"Peer Gynt" im Prinzregenttheater

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Peer Gynt (Helge Salnikau, Mitte) landet in seinem bewegten Leben auch in der Trollwelt. Ismail Deniz und Corinna Pohlmann als Trolle. (Foto: Schuck)
Romy Schmidt, neue Intendantin des Prinzregenttheaters, erklärt: „Unsere beschränkten Mittel gleichen wir durch unsere Arbeitskraft aus.“
Wie gut das funktionieren kann, zeigt ihre Regiearbeit „Peer Gynt“. Henrik Ibsens auch durch die Musik Edvard Griegs berühmtes Drama aus dem Jahr 1867 erlebte nun an der Prinz-Regent-Straße seine Premiere,
Griegs Musik erklingt dabei nur vor der Aufführung und in der Pause. Yotam Schlezinger, Student am Institut für populäre Musik der Folkwang Hochschule in Bochum, bereichert die Inszenierung mit elektronischen Klängen.
Zudem werden immer wieder Popsongs in die Inszenierung eingeflochten. Selbst Mickie Krauses „Zehn nackte Friseusen“ klingt hier, als hätte die Hauptfigur des Stücks es gerade getextet.
Dieser Peer Gynt, gespielt von Helge Salnikau, ist ohnehin eine reichlich überdrehte Figur. Er setzt seine Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Verluste durch.
Er lässt andere im Stich, zeugt ein Kind, um das er sich dann nicht kümmert, rettet sein Leben auf Kosten anderer, bereichert sich am Sklavenhandel. Mit der Wahrheit nimmt er es nicht besonders genau.
Immer wieder stellt sich die Frage, ob Peer Gynt er selbst sein kann. Und was heißt das überhaupt: man selbst sein.
Die Trolle stehen in dieser Inszenierung für den Markt und die mit ihm verbundene Versuchung, in Selbstzufriedenheit zu versinken.
Der Knopfgießer, der Peer vorwirft, nie er selbst gewesen zu sein, führt die Zuschauer durch die Rahmenhandlung, in der Erinnerungsstücke aus Peers Leben versteigert werden.
Überhaupt wird in der hier dargestellten Welt alles zur Ware: Romantik gerät zum Kitsch und gerinnt in Richard Sandersons Schnulze „Reality“. Trauer verkommt zu Human Interest auf Boulevardniveau.
Peer Gynt ist ein Antiheld, aber einer, der dem Zuschauer bekannter vorkommt, als ihm lieb sein kann.
Dass man dabei fasziniert zuschaut, liegt an Romy Schmidts Inszenierung, die einer Wundertüte gleicht, bei der sich alle Teile auf traumwandlerische Weise zu einem Ganzen fügen.
Es liegt aber ebenso an der Textfassung des Dramaturgen Frank Weiß, die vor Einfällen nur so sprüht. Sie ist völlig zeitgemäß und bewahrt doch die Schönheit der Dialoge.
Neben Helge Salnikau stehen Ismail Deniz und Corinna Pohlmann auf der Bühne, die mehrere Rollen ausfüllen. Alle drei überzeugen.
Sandra Schucks Bühnenbild balanciert gekonnt Konkretion und Abstraktion.
So erlebt man einen Theaterabend, wie es ihn nur selten zu sehen gibt. Anschauen? – Unbedingt. Und das gern auch zweimal.
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