Ruhrtriennale: Turbo-Kapitalismus auf dem Spielplatz - Oder: Haben Reiche eine Seele?

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Cosmopolis, Ruhrtriennale, Besetzung/ Mitwirkende: Mit - Elsie de Brauw, Pierre Bokma, Mandela Wee Wee, Bert Luppes, BL!NDMAN, Nach: Don DeLillo, Regie: Johan Simons, Bühnenfassung: Koen Tachelet, Komposition: Eric Sleichim, Bühne: Bettina Pommer, Kostüm: An De Mol, Licht: Dennis Diels, Sounddesign: Will-Jan Pielage, Dramaturgie: Koen Tachelet, Dorothea Neweling, Eine Produktion: der Ruhrtriennale und des NTGent.
 
Cosmopolis, Ruhrtriennale, Besetzung/ Mitwirkende: Mit - Elsie de Brauw, Pierre Bokma, Mandela Wee Wee, Bert Luppes, BL!NDMAN, Nach: Don DeLillo, Regie: Johan Simons, Bühnenfassung: Koen Tachelet, Komposition: Eric Sleichim, Bühne: Bettina Pommer, Kostüm: An De Mol, Licht: Dennis Diels, Sounddesign: Will-Jan Pielage, Dramaturgie: Koen Tachelet, Dorothea Neweling, Eine Produktion: der Ruhrtriennale und des NTGent.
Bochum: Jahrhunderthalle Bochum | Don DeLillos Roman „Cosmopolis“ spielt in New York an einem Tag im April:

Eric Packer, 28 Jahre alt, steinreicher und skrupelloser Spekulant, fährt in seiner Stretchlimousine zu einem Friseur-Termin, quer durch die Stadt. Weltweit wackeln die Kurse, geraten die Finanzmärkte ins Trudeln. Das Herz der Metropole steht kurz vor dem Kollaps. Der Präsident ist in der Stadt, ein Sufi-Rapper wird unter großer Anteilnahme seiner Anhänger zu Grabe getragen, gewalttätige Globalisierungsgegner demonstrieren, Künstler verstören mit Guerrilla-Aktionen die Öffentlichkeit. Und auch Eric Packers Leben gerät ins Wanken.

Der scheidende Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons

lässt die Geschichte auf einem Spielplatz spielen. Allerdings sind die Spielgeräte und die Sandkiste aus silber-glänzendem Material und auch die Bodenplatten sehen sehr kostbar aus. Nur ein dreistufiges Rondell ist aus Holzlatten gezimmert, wenn auch mit schicken, roten Sitzflächen und roter Außenbemalung.

Die Schauspieler kommen wie Kinder zum Spielen her:

Haben auch ihre Spielsachen dabei: Ein rosa Plastik-Köfferchen und eine Spielzeug-Stretch-Limousine. Kurze Hosen bei den beiden Jungs: Börsenspekulant Eric Packer (Pierre Bokma) ist zwar im blauen Blazer, aber schon der Schlips ist kinderkurz. Sein Chauffeur, Arzt und Friseur – alle Rollen Mandela Wee Wee – im T-Shirt und Shorts. Die wichtigen Frauen in Packers Leben spielt Elsie de Brauw in verschiedenfarbigen Schleifen-Kleidchen des selben Schnitts. Nur der Mörder (Bert Luppes) hat lange Hosen an und spielt auch schon erwartungsvoll mit Sand im Kasten.

Ein Endspiel ohne Happy- oder Bad-End beginnt:

Denn der Mörder wird nicht schießen – obwohl ein Schuss fällt. Wahrscheinlich ist das Seelenleben der Superreichen wirklich für uns Normalsterbliche nicht nachvollziehbar ... das war ja Simons Begründung für diese seine Wahl des Spielplatz-Spielortes. Einzig Elsie de Brauw in ihrer auch sehr witzigen Verwandlungsfähigkeit erzeugt emotionale Brüche und so etwas wie Nähe und Verletzlichkeit: Exaltiert und schrill in der Rolle der „persönlichen Kunsthändlerin und Exgeliebten“ – und als „die Ehefrau“ charmant verpeilt und genervt von den sexuellen Ansprüchen und Fantasien ihres frisch Angetrauten. Die Witwenrolle ist ihr sichtlich lieber und auch finanziell ergiebiger, wie sie ihrem (toten?) Mann anvertraut. Sie hegt keinen Groll, auch wenn er ihr altes, ererbtes und sein neureiches Geld komplett verloren hat. Eric Packer hat sich irgendwie auch mit ihr vollkommen verspekuliert.

Es ist ein seltsam unaufgeregter und auch ein bisschen vergeblicher Abend mit guten Schauspielern und Musikern. Bei dem vielleicht ja auch Abschiedsgefühle nach drei Jahren Ruhrtriennale mitschwingen. DeLillo schrieb „Cosmopolis“ prophetisch 2003. Die Auswirkungen und gesellschaftlichen Folgen der Finanzkrise sind noch nicht ausgestanden. Simons` Schauspiel-Abschied von der Ruhrtriennale vor seiner Übernahme des Schauspielhauses wurde vehement mit der dortigen Spielzeit-Eröffnung der Ein-Jahres-Intendanz Kröck verglichen. cd

Weitere Termine: Donnerstag, 28.9.17, Freitag, 29.9.17 und
letzte Vorstellung: Samstag, 30.9.17, immer 20 Uhr, Jahrhunderthalle.
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