Nachbarschaftsstreit - ein modernes Märchen -

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Nachbarschaftsstreit
- Ein modernes Märchen -

So langsam bahnt sich der Frühling an und die Sonne blinzelt nach diesem stürmischen Winter durch Wolkendecken. Schneeglöckchen, zarte Boten einer sich wandelnden Natur, schauen vorwitzig durch das noch karge Grün des Rasens. Bei uns in den Siedlungshäusern, die in einem Karree angeordnet sind, putzen mutige Hausfrauen schon die Balkone. Vielleicht, noch dick in Decken gehüllt, könnte man ein erstes Sonnenbad nehmen? Nach diesem kalten Winter, indem das Klima eisig und frostig war, beginnt neues Leben, wie es das Leben so an sich hat. Mitten im Karree befindet sich ein kleiner Spielplatz, der die kleinen Kinder magisch anzieht. Mädchen und Jungen rutschen und spielen im Sand, bolzen auf der Wiese. Fussballrufe. Gejohle und Gekicher, man freut sich über das schöne Wetter.
Nur ein alter Mann in Parterre nicht. Seit dem Tod seiner Frau Else vor ein paar Jahren ist er missmutig und übel gelaunt. Er platziert sich mit einer dicken Decke auf dem Balkon. - Was für ein Kindergeschrei! Schrecklich! Unerhört! - Er hört nicht mehr gut. Das Stimmengewirr dröhnt in seinen Ohren. Mürrisch über die Brüstung gebeugt ruft er: „Geht es nicht leiser?!“ Ein Junge antwortet keck: „Nö!“ Der Alte wird böse: „Ruhe da unten!“ Die Kinder schauen verwirrt, einige von den älteren Jungen lachen. Einer ruft zurück: „Ischt nischt verbotten!“ Der Alte ist empört: - Der ist ja noch nicht mal Deutscher! Was hat der hier zu suchen? -
In seinem Gedächtnis spielt sich ein Film ab. Krieg, Gefangenschaft, Nachkriegsdramen, seine Frau Else, die mit Marek befreundet war. Wie viel Mühe hatte es ihn gekostet, Else zu überreden, ihn statt Marek zu nehmen…
Er ereifert sich bei jedem seiner Gedanken stärker und brüllt über die Brüstung: „Scheiß – Polacken! Verschwindet doch wieder!“
Von den anderen Balkonen kommt ihm Gelächter entgegen. Niemand nimmt ihn ernst.
Der Schweiß bricht ihm aus. Sein Blutdruck steigt und sein Kopf glüht. Voller Wut über vergangenes Elend und gegenwärtiges Elend brüllt er noch einmal: „Polacken! Euch sollte man alle vergasen! Adolf hat das schon richtig gemacht!“
Eltern auf anderen Balkonen schreien zurück: „Was haben Sie gesagt? Was gehen Sie die Kinder an?“ Eine Mutter kreischt: „Sie gehören ins Altenheim! Sie alter Nazi!“
Fassungslos beobachten die Kinder die schimpfenden Erwachsenen.
In einem Moment der Stille sagt eine kleine naive Kinderstimme: „Der olle Opa ist doch nur alleine…“ Sie gehört einem kleinen blonden Mädchen.
Der Alte hastet vom Balkon. Jetzt erst mal ein Schnäpschen. Und dann ein Bier für die Nerven. Am Abend geht ihm das blonde Mädchen nicht aus dem Kopf. Wie seine Margarete…
Am nächsten Tag ist wieder schönes Wetter. Die Kinder lärmen und lachen. Da taucht der Alte auf seinem Balkon auf. Misstrauisch wird er beobachtet. „Du, komm mal her.“ ruft er zu dem kleinen blonden Mädchen. Es nähert sich vorsichtig. „Wie heißt du?“ fragt er. „Julia.“ - „Und wie alt bist du?“ –„Fünf.“ – „Dann kommst du nächstes Jahr in die Schule, richtig?“ – „Ja.“ sagt Julia. Er sagt: “Ich hatte auch ein Mädchen so wie du. Aber Margarete ist schon lange tot.“ – „Wie schade…“ sagt Julia.“ Da bist du wohl traurig.“ Er schweigt. - Dann fragt er: „Möchtest du Bonbons?“ - „Ja.“ sagt sie. „Auch für meine Freunde.“
Und so wirft der Alte ein paar Bonbons vom Balkon. Die anderen Kinder kommen näher und sammeln sie zögernd auf.
Fortan hält er manchmal ein kleines Gespräch mit Julia und wirft Bonbons und Schokolade vom Balkon. Die Eltern sind beruhigt. Manche grüßen ihn jetzt sogar auf der Straße. „Der olle Opa vom Balkon“ gehört nach und nach dazu.
Zu allen!
Zu den Polacken, Türken, Blonden und Schwarzen.
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