Ruhrtriennale: Gute, Böse, Religiöse

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Talkmaster Johan Simons und Joep van Lieshout.
 
Begrüßung in Johans Saloon.
Bochum: Jahrhunderthalle Bochum | Zum ersten Mal sonntäglicher 12 Uhr-Talk mit Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons

Im Kunstdorf „The Good, the Bad and the Ugly“ vor der Jahrhunderthalle gibt´s nun Sonntags ab 12 Uhr „High Noon mit Johan Simons“, so eine Art Frühschoppen. Der Ruhrtriennale-Chef ist hier als Talkmaster im Einsatz und befragt seine Künstler zu ihren Werken. Im Bretterverschlag des roten Refektoriums plauderte er erstmals letzten Sonntag heiter schlagfertig über große Themen. Etwa über Religion, Sinn und Zweck und Möglichkeiten von Kunst und Kultur in Umbruchszeiten im besten Sinne gestritten und geplaudert. Rund 60 Neugierige waren, trotz schlechtem Wetter der Einladung gefolgt und saßen bei auch warmen Getränken wenigstens wind- und regengeschützt in der Kulturscheune. Erlebten den originellen, sanften aber auch schlagfertigen Joep van Lieshout, der die begehbaren und benutzbaren Installationen und Maschinenwesen des Kunstdorfes entwickelt und gebaut hat.

Der gottlose Simons enttarnte ihn ironisch anhand seiner Kunstwerke und Aussagen sowie der NL-Klangfarbe schnell als „Katholiker“ aus Brabant. „Müssen Deine Sachen immer auch eine Funktion haben oder benutzbar sein? Spielt also Schuld eine Rolle? „Immer, aber man kann über alles reden.“, gab Van Lieshout lachend zu, dass ihn schon immer mehr die „bösen Sachen“ interessiert hätten. Gleich daneben seine Kunst-Installation „Medizin-, Alkohol- und Drogen-Labor-Container“, gut sichtbar für die Besucher vom Refektorium aus „hinter Gittern“ anzusehen, scheinbar werden dort Tränke und „Medizin“ gebraut. „Da kommt man also anders raus – als man reingegangen ist?“ Was lachend vom Erfinder, dem Freund Simons bejaht wurde.

Mehr an den "bösen Sachen" interessiert

Kunst wäre die Möglichkeit neue Welten zu denken. Und vielleicht auch neue Wege des Zusammenlebens zu finden. Wann Van Lieshout denn das erstemal daran gedacht hätte, Künstler zu werden? Ursprünglich so mit 5 oder 6 Jahren hätte er Koch werden wollen. Später so mit 16 ging es aber schon in Richtung Kunst. Er ist auf dem Land aufgewachsen, da hätte es nur Bauern gegeben, da war ein Koch ja schon ein Künstler. Er hat auch nicht im „Weihnachtskarten-Idyll“ (Simons) Amsterdam studiert, sondern an der Kunstakademie Rotterdam. Hier schätzt Van Lieshout bis heute, dass die Menschen mehr anpacken und hart arbeiten als zu schwätzen. Der Hafen, die Industrie, der Wandel all das interessiert ihn. Zur Zeit alles, was mit Energie zu tun hat, zum Beispiel auch die Kernernergie (Raunen im Parkett). Wie gesagt, die „bösen Sachen“ reizen den Katholiken in ihm besonders.

Seine riesigen Orakel-Köpfe aus Leuchtdraht mit rollenden Augen und sprechendem Mund kann man Fragen per SMS stellen, die Nummer hängt im Refektorium aus. Wie bei allen bekannten Orakeln (vom Glückskeks bis zur Wahrsagerin) müssen die Antworten natürlich interpretiert und gedeutet werden. Und genau das will Van Lieshout auch, er will die Menschen mit witzigen, originellen Dingen wie dem Kunstdorf zum Nachdenken bringen.

Nicht der schlechteste Kunstansatz: Van Lieshout versteht Religion als Lifestyle. Simons wiederum hätte vor 20 Jahren noch geschworen, dass Religion eigentlich kein Thema mehr werden würde. Im Ruhrgebiet leben 171 Nationen mit auch unterschiedlichsten Glaubensrichtungen. So befasst sich die Ruhrtriennale neben dem großen Zeitalter der Aufklärung in der "Stadt-Beter"-Reihe „Urban Prayers“ auch mit Glaubensfragen. Simons: “Vielleicht die größte Strafe Gottes für die Menschheit, dass er nicht existiert?!“. Als streng protestantisch aufgewachsener Junge vom Lande habe er mit 13 erstmals gezweifelt. Bei Simons´ Treffen kürzlich mit dem Duisburger Ditib-Imam habe dieser auf die Frage nach dem Zweifel den vollends verneint: „Ich bin im Islam geboren, lebe im Islam und werde im Islam sterben. Nein, ich habe keine Zweifel.“

Wir waren schon mal weiter

Auch das Publikum war bewegt: „Wir waren schon mal weiter in den 70er Jahren. Da gab es keine Ausländer, da gab es den Ali oder den Jorgos, das waren Kollegen auf der Arbeit. Das mit dem gut gemeinten >Unsere Ausländer< kam erst in den 80ern.“ Angst mache, dass sich die Fronten plötzlich so verhärten. Aus Angst abgehängt zu werden, nicht genug übrig bleibe für die, die schon hier sind, wenn immer mehr „Fremde“ kommen, aus Angst, dass der Verteilungskampf zwischen Arm und Ärmer noch schlimmer wird. Die Reichen werden seltsamerweise reicher und verstecken ihr Geld steuerschonend, die Kluft in der Gesellschaft wird immer größer. Ein einheitlichen Ehtik-Unterricht in NRW-Schulen, wie anderswo in Deutschland, politisch gekippt? Eine Stunde Talk in dramaturgischer Begleitung und Irritation kann da nur Anregungen geben.

Eigentlich goldene Zeiten für die Kunst? fragte der Intendant des Kulturfestivals provokant in die Runde. Kann Kunst überhaupt etwas ändern? Weil sie – anders als Sozialarbeiter und Politiker - alles denken und in ihren Werken darstellen könnte. Jedenfalls hier in unseren schönen und reichen Ländern. Es war längst High Noon geworden ist - wie im alten Film. (cd)
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