Sexgier und Reichtum

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Heute Nacht habe ich den Abstand, darüber zu reden, etwas angetrunken, mit der nötigen Trauer der Vergangenheit, lange ist´s her...

Die schöne sonnige Gartenfete mit den netten Leuten und ausgelassenen Scherzen war genau das, was ich an diesem Sommertag brauchte. Später am Abend, als alle friedlich genussvoll den Tag ausklingen ließen, spielte Torsten zarte jazzige Töne auf seiner Gitarre, „Take Five von Dave Brubeck“. Ich war begeistert. Die Töne gelangten tief in die Seele meines romantischen Gemüts. Er flirtete heftig mit Sonja und auch wir tauschten Telefonnummern aus.
Eine Woche später rief er wirklich an, wir telefonierten ein paarmal hin und her und er besuchte mich eines schönen Abends. Sein metallic schwarzer Alpina BMW parkte direkt vor meiner Haustür im Parkverbot, was ihn aber nicht zu stören schien.
Gerade von seiner Exfrau verlassen worden, drehte sich das gesamte Gespräch um ihre Boshaftigkeit, ihn sitzen gelassen zu haben… Torsten war ein groß gewachsener, muskulöser blonder Typ mit einem „Baby Face“, einem Kindergesicht mit vollen Wangen und Lippen und einer knubbeligen Nase, höchst musikalisch und spielte mir auf meine Bitte etwas auf meinem Klavier vor, wovon ich begeistert war. Ach ja, die Klavierspieler haben immer Glück bei den Frauen… Gekonnt charmant spielte er auch mir einige Schmeicheleien in meine Seele.
Für den nächsten Tag lud er mich ein, mit ihm an die See zu fahren, nur einen Tag, einen kurzen Ausflug, denn sein Alpina mit 300 Stundenkilometern brauchte nicht lange dazu. Ich liebte schnelle Wagen, und bei der enormen Geschwindigkeit auf der A 31 kam ich mir neben ihm fast vor wie „Pretty Woman“, die den großen Coup ihres Lebens startete.
Zu der damaligen Zeit lebte ich ziemlich zurückgezogen, etwas naiv und einfältig, und kannte das große Leben nicht. In Norddeich, auf einer windigen Cafeterrasse nahm er mich in den Arm. Er erzählte, dass seine Exfrau heute die restlichen Möbel ausräumte. Er war geflohen.
Mit seiner Mutter zusammen bewohnte er von jeher ein großes Haus in einem Luxus Stadtteil mit einem beeindruckenden Garten, der einen weiten Ausblick auf ein wunderschönes Tal gestattete. Er nannte es sein „Anwesen“. Sein früh verstorbener Vater war Fabrikant gewesen und jetzt führte er die etwas verkleinerte Firma weiter, ohne jemals eine Ausbildung genossen zu haben. Er war mit den goldenen Löffeln des Reichtums geboren worden und hatte es nie nötig gehabt, sich um solche Dinge ernsthaft zu bemühen, hatte aber eine großartige musikalische Ausbildung erhalten, wobei er klassisches Gitarrenspiel bevorzugte, mir aber das Klavierspiel auf seinem Flügel im Wohnzimmer, vor allem, wenn er Boogie improvisierte, besser gefiel.
Seine Mutter, die im oberen Geschoss wohnte, sorgte immer noch für ihn, machte ihm die Wäsche, kochte und half ihm bei der Verwaltung der Firma und den diversen Immobilien. Sie beriet ihn in allen Lebenslagen und er verließ sich darauf. Sie tat alles für ihn. Wirklich alles.
Von jeher hatte sie ihm eingeredet, dass die Frauen, auf die er sich einließ, nicht „adäquat“ zu ihrem Lebensstil waren, zu ungebildet, zu arm, einfach zu unfähig. Er war ihr Prinz und sie hatte ihn immer eifersüchtig von jeglichen Außeneinflüssen fern gehalten und unnachgiebig in ihrem Reich gethront. „Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich im Kokon.“ sagte er. Die ständige Bewunderung der Mutter erzeugte in ihm einen unangemessenen Hochmut, er wurde eitel und arrogant und schaute auf andere Menschen, auf das „Volk“ wie er es nannte, hochmütig herunter. Ausgiebiger Sex war für ihn eine gewisse dekadente Art von Anerkennung und Bestätigung und da er sich für unwiderstehlich hielt, hatten die Frauen, die er traf, dies auch zu glauben und oftmals glaubten sie es auch. Er flirtete mit allen möglichen Sexualpartnerinnen und dank seiner guten Manieren, dank seines Charmes, auch oft mit Erfolg.
Nur ganz selten überkamen ihn Gedanken, dass er dies alles lediglich seinen Eltern zu verdanken und er selbst dazu wenig beigetragen hatte, aber diese Zweifel hielten für gewöhnlich nicht lange an. Immer wieder zeigte er jedem, der es sehen wollte oder auch nicht: „Ich habe Geld! Ich gehöre zur Oberschicht. Mir kann keiner etwas.“ Da er nur mit Geldscheinen bezahlte, warf er das Kleingeld regelmäßig aus seinem Wagen auf die Straße. Manchmal sammelte ich es dann wieder auf.
Ich begann mich ernsthaft an seine Denkweise zu gewöhnen. Sex und Geld spielten durch ihn jetzt auch für mich eine entscheidende Rolle. Feten, Discos, teure Restaurants, Urlaube… und überall war man gut angesehen, wurde herrschaftlich bedient, weil andere den Reichtum in Verhalten und Kleidung erspürten. Wenn ich etwas kaufen wollte, ging ich einfach in einen Laden und erstand es und achtete nicht auf den Preis. Mir gefiel dieses Leben, obwohl ich auch immer seine Bittstellerin war und blieb.
Nach außen gehörte ich dazu, doch nach innen ließ er mich diese Unterstützungen spüren. Ich tat alles, um ihm zu gefallen, warb mit Gedichten und Schmeicheleien, färbte mir das Haar, erstand sexy Kleidung und Dessous, worin ich mir oftmals auch albern und deplatziert vorkam, wie eine Nutte, die keine war.
Er wurde, je mehr ich mich an dieses Leben gewöhnte, mein bewunderter Prinz. Ihm gegenüber verblassten alle Verehrer. Sein Kindergesicht entlockte mir zärtliche Regungen und beim Einschlafen hielt ich ihm behutsam sein Geschlecht und leckte ihm das Ohr. Das liebte er als ein Gefühl der Geborgenheit, denn er kannte es seit Kindertagen. Und selbst, wenn er bei einem Streit wutentbrannt am Türpfosten monologisierte, dachte ich innerlich: - Ich liebe dich so! -
Bald schon hatte er seine Exfrau vergessen und genoss das neue Leben, doch ich war ihm nach einiger Zeit nicht mehr genug, im Aussehen, im Leben und Lebensstil, in meiner materiellen Armut, in Fähigkeiten und psychischer Struktur. Immer wieder hielt er mir meine Unzulänglichkeiten vor Augen: „ Was bist du denn schon! Kommst zwar aus dem Bildungsbürgertum, aber was hast du denn in deinem Leben erreicht? “
Hatte ihm dies seine Mutter eingeredet?
Ich verzweifelte, erst ein wenig und dann immer stärker. Wenn ich neben ihm im Bett lag, stand ich oft leise wieder auf und schüttete mir an seiner Bar irgendetwas Alkoholisches ein. Ich kannte keine Liköre und Schnäpse und trank alles durcheinander. Am nächsten Morgen musste ich dann mit einem schweren Kopf gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen, ehe ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Dieser Zustand wiederholte sich, nicht nur, wenn ich Alkohol getrunken hatte.
Ich kämpfte: “Wie kann man nur so materiell bezogen sein?“ – „Wenn man es kann!“ war seine Antwort mit einem schiefen Grinsen. Seine Argumente waren nie besser als die Meinen, aber er war arroganter und selbstbewusster, und monologisierte lange, eine nicht endende Zeit, bis ich schwieg.
Seine Exfrau kam öfter zu Besuch und liebsten hätte ich ihr die Augen ausgekratzt, aber ich lächelte mit der netten Fassade, die in diesen Kreisen so üblich ist. Ich passte mich an. Ich verzieh. Schließlich liebte ich ihn. Nur musste er so verdammt arrogant sein und sich seine eigene Größe immer wieder dadurch beweisen, mir zu zeigen, wie klein ich sei? „Ja, ja, der und seine Machtspielchen …„ sagte seine Ex. Er begann, nach anderen Frauen zu schielen und heftig überall, wo sich die Gelegenheit ergab, zu flirten, und eröffnete mir: „ Eigentlich habe ich die Richtige noch nicht gefunden.“
Was war ich? Eine Interimslösung?
Nach einem Wochenende an der See tankte er neben einem großen Autohaus, in dem nur BMW Sportwagen ausgestellt waren. Ich stieg eine Weile aus und betrachtete die schönen Autos, und spürte mit einem Male, dass diese hier nicht wirklich zu mir und meiner Vorstellung vom Leben passten. Ich beobachtete ihn aus der Entfernung. Beim Tanken starrte er sich die Augen nach einer jungen, hübschen Blondine aus, die neben ihm ihren kleinen Sportflitzer tankte.

DAS IST ALLES, WAS ER WILL!

Schlagartig, plötzlich sah ich: - Dieser Kerl wollte nur den Schein, Geld verbunden mit inhaltslosem banalen Spaß und ausgiebigem, fast süchtigem Sex. Das war der Sinn seines Daseins, der Sinn seines Luxus Lebens. Er lebte gut, aber er lebte lediglich an der Oberfläche. Wenn er lachte, lachte er dann? Wenn er Sex machte, machte er dann „Liebe“? Was zählten charmante Worte, wenn er sie äußerte... Innen – war er hohl!
Mich erschlich ein leichtes Würgen in der Kehle und ich begann, zu frieren. In diesem Moment, schien mir, war ich ganz gegenwärtig im Jetzt. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Langsam entfernte ich mich von der Tankstelle, zunächst zögernd, dann schneller. Ich ging die leere nächtliche Straße entlang und sog die kalte Nachtluft in mich ein. Die hohen Absätze meiner Pumps störten mich und ich zog sie aus. Barfuß ging ich weiter und spürte den Boden unter meinen Füssen. Diese Verblendung! Wie hatte ich mich nur darauf einlassen können… Ich ging schneller. Ich rannte durch die Nacht. Nichts mehr von diesen Demütigungen! Nicht mehr diese Verletzungen! Kein enttäuschter Traum! Ich rannte und rannte... Tränen liefen mir lautlos und unbemerkt die Wangen herunter. Obwohl ich außer Atem war, hatte ich plötzlich ein Gefühl von Freiheit. Ich atmete wieder. Wie lange war ich nicht mehr so gelaufen, barfuß, mit erhobenem Kopf und freiem Rücken? Nur nach Hause...In meine kleine, gemütliche Dachgeschosswohnung... Ich hastete die Treppen hinauf und öffnete die Tür. Da war mein gewohntes Heim, da waren meine selbst gemalten Bilder, meine Kerzenleuchter und Duftlämpchen… meine schönen, großen Pflanzen… Ich atmete tief durch – und Erleichterung breitete sich wie eine sanfte Brise rund um meinen Körper aus, hell und schwebend. Groteske Bilder verflüchtigten sich zu einer Klarheit, die mir ungewohnt und doch so vertraut erschien. Wie schön, den Alptraum los zu lassen… Behaglich setzte ich mich in meinen bequemen alten Sessel, legte leise Musik auf und zündete eine Kerze an. Ich war angekommen… bei mir selbst.

Und trotzdem, nach vielen Jahren schaue ich mich immer noch um, wenn ich einen BMW sehe und schiele nach „Baby Faces“. Wie oft schon dachte ich, ich hätte ihn gesehen, aber es war nur ein Wunschtraum. Dieser verdammte Kerl! Er machte so guten Sex, dass andere vor Neid erblassen würden. Auch das – hatte ihn seine Mutter gelehrt.
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