Vierter und letzter Teil der Serie über das "Grubengold"-Projekt am Prinzregenttheater: Wie macht man aus einem Roman von 1.500 Seiten ein 70-minütiges Theaterstück?

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Das "Grubengold"-Ensemble überzeugt mit seiner Bühnenpräsenz. (Foto: Schuck)

„Mit dem interkulturellen 'Grubengold'-Ensemble 'Don Quijote' auf die Bühne zu bringen, war eine Vorgabe des Prinzregenttheaters“, erzählt Michaela Kuczinna, künstlerische Leiterin und Regisseurin des Projekts. Sie ergänzt: „Ich bin mit dem Stoff vertraut und habe mich sehr gefreut, ihn auf die Bühne bringen zu können. Das ist ein gutes, vielfältiges Material.“ - Der Lokalkompass stellt das „Grubengold“-Projekt in einer vierteiligen Serie vor. Nachdem in den ersten beiden Teile die künstlerische Leiterin Michaela Kuczinna und das Ensemble zu Wort gekommen sind und der dritte Teil sich mit der praktischen Umsetzung auf der Bühne, genauer mit Masken- und Bühnenbild, Kostümen und Videoeinspielungen, befasst hat, geht es nun um das Stück selbst: Wie holt man einen Stoff aus dem frühen 17. Jahrhundert in die heutige Zeit? Wie umgehen mit einem Roman, der gut 1.500 Seiten stark ist?

„Das zentrale Thema ist Don Quijotes Realitätsflucht in die Bücher“, fasst Kuczinna zusammen. Sie erklärt auch, worin für sie der Anknüpfungspunkt für junge Erwachsene heute besteht: „Es geht um ritterliche Tugenden und den Traum vom goldenen Zeitalter. Für die Geflüchteten im Ensemble besteht dieser Traum darin, durch Arbeit für den Lebensunterhalt sorgen zu können. Aber auch die Teilnehmer ohne Flucht- und Migrationshintergrund sollten sich fragen: Wovon träume ich? In welcher Welt möchte ich leben?“
Und wie sah das praktisch aus? - Michaela Kuczinna gibt Auskunft: „Die Teilnehmer schrieben Texte in ihrer Muttersprache, die dann übersetzt wurden. Die Träume der Teilnehmer wurden dann wieder an den Roman angeknüpft.“ Dabei sieht die Regisseurin durchaus Unterschiede zu den Anfängen des Ensembles in der Spielzeit 2015/2016, als eine szenische Collage zum Thema Flucht auf die Bühne gebracht wurde. „Vielleicht ist gar nicht so entscheidend“, resümiert sie, „ob jemand aus Damaskus oder der Dortmunder Nordstadt kommt. Wir haben einen gemeinsamen Ton gefunden – die Teilnehmer müssen sich nicht mehr über ihre Fluchtgeschichte definieren.“

Ernsthaftigkeit und Humor

Sie lobt die Ernsthaftigkeit ihres Ensembles – wobei Ernsthaftigkeit hier nicht mit Humorlosigkeit zu verwechseln ist. Der „Don Quijote“ liefert für eine Gruppe, in der viele Mitspieler aus dem arabischen Kulturraum stammen, noch andere Anknüpfungspunkte. „Der Autor Miguel de Cervantes erfindet einen arabischen Erzähler. Durch diese Multiperspektivität gerät die Vorstellung ins Wanken, es gäbe eine Wirklichkeit und eine Wahrheit. Das lässt sich direkt auf die Situation der Geflüchteten beziehen: Kann man von Deutschland aus wirklich entscheiden, welche Staaten als sicheres Herkunftsland zu gelten haben?“
„Wenn man versucht, Flucht auf der Theaterbühne abzubilden, muss man ohnehin scheitern“, meint Kuczinna. Stattdessen stehen andere Erfahrungen der Schauspieler im Mittelpunkt. „Eine Erzieherin gibt Einblick in ihren Arbeitsalltag“, gibt die künstlerische Leiterin ein Beispiel, „das ist biographisch – die junge Frau ist wirklich Erzieherin.“

Imposanter Roman

Und wie nähert man sich nun einem Roman, der in all seiner Fülle gar nicht zu erfassen ist? - „Wir haben Passagen mit Simultanübersetzung vorgelesen“, verrät Kuczinna. - Auch Videos, Bildmaterial und Cartoons kamen zum Einsatz. „Dieser Arbeitsprozess war langwierig, aber bereichernd“, schmunzelt sie im Rückblick. Dass alles (mindestens) zwei Seiten hat, steht für Kuczinna in direktem Bezug zu den Erfahrungen ihres multinationalen Ensembles: „Nachrichten werden in unterschiedlichen Medien ganz verschieden dargestellt – es ist schwer, sich ein Bild zu machen.“
Dabei stellt die Arbeit mit Menschen, die noch nicht lange in Deutschland sind, die künstlerische Leiterin vor ganz handfeste Herausforderungen: „Der Sprachlernprozess läuft ja parallel. Am Tag einer wichtigen Probe mussten zwei Teilnehmerinnen noch eine entscheidende Sprachprüfung ablegen. Belaliz Schahin hat einen eigenen Text über die Liebe verfasst, der auch im Stück zu hören ist. Sie hat ihn zunächst in Arabisch verfasst; dann wurde er ins Deutsche übersetzt.“ - Im Stück stehen deutsche Passagen neben solchen in arabischer Sprache – die wenigsten Zuschauer verstehen also alles. Genau so ist es gewollt.
Mit 70 Minuten hat das Ensemble den imposanten Roman auf ein „kompaktes Maß“ gebracht, wie Kuczinna es auf den Punkt bringt. „Da tut sich etwas beim Spielen – schauspielerisch haben sich die Akteure im Laufe der Zeit enorm verbessert“, resümiert sie. - „Mit unseren nichtprofessionellen Schauspielern, die von Profis angeleitet werden, schaffen wir eine neue Form des Volkstheaters, die nicht so durchintellektualisiert ist wie anderes Schauspiel. Das kann eine nachhaltige Wirkung entfalten.“

Termine
- „Don Quijote“ ist wieder am Dienstag, 13. Juni, um 19.30 Uhr im Prinzregenttheater, Prinz-Regent-Straße 50-60, zu sehen.
- weitere Termine: Samstag, 17. Juni, 19.30 Uhr; Dienstag, 4. Juli, 19.30 Uhr; Mittwoch, 5. Juli, 19.30 Uhr.
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