Prinzregenttheater rückt Fassbinders "Angst essen Seele auf" ganz nah an den Zuschauer heran

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Emmi (Doris Plenert) und Ali (Linus Ebner) werden von ihren Mitmenschen (im Hintergrund Anne Hoffmann und Maximilian Strestik) kritisch beäugt. (Foto: Schuck)

„Angst essen Seele auf“ ist ein Stoff, den man zu kennen glaubt. Rainer Werner Fassbinders Film aus dem Jahre 1974 mit Brigitte Mira in der Rolle der verwitweten Putzfrau Emmi Kurowski, die sich in München in einen Gastarbeiter mit marokkanischen Wurzeln verliebt, ist ein Stück bundesdeutscher Filmgeschichte. Die Inszenierung am Prinzregenttheater bürstet den Stoff auf erhellende Weise gegen den Strich.

Intendantin und Regisseurin Romy Schmidt belässt die Handlung in den siebziger Jahren, in denen noch viele ältere Erwachsene eine unaufgearbeitete Vergangenheit als Nazi mit sich herumtragen – und sei es „nur“ als Mitläufer. So ist auch Emmi (Doris Plenert) nach wie vor von Adolf Hitler fasziniert. Gleichzeitig gibt es immer wieder kleine Signale, die das Geschehen näher an die Jetztzeit heranrücken.

Von der Umgebung angefeindet

Emmi und Ali (Linus Ebner) werden von ihrer Umgebung angefeindet – aus rassistischen Motiven, aber auch, weil sich hier eine Frau das Recht nimmt, einen dreißig Jahre jüngeren Mann zu heiraten. Das Publikum wird von den Schauspielern Anne Hoffmann und Maximilian Strestik, die als Animateure durch den Abend führen und zugleich der Emmi und Ali feindlich gesinnten Umwelt ein Gesicht geben, immer wieder zu Unmutsäußerungen über die Ausfälle der Nachbarn, Kollegen und Ladenbesitzer veranlasst. Da stellt sich dem Zuschauer dann gleich die Frage: Wie offen bin ich eigentlich wirklich? Äußere ich meine Ressentiments vielleicht nur subtiler? Ist vielleicht nur die Zeit eine andere – und sind es mit ihr die Artikulationsformen der Ausgrenzung? - Dabei hält die Bühne dem Zuschauer im wörtlichen Sinne den Spiegel vor. So ist man ja immer noch geneigt zu erwarten, dass Ali von einem Schauspieler mit erkennbarem Migrationshintergrund gespielt wird. Auch diese Vorstellung unterläuft die Inszenierung.
Plenert und Ebner gelingen bei aller Verfremdung in anderen Szenen immer wieder Momente ungeheurer Zartheit, die sogar spontanen Beifall hervorrufen. - Der Abend macht durchaus Spaß, gibt einem aber auch eine Aufgabe mit nach Hause: Es bleibt nach wie vor viel zu tun, um das Zusammenleben für alle mindestens erträglich zu machen.

Termine
„Angst essen Seele auf“ wird am Dienstag, 20. Juni, um 19.30 Uhr wieder am Prinzregenttheater, Prinz-Regent-Straße 50-60, aufgeführt. An diesem Abend wird auch ein Inszenierungsgespräch angeboten.
weitere Termine: Mittwoch, 21. Juni, 19.30 Uhr; Samstag, 1. Juli, 19.30 Uhr; Sonntag, 2. Juli, 19.30 Uhr.
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