"Tür an Tür mit Alice": Rottstr5-Theater adaptiert "Alice im Wunderland" für ein erwachsenes Publikum

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"Alice im Wunderland" entfaltet an der Rottstraße ein bedrohliches Potential. (Foto: Schnorrbusch)

Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ gehört zu den großen Stoffen der Weltliteratur. Aufgabe von Film- und Theaterregisseuren ist es, den Stoff ins jeweilige Hier und Jetzt zu holen, ohne das Original zum bloßen Stichwortgeber zu degradieren. Das gelingt Hans Dreher vom Rottstr5-Theater – gerade auch dank seines hervorragenden Ensembles „young'n'rotten“, in dem junge Erwachsene Schauspielerfahrungen unter realen Theaterbedingungen sammeln können.

Für unsere Zeit, in der die virtuelle Realität das unmittelbar Greifbare zuweilen zu überwuchern scheint, erschließen Dreher und seine Schauspieler den Stoff, indem sie ihn als Ausdruck einer Tendenz zum Eskapismus begreifen: Videospiele verschmelzen mit den kuriosen, oft latent bedrohlichen Figuren Carrolls, der seinen Roman, der schon so manches Mal den Umzug aus dem Jugendzimmer in die eigenen vier Wände überstanden hat, ohne im Altpapiercontainer oder im Bücherverschenkregal zu landen, bereits 1865 veröffentlicht hat.

Viele Deutungsmöglichkeiten

Der Zugriff auf den Stoff, der an der Rottstraße gewählt wird, lässt viele Deutungsmöglichkeiten offen, ohne in der Beliebigkeit zu versanden. Alice gerät in der Binnenhandlung in eine Einrichtung, die man heute wohl als Kinder- und Jugendpsychiatrie bezeichnen würde. Sind die Psychopharmaka, die dort verabreicht werden, Drogen, die ins Wunderland führen, oder sind sie ein Symbol – und wenn ja, wofür? Vielleicht für eine von Erwachsenen gern einmal verklärte Kindheit, deren Schrecken in der 2017er Version des Stoffes aber immer wieder aufscheinen.
Die „Alice“ des Theaters unter den Gleisen ist deshalb auch kein Kinderstück, sondern erst für Zuschauer ab etwa 16 Jahren geeignet. Einige der Figuren aus dem Buch – etwa die Grinsekatze und die rauchende Raupe, die hier mit einer Shisha hantiert – werden auf die Bühne geholt. Wenn man gute Ideen hat, geht so etwas auch mit einfachen Mitteln.

Präzises Zusammenspiel

Die Schauspieler – Nikita Buldyrski, Mira Iserloh, Dyana Krupezki, Selina Liebert und Lukas Vogelsang – schöpfen das beunruhigende Potential des Stoffes voll aus und schaffen dennoch immer wieder Szenen von umwerfender Komik. Erstaunlich ist das präzise Zusammenspiel der Akteure, das dafür sorgt, dass der Zuschauer trotz der komplexen Handlung nie ganz den Überblick verliert – ein bisschen Desorientierung schadet im Wunderland ja nicht. Bei aller Gegenwärtigkeit bleibt der Charme der altertümlichen Sprache erhalten, die die jungen Schauspieler zuweilen liebevoll-ironisch, aber immer mit Respekt im Mund führen. Um es kurz zu machen: Diese Schauspieler möchte man in Zukunft noch öfter sehen.

Termine
- „Alice“ ist am Sonntag, 24. September, um 19.30 Uhr wieder im Rottstr5-Theater zu sehen.

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