Freiheit, Abenteuer. Von der Hoffnung auf ein neues Glück in Amerika“.
Die genealogisch-heraldische Arbeitsgemeinschaft Roland zu Dortmund bietet am Donnerstag, 4. Mai, um 19 Uhr einen Vortrag zum Thema „Ein Onkel in Amerika? Auf den Spuren der eigenen Vergangenheit. Tipps und Tricks für den Einstieg in die Ahnenforschung“ an.
Am Sonntag, 28. Mai, kann man sich unter dem Motto „Schaffen muss man hier wie ein Esel. Das deutschamerikanische Arbeiterleben im 19. Jahrhundert“ durch die Ausstellung führen lassen.
Willi Kulke, Ausstellungskurator des LWL-Industriemuseums Ziegelei Lage, hält am Donnerstag, 8. Juni, um 19 Uhr einen Vortrag zum Thema „Aus Westfalen und Lippe nach Amerika. Die Geschichte der Auswanderung“.
Am Samstag, 24. Juni, beteiligt sich die Zeche Hannover ab 18 Uhr an der „Extraschicht – Nacht der Industriekultur“.
Die Führung „Goodbye Deutschland! Aufbruch und Reise in die Neue Welt“ findet am Sonntag, 25. Juni, um 16 Uhr statt.
Am Sonntag, 2. Juli, wird um 16 Uhr ein Workshop Familienforschung angeboten.
Der Vortrag „Die deutsch-amerikanische Brauindustrie“ der Historikerin Jana Weiß ist am Donnerstag, 6. Juli, um 19 Uhr zu hören. Im Anschluss findet eine Bierverkostung statt.
Am Sonntag, 30. Juli, startet um 16 Uhr die Führung „Hopfen und Malz, Gott erhalt's“.
Auch am Sonntag, 27. August, wird um 16 Uhr eine Führung angeboten. Das Thema lautet dann „Mit Sack und Pack auf hoher See. Der Weg in die neue Heimat“.
Kabarettist Stefan Keim gastiert mit seinem Programm „Solo für einen Colt“ am Donnerstag, 14. September, um 19 Uhr auf Zeche Hannover.
Die Führung „Der Traum vom Wilden Westen. Von Goldsuchern und Abenteurern“ findet am Sonntag, 24. September, um 16 Uhr statt.
Die Auswanderungsgeschichte der Familie Kabeisemann ist am Donnerstag, 5. Oktober, um 19 Uhr Thema der Gesprächsrunde „Aus Bochum in die Neue Welt“ mit Dr. Hans Hanke, Dr. Viktor Rüttermann und Lisa Weißmann.
Ausstellungskurator Dietmar Osses hält am Donnerstag, 19. Oktober, um 19 Uhr den Vortrag „Flucht ins Land der Freiheit – Auswanderung und Exil nach 1848 und 1933“.
Ihren Abschluss findet die Ausstellung am Sonntag, 29. Oktober, um 16 Uhr mit der Führung „Hinaus in die weite Welt. Auswandern früher und heute“.
Der Katalog „Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“ ist im Klartext Verlag erschienen (ISBN 978-3-8375-1616-6).
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