Das Recht auf Arbeit: Altenbochumer Werkstätten wurden vor 50 Jahren eröffnet

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Auf dem Sommerfest feuern Beschäftigte und Angestellte Tim an, sich beim Rodeo möglichst lange im Sattel zu halten.
 
Beim Sommerfest zum 50-jährigen Jubiläum der Altenbochumer Werkstätten gab es viele Aktionen, zum Beispiel ein großes Vier-gewinnt-Spiel, das Jana und Stefan ausprobieren.

Schon Anfang der 1960er Jahre wurde überlegt, wie das im Grundgesetz verankerte Recht auf Bildung und Arbeit für Menschen mit Behinderung in Bochum umgesetzt werden könnte. Aus diesen Überlegungen heraus entstanden im Oktober 1967 die Altenbochumer Werkstätten, die jetzt mit einem Sommerfest ihr 50-jähriges Jubiläum feierten.

Zunächst wurde an der Goerdtstraße in Trägerschaft des Evangelischen Johanneswerks eine sogenannte Anlernwerkstatt eröffnet, in der nur wenige Wochen später bereits 42 Beschäftigte tätig waren. 1984 erfolgte der Umzug zur Adresse Auf der Heide, und seit 2009 gibt es an der Dannenbaumstraße eine weitere Betriebsstätte. Heute arbeiten 281 Menschen mit geistiger Behinderung im Alter von etwa 18 Jahren bis zum Eintritt ins Rentenalter an den beiden Standorten.
„Früher wurde sehr viel für die Automotive- und Lampenindustrie gefertigt“, berichtet Regionalgeschäftsführer Christoph Pasch aus der Anfangszeit. Doch obwohl Opel nicht weit weg war, gehörte das Unternehmen nie zu den Kunden der Werkstätten. Mittlerweile überwiegt die Metallverarbeitung. Ventile für Armaturen und Halterungen für Heizungen gehören zu den Produkten, die in Altenbochum montiert werden.
Auch Verpackungsarbeiten, Verwaltungstätigkeiten, Schlosser- sowie Tischlerarbeiten zählen zu den angebotenen Arbeitsbereichen, die die Beschäftigten zunächst während einer zweijährigen Berufsbildungsphase kennenlernen. „In der Tischlerei liegt der Haupttrend zurzeit auf Tierurnen“, erzählt Pasch. Noch neu ist die digitale Archivierung, wo EDV-Arbeitsplätze entstanden sind.

Gruppenleiter und Heilerziehungspfleger

50 Angestellte begleiten die Menschen mit geistiger Behinderung. „Darunter sind zehn bis zwölf Heilerziehungspfleger, die sich um die mehrfach schwerstbehinderten Menschen kümmern.“ Den Hauptanteil machen die Gruppenleiter aus, die im Durchschnitt für eine Gruppe mit zwölf Beschäftigten zuständig sind. „Das sind Leute aus handwerklichen oder Industrieberufen, die noch zwei Jahre als Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung draufgesattelt haben“, erläutert Pasch.
Beim Bereich Gartenpflege liegt der Betreuungsschlüssel aus Sicherheitsgründen bei etwa sechs bis acht Beschäftigten pro Gruppenleiter. Die Gruppe übernimmt für private und gewerbliche Auftraggeber Gartenarbeiten vom Rasenmähen übers Heckenschneiden bis zum Baumfällen.
Fiege, Hugo Bauer, Seppelfricke und Durable sind Unternehmen, die in den verschiedenen Arbeitsbereichen Aufträge an die Altenbochumer Werkstätten vergeben.

Ausgelagerte Tätigkeiten

Seit einigen Zeit entwickle sich der Trend, mehr außerhalb der Werkstatt zu arbeiten, berichtet Pasch. So gibt es eine zehnköpfige Gruppe, die in einem Seniorenheim in Dortmund unter Anleitung eines Gruppenleiters Gartenarbeit sowie Tätigkeiten in der Wäscherei und in der Cafeteria übernimmt.
Ein anderer Wandel betrifft den Umgang mit den Beschäftigten. „Früher herrschte ein sehr fürsorglicher Gedanke ihnen gegenüber. Heute überwiegt eher die Idee der Assistenz“, spricht Pasch von einem Paradigmenwechsel. „Es geht darum, was die Menschen möchten, und nicht darum, dass wir wissen, was das Beste für sie ist.“ Die eigene Haltung zu ändern sei für manche Angestellten eine Herausforderung.
Und natürlich spielt auch der Inklusionsgedanke zunehmend eine Rolle. „Zurzeit ist das Thema ja eher auf die Schule beschränkt, aber die Welle kommt auf uns zu. Wer in einer Regelschule war, möchte später nicht in einer Werkstatt arbeiten“, blickt Pasch in die Zukunft.
Ziel der Werkstätten sei es immer schon gewesen, Beschäftigte in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. „Bundesweit liegt die Quote bei 0,4 Prozent, wir liegen leicht drüber“, macht Pasch deutlich, dass in der Hinsicht aber noch keine großen Erfolge zu verzeichnen waren. Mit ausgelagerten Arbeitsplätzen wie etwa in dem Dortmunder Heim hofft man, Arbeitgeber davon zu überzeugen, mehr Menschen mit Behinderung einzustellen.
Was die Zukunft der Altenbochumer Werkstätten angeht, ist sich Pasch sicher, dass es sie auch in 50 Jahren noch geben wird. „Aber ich glaube nicht, dass wir dann noch zwei Gebäude haben werden. Aufgrund der Demografie werden wir kleiner werden, und wir werden mehr Gruppen vor Ort haben“, sieht er einen höheren Anteil an ausgelagerten Tätigkeiten voraus.

Alternativen zu Werkstätten

Zudem werde es mehr Alternativen zu Werkstätten geben, wie etwa die schon vor Jahren eingeführte unterstützte Beschäftigung. Ganz neu sei dagegen das Budget für Arbeit über das Bundesteilhabegesetz, das mehr Möglichkeiten eröffnen soll, schneller auf einen allgemeinen Arbeitsplatz zu wechseln.
Pasch macht aber auch deutlich, dass seiner Einschätzung nach nicht für alle Beschäftigten der Altenbochumer Werkstätten ein ausgelagerter Arbeitsplatz die beste Option wäre. „Irgendwann ist eine Grenze erreicht. Dann überfordert man die Menschen.“ Auf 15 bis 20 Prozent schätzt er aktuell den Anteil der Beschäftigten, die ausgelagert arbeiten könnten. „Bei den anderen ist zum Teil der Pflegebedarf zu hoch.“
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