Schwarz, arm und begabt - zwischen zwei Welten

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In der Kleiderkammer für Bedürftige herrschte reger Andrang. Natürlich waren die Sachen, die man erwerben konnte, nicht neu, aber oftmals in gutem Zustand, frisch gewaschen und dufteten nach Weichspüler.
Trine, die ältere alleinerziehende Mutter suchte dort ganz gerne Sachen für ihren Sohn, der, obwohl erst 14 Jahre, recht groß und kräftig war. Er überragte sie schon ein ganzes Stück und trug den Rucksack, wenn sie fündig geworden war.
Sie war glücklich, ihn bei sich zu haben. Stolz erzählte sie von ihm und versorgte ihn trotz der ärmlichen Verhältnisse liebevoll und fürsorglich.
Mutter und Sohn aßen kein Schweinefleisch, denn sie erzog ihn in der Tradition seines Vaters, eines Vaters, der schon lange nicht mehr bei ihnen wohnte. Sie selbst war bescheiden und machte sich nicht viel aus Kleidung, trug Anoraks und weite Hosen, die sie als praktisch empfand. Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, zogen ihre Mundwinkel nach unten, doch sprach sie gerne mit anderen und immer kam das Gespräch auf ihren Sohn.
„Er kommt in der Schule nicht besonders gut zurecht, so mit seinen Klassenkameraden. Er ist ein Einzelgänger.“ sorgte sie sich.
Es war schwer für ihn, in Deutschland zu bestehen, obwohl das Land doch eigentlich demokratisch sein sollte, so wurde es jedenfalls propagiert. Er fühlte sich zerrissen zwischen zwei Welten, der seines Vaters in den Hütten ohne elektrischen Strom, ohne fließendes Wasser, mit der impulsiven Herzlichkeit seiner Verwandten und diesem Land mit Laptop und Handy, in dem Nachrichten mehr gemailt als gesprochen wurden.
Afrika war eine ganz andere Welt, mysteriös und doch so nah. Er war nahezu in Deutschland aufgewachsen und fühlte sich als Deutscher, doch war nie ganz, nie vollständig hier zu Hause gewesen und manchmal sehnte er sich nach den Hütten, dem Maisbrei, vor allem aber nach den herzlichen Menschen.
Mit seiner schwarzen Haut und den krausen Locken wurde er mitunter ein wenig gemustert, nicht gerade abgelehnt, doch es gab ihm ein Gefühl, er gehöre nicht wirklich dazu. In der Grundschule hatte er sich darüber keine Gedanken gemacht, doch jetzt auf der Gesamtschule war das anders. Vielleicht lag es auch an ihm selbst, vielleicht konnte und wollte er keinen Zugang zu den anderen? Er fühlte sich wie in einer Zwischenwelt, hin und hergerissen zwischen dem Wunsch, dazu zu gehören und nichts mit den anderen zu tun haben zu wollen. Manchmal kam es ihm vor, als sei er weder schwarz noch weiß und nicht hier und nicht dort.
Seine Mutter bemühte sich wirklich, das wusste er, sie hatte Herz und liebte ihn. Sein Vater war nicht lange hier geblieben. In Afrika hatte er andere Frauen mit anderen Kindern. Seine Halbgeschwister kannten nichts von seinem Leben und er konnte es ihnen auch nicht erklären. So breitete sich ein Schweigen in ihm aus und manchmal konnte er keine Worte finden, auch nicht gegenüber seiner Mutter, die alles tat, damit es ihm gut ging.
Einmal träumte er, er stünde in einer großen staubigen Wüste und nur ganz entfernt am Horizont erahnte er die afrikanischen Hütten und gleichsam auch die Hochhäuser der westlichen Stadt. Aber dazwischen lag Sand, feiner heißer gelber Sand, in den er einsank, sobald er einen Schritt tat. Er betete zum Himmel, dieser möge Regen schicken und die Hütten und Hochhäuser mit einem großen Strom verbinden, damit darauf kleine Boote leicht hin und herfahren könnten und es keinen Unterschied zwischen den Leuten und ihren Blickpunkten gäbe. Gleichzeitig war ihm die Unmöglichkeit seiner Gedanken bewusst. Er schluckte. Niemals könnte man eine Einheit bilden, niemals würden sich diese Welten annähern oder verbinden.
In seiner Einsamkeit begann er zu schreiben. Nein, eigentlich begann er, etwas auf einen Zettel zu kritzeln. Daraus formten sich Worte, und die Worte zogen Gedanken nach sich, aus denen sich wiederum Worte formten. Er zeigte sie niemandem. Sie waren sein Schatz, sein Geheimnis und es wurden immer mehr.
Der Lehrer lobte seine Aufsätze, was er teilnahmslos hinnahm.
Seine Worte weilten anderswo. Er verschloss sie sorgfältig vor seiner Mutter, versteckte die vielen Blätter in seinem Schrank, unter seinem Bett, in seiner Kommode. Er hatte die Sprache, seine Sprache in seiner Sprachlosigkeit entdeckt. Das half zu überleben.
Seine Mutter bemühte sich um ihn, aber er zog sich mehr und mehr zurück. In der Schule tat er das Notwendigste, mit seinen Mitschülern sprach er das Notwendigste, so dass sie es aufgaben, ihn sehr oft anzusprechen.
Manchmal lag er zu Hause auf dem Bett und formte Wörter im Kopf. Sie verbreiteten sich fast sichtbar und er spielte mit ihnen, vertauschte sie, schob sie hin und her.
Er begann, sie in seinen Laptop zu tippen.
In einem Internetforum traf er auf Gleichgesinnte. Das war einfach. So brauchte er ihnen nicht gegenüber zu treten und konnte doch kommunizieren. Nächtelang saß er vor dem Computer und chattete. Die anderen ernannten ihn zum Administrator und er lernte viel über die Computerwelt. Sie war sein Medium geworden.
Seine Mutter hatte sein Engagement zwar nie gerne gesehen, aber toleriert, obwohl sie ihn einmal zu einem Psychologen geschleppt hatte, der nicht feststellen konnte, dass ihr Sohn ein Autist sei und etwas nachdenklich die Stirn gerunzelt hatte.
Die Welt der Wortphantasie wurde seine Leidenschaft und manchmal erschien sie ihm realer als die wirkliche Welt, denn die wirkliche Welt wurde genauso geleitet von der Phantasie, von den Gegebenheiten der zufälligen Gedanken und Gefühle, nur, dass man sie anderen gegenüber selten aussprach. Nach dem Abitur würde er einen Beruf ergreifen, in dem er seine Ambitionen ausleben konnte, schwor er sich.
Wenn ihm seine Mutter nun vorschlug, die Verwandten in Afrika zu besuchen, schüttelte er milde, aber bestimmt den Kopf. Nein! Er wollte seinem Leben keinen weiteren Umbruch zumuten, nicht noch einmal einen Wechsel der Gewohnheiten erfahren. Er wollte nicht mehr von der großen Sandwüste träumen, vom Strom, von den kleinen Booten, die alles verbanden. Er erträumte keinen erlösenden Regen, denn in ihm selbst fuhren jetzt leichte Boote auf einem glitzernden klaren Strom hin und her und fuhren weiter, als er sich jemals zu träumen gewagt hatte. Das machte ihn stark. Er hatte Heimat gefunden.
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