Erlebnis Dampflok: Sie faucht, sie raucht, sie lärmt - sie lebt!

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Lokomotivführer Helmut Künsebeck, Heizer Wolfgang Hill und 38 2267, eine preußische P8 (von links).
 

Sie faucht. Sie raucht. Lärmen tut sie auch noch. In dieser Kombination eine Zumutung, diese Sie! Gilt nicht, wenn es um die Dampflokomotive geht. Da ist es genau umgekehrt – eine solche Maschine begeistert, wenn sie genau dies tut.

Warum übt eine Dampflok eine derartige Faszination selbst auf die Jüngsten aus? Vermutlich sind es genau die eingangs erwähnten Eigenheiten, die auch in der Gegenwart Opa und Enkel gleichermaßen zu begeistern verstehen. Wenn sich riesige Räder in Bewegung setzen, angetrieben von mächtigen Kuppelstangen, während der Dampf rhytmisch aus dem Schornstein ausgestoßen wird, untermalt von einer unvergleichen Klangkulisse, glänzen die Augen von Jung und Alt. Erlebbar, weil sichtbare, riechbare, hörbare Technik. Dieses Schauspiel – also sowohl jenes der Lokomotive als auch jenes in der Körpersprache der Betrachter – ist in Bochum in recht regelmäßigen Abständen zu erleben.
„Abschied von der Kohle“ ist die Ruhrgebietsrundfahrt im Oktober überschreiben. Es geht unter anderem auf das Gelände eines der letzten noch fördernden Bergwerke des Reviers. Zahlreiche Dampflokomotiven sind im Ringlokschuppen des Eisenbahnmuseums Dahlhausen beheimatet. Von der Leine gelassen wird jedoch nur eine. Eine preußische P8, die 38 2267 (also die 2267. Lok der Baureihe 38) aus dem Baujahr 1918 ist betriebsfähig und auf den Gleisen der Deutschen Bahn zugelassen. Die Vorschriften der DB wurden und werden immer strenger, so muss heute unter anderem der digitale Zugbandfunk vorhanden sein. Das ist für einen Schienen-Oldie gerade so zu stemmen, für mehrere nicht.
Es ist ein früher Samstagmorgen. Hinter den für die Fahrt verantwortlichen Mitarbeitern des Museums liegen aufregende 48 Stunden. Am Donnerstag meldete die für 2015 zur Schließung vorgesehene Zeche Auguste Victoria in Marl – das vorgesehene Ziel der Reise – einen Defekt an der Gleisanlage. Einfahrt unmöglich. In Windeseile musste nun umdisponiert werden. Es gelingt, eine Zufahrt zum Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop möglich zu machen. Hier soll noch bis 2018 gefördert werden, hier wird in vier Jahren der Schlusspunkt unter den Deutschen Steinkohlenbergbau gesetzt.
Bunt ist die Riege der Personenwagen, es ist eine wahre Zeitreise. In den Einheits-Personenwagen der Baujahre 1921 bis 1943 lernt man die gemütlich-rustikale Atmosphäre der „Holzklasse“ mit den typischen Sitzbänken kennen.
Aufgelegte Sitzkissen sorgen für Bequemlichkeit. Ohnehin bestens gepolstert ist der Abteilwagen aus der Nachkriegszeit. Direkt nach dem Krieg wurden aufgrund der Knappheit noch fahrfähiger Wagen improvisiert, in Güterwaggons hat man Sitzmöglichkeiten geschraubt. Auch so etwas ist hier zu finden.

Auch die Haudegen grinsen breit



Ein Privileg für den Schreiberling: Er darf ein gutes Stück des Weges dort verbringen, wo die Musik spielt. Zwischen Prosper-Haniel und Recklinghausen steht der Journalist zwischen Heizer und Lokomotivführer. Zwei Heizer sind es gar, Wolfgang Hill und Peter van Holt wechseln sich ab. Es ist eine Knochenarbeit. Die P8 hat Appetit, in kurzen Abständen müssen die Kohlen in die Feuerbüchse geschaufelt werden, damit jener Dampf erzeugt werden kann, der letztlich die Antriebseinheit in Bewegung versetzt.
Die Strecke ist frei, Lokomotivführer Helmut Künsebeck gibt nun Dampf drauf. Die in Kassel gebaute Lok enfaltet all´ die eingangs erwähnten akustischen Signale und stampft los. 85 Stundenkilometer, es ist ein phantastisches Erlebnis. Immer wieder auch für die erfahrenen Haudegen, die das gute Stück bedienen. Künsebeck, seit 1984 im Museum aktiv, ab 1987 Heizer und seit 1990 zur Führung berechtigt, ist hochkonzentriert. Grinst aber zeitgleich breit. Die Mundwinkel seiner Heizerkollegen Wolfgang Hill und Peter van Holt zeigen ebenfalls steil nach oben. Trotz der Maloche, die sie hier leisten.
Wer nun Lust bekommen hat, auch einmal auf dem Führerstand mitzufahren: Das Eisenbahnmuseum bietet regelmäßig Mitfahrten auf dem heimischen Gelände an. Weitere Infos dazu im Netz unter www.eisenbahnmuseum-bochum.de. Hier gibt es auch Hinweise zum Fahrtenprogramm – im nächsten Jahr wird es noch einmal Touren zum „Abschied von der Kohle“ geben.
Die P8 giert nicht nur nach Kohle, zur Dampferzeugung braucht sie auch Wasser. Viel Wasser. Auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen gibt es Nachschub, wo ein Hydrant angezapft wird. Die Mannschaft ins Gespräch mit Mitreisenden verwickelt, schon läuft die Sache über. Wasserkasten voll, Wasserfall am Heck des Tenders. Helmut Künsebeck knochentrocken: „Macht nix – brauchen wir hinten nicht mehr putzen...“
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2 Kommentare
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Volker Dau aus Bochum | 14.10.2014 | 13:13  
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Andreas Sierigk aus Bochum | 15.10.2014 | 08:50  
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