Ruhrtriennale 2015 # Bochum, Das Rheingold

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Das Rheingold, Jahrhunderthalle Bochum
 
Premiere "Das Rheingold" am 12.9.2015
Bochum: Jahrhunderthalle Bochum | Verträge sind zu erfüllen, Lohn ist zu zahlen, keine Leistung erfolgt ohne Gegenleistung.

In der Jahrhunderthalle spielt eine Wagner-Oper, in der es um Sozial-Revolution geht, um "die da oben", die Götter-Bonzen, und um deren Fall. Um "die von unten", die Arbeiter, die ihren Lohn einfordern und auch mal an Geld kommen wollen. Schließlich bringen Gier und List aber auch diese zu Fall, die alte Ordnung wird wieder hergestellt. Ein immerwährender Kampf um Geld und Macht ist in der Welt, eine andauernde Revolution. Mutter Erde warnt, "Was war, weiß ich", aber auch was uns noch bevorsteht, ist ihr schon bekannt ...

Musik und Libretto wurden 1854 von Richard Wagner geschrieben. Einordnen lässt sich die Zeit vor dem Hintergrund, dass das deutsche Volk gut 20 Jahre zuvor dem Adel eine erste deutsche Verfassung mit Wahlrecht und Mitspracherecht abgerungen hatte und eine Einigung der deutschen Kleinstaaten anstrebte.
Aber schon 1848 hatten sich die deutschen Monarchen ihre Rechte wieder zurückgekämpft, die absolute Herrschaft im Staatenbund ging weiter. Die von der Politik enttäuschten Bürger zogen sich ins Private zurück und pflegten ihren "Biedermeier". Eine erste deutsche Einigung - wenn auch zu den Bedingungen des Adels - gab es erst 1871 mit der Krönung von Wilhelm I. von Preußen zum deutschen Kaiser.

Richard Wagner stand seit 1848 mit radikalen politischen Kräften in Verbindung und beteiligte sich an Aufständen, bis er schließlich als Revolutionär steckbrieflich gesucht wurde und in die Schweiz ins Exil ging.
Wagners "Rheingold" war schon immer eine politische Oper, eine Parabel der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in der Ausbeutung vom Volk durch den Adel manifestiert.
Musikalisch prallen in "Rheingold" Altes und Neues aufeinander und sind Ausdruck künstlerischer Revolution und deren Unmöglichkeit. Wenn schon die politische Revolution missglückt war, so wollte Wagner zumindest in der Oper revolutionär Neues schaffen. Musik und Drama sollten nicht länger nur Zweck und Mittel sein. Wenigstens in der Oper sollte es keine Hierarchie mehr geben, sondern gleichberechtigtes Zusammenwirken der Elemente Musik, Orchesterkörper, Text, Bühnenbild und Handlung. Wagner wollte über eine perfekte Illusion, eine Verzauberung des Publikums, die Notwendigkeit von politischen Veränderungen spürbar machen.

In der jetzt unter der Regie von Johan Simons neu inszenierten Fassung werden sowohl die inhaltliche Botschaft als auch die musikalische Darbietung zeitgemäß aktualisiert und in ihrer Vieldeutigkeit weitergetrieben.
Simons reflektiert ebenfalls das Zusammenspiel, strebt aber keine Verschmelzung der Elemente an.
Die einzelnen Ebenen werden unter seiner Regie voneinander isoliert und theatrale Techniken und wirkungsästhetische Strategien offengelegt. Der Zuschauer ist im nach allen Seiten offenen Gerüstaufbau der Jahrunderthalle Zeuge der Herstellung von Klängen, Kostümwechseln und Veränderungen in den Personen. Er wird durch das Bespielen des Zuschauerraumes direkt angesprochen und durch Stellvertreter-Statisten, Personen aus dem Alltag, ins Stück einbezogen.

In der spannend gemachten Neuinszenierung überträgt Simons die Handlung ins Ruhrgebiet.
Historisch legitimiert sich dies auch auf dem Zeitstrahl der deutschen Geschichte.
Das Jahr 1848 gilt auch als der Beginn der Industrialisierung. Maschinen (die Riesen bei Wagner) ersetzen den einzelnen Arbeiter. Verträge werden von der Oberschicht (den Kohlebaronen) immer noch gebrochen, Lohnforderungen können erst durchgesetzt werden, als sich die Arbeiter gegen den Widerstand der Werksbesitzer in Gewerkschaften zusammenschließen. Sozialistische und kommunistische Parteien entstehen, Arbeiter wollen nicht nur Lohn sondern Alles, die Macht.
Die Zerrissenheit der politischen Führung ist Nährboden für den Ersten Weltkrieg. Für die Zahlung der immensen Reparationsleistungen wird die geförderte Kohle ins Ausland geliefert, die Arbeiter im Ruhrgebiet hungern in den 1920er Jahren. Aufstände werden militärisch niedergeschlagen, es kommt 1926 zur Ruhrbesetzung. Dies ist der gesellschaftliche Hintergrund, aus dem heraus Hitler die Wagner-Opern für seine Zwecke mißbrauchend auslegte, dem Kampf des Deutschen gegen das ausbeuterische Fremde. Der Kampf um Vor-Macht, Gold und Kohle, führte in den Weltenbrand.

In Simons Neuinszenierung wird die historische Vorlage in der dritten Szene aufgebrochen und mit einem Zeitsprung aus der Industriezeit ins heutige Zeitgeschehen transformiert.
Eine Passage mit neu komponierter Musik des finnischen Musikers Mika Vainio erzeugt elektronisch technoid anmutende Industrial-Klänge. Das dröhnende Hämmern pseudoindustrieller Fertigung in der "Industriekathedrale" schreckt den Zuschauer auf und vermittelt ihm eine intensive Erfahrung unmittelbarer Betroffenheit in einem neuen Walhalla.

Textpassagen werden vorgetragen. Zuerst der von Jorge Luis Borges über den "kriegerischen Himmel". Das Paradies ist die Seligkeit im Kampf, im ewig andauernden Arbeitskampf, im Überlebenskampf. Gesellschaftliche Bezüge zur Eurokrise klingen an.
Dann der Text von Elfriede Jelinek "Brünhilde an Papa Wotan". Der Kapitalismus ist von der Gesellschaft ausgehend in der Individualfamilie angekommen. Papa kann den Kredit nicht mehr zahlen, die Tochter wird verkauft, soll anschaffen gehen. Kapitalismus und Konsumwünsche haben ins Elend getrieben, man hat die Folgen nicht bedacht. "Diebstahl am Anfang, Diebstahl am Ende, dazwischen Betrug."
Freia, die Göttin der ewigen Jugend, deren Früchte ewiges Leben verleihen, ist zur Ware verkommen. Die Jugend erneuert die Gesellschaft nicht mehr, die Generation ist verloren. Eine Rettung ist nur mit List möglich und unter Verzicht auf Geld und Macht.

Düstere Zeiten stehen bevor. Das Prinzip der Ausbeutung zeigt sich als kulturgeschichtliche Konstante. Um aus dieser Spirale zu entkommen, bedarf es einer sozialen Revolution. Hierin sind sich Simons und Wagner einig.

Die musikalische Leistung des Orchesters MusicAeterna unter Leitung von Teodor Currentzis wie auch die gesanglichen Darbietungen aller Solisten waren überwältigend.
Das begeisterte Premierenpublikum dankte mit langanhaltendem stehendem Applaus und zahlreichen Bravorufen.

Die Neuinszenierung von "Rheingold" ist ein Opernereignis, dessen Bedeutung weit über den akustischen Hochgenuss hinausgeht.
Weitere Aufführungen sind am 16., 18., 20., 22., 24.,26. September 2015 in der Jahrhunderthalle Bochum.
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