Wiederentdeckt: Franz Morak, der schneeweiße New-Wave-Schizo-Punk (1980-1983)

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Schon dieses Platten-Cover verunsicherte: Morak- Franz blickt schreiend nach links, auf seinem Oberschenkel flätzt sich eine grinsende Kindfrau, die ein blutiges Barbier-Messer in ihrer Hand hält...

Darin verpackt: die erste LP des österreichischen Burgschauspielers Franz Morak. Er war kein Rockstar, kein Qualtinger, kein Glamour-Boy, kein Heller, kein Liedermacher. Und für die Rockmusik in den 80ern war er auch überhaupt nicht wichtig. Er war einfach nur einer von vielen Außenseitern, die ein, zwei Platten machten (in seinem Fall waren es drei) und nie wieder gehört oder gesehen wurden.

Warum er mir auffiel und gefiel, hing zunächst mit diesem Plattencover (eine fotorealistische Zeichnung von Gottfried Helnwein) und dann mit seinen sonderbar-wunderbar, zynisch-bösen und hinterfotzig-verschwörerisch gesungenen, geflüsterten, geschrienen, gesprochenen Texten zusammen.

„Wir scheuern euch die Gehirne blank, mit schneeweißem New Wave Schizo-Punk...“
- das war der Intro-Titel auf seinem Debüt: Ein Abgesang auf Trends, Moden, Schlagworte, und der dröhnte wahrlich wirklich wie mit dem Preßluftbohrer instrumentiert stakkatohaft ins Hirn.

„Morak“, Morak`n`Roll“ und „Sieger sehen anders aus“ hießen die drei Werke, die zwischen 1980 und 1983 erschienen und in jener hastigen musikalischen Zeit keinem Rezensenten unter die Plattenspielernadel kamen. Ich erinnere mich wohl an eine kurze Notiz in irgendeinem Musikblatt. Und die „Morak“-Platte stand auch nur deshalb drin, weil dem Schreiber jener Peter Wolf, ein österreichisches Keyboard-Talent, das ein paar Jahre lang zur Band von Frank Zappa gehörte, ein Begriff war; und weil eben dieser Wolf dafür sorgte, daß Moraks Stimme und Texte in humoresk gestaltete, spät-zappaeske Mainstream-Arrangements gebettet wurden.

Morak, ein hagerer und gesichtzerklüfteter Typ mit schulterlangen blonden Haaren, die in der Mitte gescheitelt waren, preßte panischen Weltschmerz (Die Zeit der Träume ist vorbei), libidöses Verlangen (Oh, oh - Sie erregt mich so), morbide Sehnsüchte (Rock`n`Roll Maschine), lustvolle Selbstmordgedanken (Suizid), digitale Allmachtsangst (Wenn du schläfst) mal in handliche Hauruck-Verse, mal in atmosphärisch-gruselige Geschichten.

Horrormäßig kommt auch die Story von jenem Halbgott in Weiß `rüber, der von seinen verstorbenen Kunstfehlern heimgesucht wird („...und ich dämmere dahin in einem endlosen Saal/darin wein ich und schreie/doch das hört hier niemand/keine Schwester kommt/die Klingel ist stumm/sie schieben mich wieder in Gängen herum/dann bringen sie mich um meinen Verstand/denn es punktiert mich ein himmlischer Dilettant...“). Summa Cum Laude heißt der gänsehautmachende Fünf-Minuten-Song, der wie ein rasant geschnittener Kurzfilm daherkommt.

Franz Morak teilte aus: freundlich zunächst, dann teuflisch grinsend - jeder Song seiner drei Platten dippte den Hörer ein in ein ereignisreiches Wechselbad von heiß und kalt, Kinnhaken und Nackenkraulen. Dieser unscheinbare Ösi interpretierte akzentuiert-dämonisch-lauernd-listig und mit jenem Schmäh, der für das introvertrierte Alpen-Völkchen so typisch ist.

So, und all das zusammen machte ihn einfach für ein paar Tage interessant.
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