Wiederentdeckt: The Sweet, Poppa Ramborambo Hey Poppa Joe Coconut

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Ich habe sie nie gemocht, diese vier viel zu hübschen Kerle, die mit sorgfältig dauergewellten und gepflegt-gefönt langen Haaren und mit schockfarbenen, hautengen Glitzeranzügen und ihren hochhackigen Gold- und Silberstiefeln die Herzen der Mädels im Sturm eroberten und uns Jungs blöd dastehen ließen. Brian Connolly, Andy Scott, Steve Priest und Mick Tucker nannten sich The Sweet und sangen mit irre hohen Stimmen niedliche zweieinhalb-Minuten-Liedchen im Bubblegum-Rhythmus zum Mitklatschen und Mitträllern, die mehrmals im Jahr die Spitzen der Hitparaden erklommen.

Die Teenies zwischen zehn und vierzehn Jahren hatte ihren Spaß an den CoCo-, Wigwam Bam- oder Blockbuster-Songs, schrien sich beim „Poppa Ramborambo Hey Poppa Joe Coconut“-Mitsingen fast die Kehle wund und wir Jungs zwischen zehn und vierzehn schüttelten den Kopf und waren mit den Kritikern mal wirklich einer Meinung, dass solche hirnlosen Textzeilen einfach nur doof sind und dass solch eine Musik auf keinen Fall zwischen den Singles von Santana und Rod Stewart und schon gar nicht auf den Plattenteller gehört.

Außerdem wußte doch jeder, dass Mick, der Drummer, Steve, der Bassgitarrist, Andy, der Gitarrist und Brian, der Sänger, gar nicht so toll spielen können, dass diese Stücke nur mit Hilfe von fingerfertigen Gastmusikern zum Hit aufgeblasen werden konnten. Das stellte man ganz einfach fest, wenn man sich die eigenhändig komponierten B-Seiten der Singles anhörte. Dann verlor das Phänomen The Sweet schon nach wenigen Takten seinen Zauber.

Nach dem Split der Band, so um 1976 herum, krähte auch kein Hahn mehr danach und die Welt war wieder in Ordnung. Die Pop-Musik erholte sich von diesem verklebten Zuckerzeug, wurde rockiger denn je, da sie sich mit New-Wave- und Punk-Elementen paarte.

Zwölf Jahre später aber sind die süssen Briten plötzlich wieder am Start: WE WANT SWEET. WE WANT SWEET. WE WANT SWEEEEEET!!! skandiert ein aufgeregtes Publikum in der ausverkauften „Zeche“ in Bochum. Andy Scott und Mick Tucker, die ich kaum wiedererkenne, und zwei, die ich überhaupt nicht kenne, entfesseln plötzlich ein ohrenbetäubendes Heavy-Rock-Spektakel der Sorte laut und lästig aber beinhart.

Sixteen, Action, Love Is Like Oxygene. Zack. Zack. Zack. Das war`s an Sweet-Hits. Und ohne einen Blick zurück, stürmen die vier nach vorn, irgendwohin: Machen Druck und Power, machen Mätzchen mit Gitarre und Bass und pumpen mit angestrengter Miene tonnenweise aggressive, allerdings auch peinlich amateurhaft zusammengesetzte stählerne Töne ins Volk.

Aber die will eigentlich gar keiner hören. Man will tanzen und Funny Funny mitsingen. Und eigentlich ist das alles viel zu laut. So war das bei Little Willy nie. Und Brian ist nicht dabei. Dabei hat er den Refrain von Alexander Graham Bell immer so beschwingt gesungen. Und Andy, der früher so lieb gelächelt hatte, während er seine Akkorde schlug, guckt jetzt nur noch gelangweilt über seinen Gitarrenhals. In diesem nietenbesetzten Leder-Outfit, das wohl für alle Bühnenpflicht war und dass sich speziell bei ihm recht stramm um Bauch und Hüfte spannt, sieht er aber auch zu ulkig aus.

An diesem Samstagabend im Mai des Jahres 1988 war nichts so, wie’s mal war und wie’s hätte sein können. Und es kam mir so vor, wie damals mit den B-Seiten der Singles: Das eigene Ding bringt nichts. Und ohne Glitzeranzug und den zuckersüß gebackenen Chinn/Chapman-Liedern funktioniert die Band einfach nicht.

Aber eigentlich war es mir auch egal, denn gemocht hatte ich sie sowieso noch nie.
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