Zeugen vergangener Zeit in Bochum - Grabanlagen erinnern an Grubenopfer

Anzeige
Peter Dittert von der Stadtverwaltung erklärt die Grabanlage auf dem Friedhof in Gerthe. (Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum)
 
Das Denkmal des "Trauernden Kumpel" auf einem Friedhof in Bochum-Gerthe in Erinngerung an ein schweres Grubenunglück im Jahre 1912. (Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum)
Bochum: Städtischer Friedhof in Gerthe |

Im Schatten von Rosskastanie und Zuckerahorn steht er da. Der bronzene Bergmann auf dem städtischen Friedhof in Gerthe. Traurig, mit hängendem Kopf und gefalteten Händen. Neben ihm liegen eine Spitzhacke und eine umgefallene Grubenlampe.

So wie er standen viele Bergmänner und Anwohner aus Gerthe und Umgebung da, als im August 1912 118 Bergmänner auf der Zeche Lothringen bei einer Schlagwetterexplosion den Tod fanden. Die meisten von ihnen wurden vier Tage später auf dem Friedhof der damals noch selbstständigen Gemeinde Gerthe bestattet. „In Reihengräbern, wie damals üblich nach Konfessionen getrennt“, weiß Peter Dittert, Sachgebietsleiter der Friedhofsunterhaltung beim Technischen Betrieb.

Auf den Gräbern wächst heute Gras. Zwei Namensplatten erinnern an die Opfer des Unglücks. „Die Namen zeigen, dass durch die rasche Industrialisierung viele Bergmänner aus dem Osten zum Arbeiten nach Bochum gekommen sind“, so Peter Dittert. Vielleicht auch Ludwig Marek, der als Hauer die Kohle vom Gestein löste. Nach der Explosion wollte er, „auf eine andere Sohle“, also in ein anderes Stockwerk flüchten, scheint die Gefahr aber nicht für dringend gehalten zu haben. Zeitzeugen berichten, dass er noch seine Uhr holen wollte. Dieser Versuch hat ihn das Leben gekostet.

Die Anteilnahme an dem Unfall war groß, auch Kaiser Wilhelm II. besuchte den Unglücksort. Allerdings hatte sein Kondolenzbesuch einen etwas bitteren Beigeschmack. Denn der Bitte der Zechenverwaltung, die ihn in einem Telegramm um „die Gnade eines kurzen Besuches“ ersuchte, ließ er erst einen Tag später einen 50-minütigen Aufmarsch folgen, bei dem er sich über das Unglück und die Rettungsmaßnahmen informieren ließ.

Seinen Besuch bei der 100-Jahrfeier der Firma und Familie Krupp in Essen unterbrach der Herrscher nicht. Immerhin brachte er in seiner Rede beim abendlichen Bankett seine Trauer um die toten Bergleute zum Ausdruck. Dabei hatte er nur fünf Monate zuvor, beim großen Bergarbeiterstreik, 5000 Soldaten mit Schießbefehl gegen die streikenden Kumpel ins Ruhrgebiet verlegen lassen – vier Bergleute waren dabei vom Militär getötet worden.

Die Beisetzung der verunglückten Kumpel der Zeche Lothringen am 12. August 1912 erfolgte unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Rund 15.000 Menschen nahmen an der Trauerfeier auf dem Friedhof teil, über 300.000 verfolgten den Trauerzug.

"Kumpel, Kohle und Maloche"

Zeugen vergangener Zeiten sind auch die acht weiteren Grabstätten verunglückter Bergleute auf städtischen Friedhöfen in Langendreer, Günnigfeld, Grumme, Hamme und auf dem Friedhof Blumenstraße. „Die Stadt stellt die Flächen für die Grabanlagen zur Verfügung, gepflegt werden sie von den Nachfolgeorganisationen der jeweiligen Zechen“, so Peter Dittert. „Aus industriehistorischen Gründen bleiben sie erhalten, die meisten stehen unter Denkmalschutz, in Gerthe seit 2005.“ Das bedeutet, dass sie in der bestehenden Form erhalten bleiben, als Orte der Erinnerungskultur in der Zechenstadt Bochum.
Die Kohle, das "Grubengold", verhalf Bochum über viele Jahrzehnte zu einer wirtschaftlichen Blüte. So war Bochum 1929 mit über 70 Schachtanlagen die zechenreichste Stadt in Europa. Die Zeche Prinz-Regent wurde mit Beginn der Kohlekrise 1960 als erste Großanlage stillgelegt. Mit Schließung der letzten Zeche im Jahr 1973, Zeche Hannover, war in Bochum die Zeit des Bergbaus beendet. Ein Jahr später stellte die Zeche Holland, in der damals selbstständigen Stadt Wattenscheid, den Förderbetrieb ein. Geblieben ist allerdings bis heute der Mythos von "Kumpel, Kohle und Maloche". Geblieben sind auch die Grabanlagen, die an die Opfer der Zechenunfälle erinnern. An der Kirchharpener Straße gedenken die Gerther Knappen noch heute jährlich der Toten des Grubenunglücks auf der Zeche Lothringen und legen einen Kranz nieder.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.