Stück zum Umgang mit der Flüchtlingssituation in den Kammerspielen

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Das Ensemble hat sich Jelineks komplexe Texte erarbeitet und macht sie nun auf der Bühne sinnlich erfahrbar. (Foto: Küster)
Im März und April widmet sich das Bochumer Schauspielhaus in einer Reihe von Veranstaltungen dem Thema „Das Eigene und das Fremde. Stresstest für die offene Gesellschaft“. Dabei geht es um eine Positionsbestimmung angesichts der seit Herbst stark angestiegenen Zahl der Geflüchteten und der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus. Nach Anders Lustgartens „Lampedusa“ hat am Samstag Elfriede Jelineks viel gespieltes Theaterwerk „Die Schutzbefohlenen“ Premiere an der Königsallee. Ergänzt wird es durch die Anhänge „Appendix“, „Coda“ und „Epilog auf dem Boden“. „Der ´Epilog auf dem Boden´ wird erstmals aufgeführt“, kündigt Dramaturg Olaf Kröck an.
„Die Schutzbefohlenen“ hat Jelinek bereits 2013 veröffentlicht. „Anlass“, blickt Kröck zurück, „waren damals Flüchtlingsproteste in Österreich. Insgesamt war die Situation der Geflüchteten zu diesem Zeitpunkt weder in Deutschland noch in Österreich ein großes Thema. Die Situation hat sich seit dieser Zeit massiv verändert. Jelinek hat deshalb Anhänge verfasst, um ´Die Schutzbefohlenen´ entsprechend zu ergänzen.“ Der „Epilog auf dem Boden“ erschien erst im Januar 2016. „Im ersten Teil ist Jelineks Position noch stark von der Empathie für die aus unvorstellbaren Armutssituationen kommenden Flüchtlinge geprägt. Angesichts steigender Flüchtlingszahlen zeigt die Autorin in den Anhängen dann Verständnis für die Ängste der österreichischen Bevölkerung“, zeigt Kröck die Entwicklung auf.
Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer nimmt die formale Gestalt der Jelinekschen Theaterwerke in den Blick: „Sie wirken zunächst nicht wie Theatertexte.“ „Auf eine durchstrukturierte Handlung“, ergänzt Kröck, „verzichtet die Autorin. Dennoch ist die Gedankenbewegung nachvollziehbar. Es schälen sich durchaus abgegrenzte Themen heraus. Die Texte sind auf ihre Weise auch durchaus humorvoll.“ Schmidt-Rahmer verspricht: „Unsere Inszenierung ist keine abstrakte Kunstveranstaltung. Der Text gibt zwar keine Figuren und Situationen vor, sie lassen sich aber herausziehen. Wir fügen dokumentarisches Material hinzu.“ Die Reflexionen rund um Gründungsmythen und Abschottungsmechanismen Europas werden von Jelinek auch auf Motive der antiken Literatur zurückgeführt.
„Die Inszenierung erzeugt Sinnlichkeit“, gibt Kröck einen weiteren Einblick in die künstlerische Arbeit. Er verweist auf den Einsatz von Videomaterial, auf die Gestaltung der Bühne und der Kostüme. „Jelinek“, fügt Schmidt-Rahmer hinzu, „ist eine große Ironikerin. In diesem Sinne steht sie in der großen Tradition österreichischer Schriftsteller." Kröck schließt hier noch einmal eine Reflexion der Gedankenbewegung an, die sich in der Inszenierung nachvollziehen lässt: „Die anfängliche Parteinahme für die Flüchtlinge weicht einem veränderten Standpunkt. Man ertappt sich als Zuschauer dabei, Gedanken zu formulieren, die auch von Pegida stammen könnten. Dieser Standpunkt wird dann erneut niedergerissen. Der Zuschauer fragt sich, ob er wirklich weiß, was Sache ist.“ Schmidt-Rahmer hakt ein: „Es geht auch um unsere Überforderung durch zu viele Medienanschauungen." Der Regisseur realisiert bereits zum fünften Mal einen Theatertext der Nobelpreisträgerin des Jahres 2004, über die er sagt: „Elfriede Jelinek ist derzeit die bedeutendste Autorin deutscher Sprache.“
In der Inszenierung sind Matthias Eberle, Jürgen Hartmann, Dennis Herrmann, Veronika Nickl, Kristina Peters, Roland Riebeling und Xenia Snagowski zu sehen.

Termine
- „Die Schutzbefohlenen/Appendix/Coda/Epilog auf dem Boden“ erlebt am Samstag, 9. April, um 19.30 Uhr in den Kammerspielen des Schauspielhauses, Königsallee 15, seine Premiere.
- Am Sonntag, 17. April, gibt es um 17 Uhr eine weitere Aufführung.
- Auch am Mittwoch, 27. April, ist das Stück um 19.30 Uhr zu sehen.
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