Neben der Spur - Wenn dem Psychotherapeuten etwas zustößt (4)

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      Bochum: Lokalkompass-Erzählungen | in Folgen

~ * ~ * ~ * ~ * ~ Kalte Angst [2] ~ * ~ * ~ * ~ * ~


Die Leere wühlte ihren Körper um und um und entzündete zum x-ten Mal das Feuer, das seit dem auferlegten Therapie-Abbruch vor jetzt fünf Jahren fast ständig ein Begleiter war. Erschreckend nüchterne Gedanken bahnten sich den Weg mitten durch das Epizentrum ihrer Katastrophe und ließen Rieke anfangen zu rechnen:
Wenn Frau Leidenicht wodurch auch immer am Donnerstag ums Leben gekommen war, dann war es relativ wahrscheinlich, dass heute die Beerdigung sein würde, wenn sie nicht schon gestern stattgefunden hatte.

Der Gedanke, dass man sie beerdigte, ohne dass sie davon wusste und dabei sein durfte, um sich zu verabschieden und der Gedanke, dass sie nicht mal den Ort kannte, an dem Familie, Freunde und Kollegen trauern durften und sie nicht, zerriss die Seele in tausend kleine Fetzen. Um zu verarbeiten und zu begreifen musste Rieke doch um ihre Psychotherapeutin trauern dürfen, die eine Partnerrolle eingenommen hatte, und sie brauchte dazu einen Ort, an dem sie sie besuchen konnte; das mussten die doch wissen, die sich Psychologen nannten. Sie hatte nicht einmal ein Foto, um eine stille Zwiesprache zu halten, um sich zu bedanken und zu sagen, was noch nicht gesagt war, auch wenn es nie mehr eine Antwort geben würde.

Rieke sah die Sonne nicht, die sich draußen vor dem Fenster durch die Wolken schob, um das Herbstlaub auf den Bäumen in eine leuchtend bunte Farbpalette zu verwandeln. Sie gab den Namen ihrer Psychotherapeutin in die Internet-Suchmaske ein, als könne sie dadurch den Tod ausblenden und ihr das Leben wiedergeben, für dessen Ende es bei ihr doch viel zu früh war. Und das Internet stellte gnädig und gehorsam jene Nähe her, die Rieke jetzt so sehr vermisste, obwohl sie sie als Folge ihrer Schädigung nie hatte spüren wollen. Gleich mehrfach spuckte es für sie „Charlotte Leidenicht“ aus und jeder Vorschlag war ein kleiner schmerzhafter Stich in die Seele der verwundeten Patientin. Wirklich weiter kam sie damit aber nicht, weil es ihre Fragen nach dem Leben oder Tod der Therapeutin nicht beantwortete.

Doch zwischen all den Mehrfachnennungen der Praxisanschrift fand sich auch ein Hinweis auf die Jameda-Bewertungsplattform für Ärzte und für Psychotherapeuten, den sie interessiert anklickte. Da hatte tatsächlich jemand Charlotte Leidenicht bewertet und diese bisher einzige Bewertung war erst vor vier Wochen abgegeben worden. Sie sprach Rieke aus der Seele, weil das darin beschriebene auch auf ihre eigene Behandlung zutraf. Das hier war so gut und wohlwollend verfasst, dass es ihr den Hals zuschnürte.
Las sie hier die Bewertung einer Toten und hatte Frau Leidenicht, bevor sie starb, davon gewusst, dass sie öffentlich als „sehr gute Psychotherapeutin“ bewertet worden war? Und dass sie herausragende Noten für Vertrauen, Freundlichkeit, Engagement und Diskretion erhalten hatte? Es hätte sie mit Sicherheit gefreut. Würde die Bewertung stehen bleiben, auch wenn die Therapeutin gar nicht mehr am Leben war und war das hier ein Zeichen dafür, dass sie lebte? Wer nahm sie heraus, wenn sie tot war?

Rieke speicherte zur Sicherheit den Text, weil er sie so berührte, dass sie ihn noch einmal ganz in Ruhe lesen wollte und klickte sich dann in der Hoffnung weiter durch die Suchvorschläge, dass auch die Kolleginnen per Mail erreichbar waren. Doch diese gaben keine Mailadresse an und so blieb Rieke nur die Möglichkeit, in der Praxis anzurufen. Sie hatte Glück, dass auch heute in der Mittagszeit eine halbe Stunde Sprechzeit eingerichtet war. Trotzdem wählte sie schon jetzt die Nummer, weil man nie wissen konnte, ob man durchkam und sie ja schon Patientin war, so dass sie den AB der Praxis nutzen konnte.

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„Ja, guten Tag, hier ist Rieke Bosmans“, begann sie mit zittriger Stimme ihre Nachricht samt Telefonverbindung auf das Band zu sprechen.
„Ich bin Patientin von Frau Leidenicht und hatte letzten Donnerstag um 9.00 Uhr morgens den Termin, an dem sie nicht erschienen ist. Sie hat sich bisher nicht bei mir gemeldet und auch auf meine Mail nicht geantwortet. Deshalb bin ich jetzt in großer Sorge.“ Rieke schluckte und sprach mit Nachdruck weiter:
„Bitte lassen Sie mich nicht im Ungewissen über das, was los ist. Ich bin schon durch einen auferlegten Therapie-Abbruch traumatisiert und mittlerweile völlig fertig. Es wäre nett, wenn Sie mich zurückrufen würden. Ich kann es aber auch später in der Sprechzeit noch einmal versuchen. Herzlichen Dank, auf Wiederhören.“

Rieke legte das Telefon beiseite. Der seit Jahren wohlbekannte brennend schmerzhafte Druck legte sich ihr mittig auf die Brust. Und wenn sie heute gar nicht in der Praxis waren, weil sie an der Beerdigung ihrer Kollegin teilnahmen, um sich zu verabschieden? Riekes Ängste heizten die Gedanken an. Dann würde sicher ein Zettel an der Haustür kleben, auf dem zu lesen war, dass die Praxis wegen eines Todesfalls geschlossen bleiben würde. Sie hatte das schon einmal irgendwo gelesen. Rieke stand jetzt derart neben sich, dass sie versucht war, auf der Stelle ihren Motorroller anzuwerfen und dorthin zu fahren, um sich Klarheit zu verschaffen.
Oder konnte man während einer Telefon-Sprechzeit vielleicht sogar auch direkt in die Praxis fahren, um dort jemanden zu sprechen, wo sonst niemand war, weil sie anders als in Arztpraxen wegen der besonderen Strukturen der Praxisorganisation keine Helferinnen in einer Anmeldung beschäftigten?

Wie wenig man doch wusste, wenn man Patient in einer Psychotherapie war.

Rieke stütze den Kopf in beide Hände und stöhnte. Diese Behandlungsform hatte immer irgendwo noch Löcher, die sich erst dann auftaten, wenn man mittendrin steckte. Gab es denn nicht eigentlich dahingehend klare Vorschriften, dass der Patient zu informieren war, wenn der Therapeut längerfristig ausfiel?Daran hatte sich doch eindeutig dann auch Charlotte Leidenicht zu halten – sofern sie sich noch daran halten konnte.
Durften aber die Kolleginnen überhaupt eine Auskunft geben? Stellvertretend für Frau Leidenicht? Das hier war ja quasi ein Problem in beide Richtungen, weil gerade in der Psychotherapie die Schweigepflicht ein hohes Gut war. Das Patientenverhältnis war eine sehr persönliche Angelegenheit zwischen den beiden an der Behandlung beteiligten Parteien und so durften sie an sich ja gar nicht wissen, wer Frau Leidenichts Patienten waren.

Rieke konnte also viel behaupten und um eine Auskunft über den Verbleib der Therapeutin bitten, ohne dass für die Kolleginnen nachzuprüfen war, ob tatsächlich stimmte, dass sie Patientin war. Außerdem hatten sie gleichermaßen die Privatsphäre der verschollenen Kollegin zu respektieren, der sie selber überlassen mussten, wie viel Persönliches sie vor ihren Patienten preisgeben oder in deren Behandlung einfließen lassen mochte. Und mangels persönlicher Kenntnis des Patienten und dessen jeweiligen Störungsbildes konnten sie nicht einmal abschätzen, welche Reaktionen eine Information in ihm auslösen würde. Die Situation, in der Rieke sich befand war eindeutig …

Scheiße !

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Rieke fuhr nicht zur Praxis. Sie war zu erschöpft und hatte Angst, nicht konzentriert genug zu sein. Außerdem konnte sie dadurch verpassen, wenn sie zurückriefen. Bis zur Telefonsprechzeit waren es immerhin noch fast zwei Stunden, in denen reagiert werden konnte, sofern nicht gerade eine Sitzung stattfand. Sie musste warten und aushalten, was nicht auszuhalten war. In ihrem Innern zuckte es wie wild, die Nervenbahnen standen unter Strom und schlugen heftig aneinander. Rieke stand kurz vor der Implosion.
Was machte man in solchen Fällen, in denen man so dringend einen Ansprechpartner brauchte, um nicht mit sich allein dem eigenen Denken und dem Fühlen ausgesetzt zu sein? Sie war nur eine von 24 anderen Patienten, die sich vermutlich gleichermaßen Sorgen machten und trotzdem war sie so allein in ihrer Not.

Sie erinnerte sich an die Telefonseelsorge und zum ersten Mal in all den Jahren wählte sie tatsächlich diese Nummer ... Und danach die zweite Nummer .... Und dabei hörte sie mit Fassungslosigkeit die Stimme, die ansagte, dass alle Mitarbeiter im Gespräch seien.

Das hier schien eine Farce zu sein. Hier war ein Mensch in höchster Not und hier versagte alles. Was aber tat ein Mensch in seiner Not, wenn keine Hilfe zu bekommen war? Das stand dann in der Regel in der Tageszeitung.
Sie dachte an die Meldungen von Suiziden und von Amokläufen und verstand jetzt, dass es wirklich Menschen gab, die durch alle Maschen fielen, weil sie noch immer nicht so dicht gewebt waren, dass wirklich alle aufgefangen werden konnten.

Rieke erlebte sich mittlerweile im Zentrum eines Wirbelsturms, der das Unterste zuoberst drehte. Sie brauchte die Erleichterung, und zwar ganz, ganz dringend.

Jetzt!

Und dabei war ihr ganz egal, wie die Erlösung aus dieser untragbaren Lage aussah, wenn nur die Räder des Getriebes in ihr endlich still stehen würden; wenn nur endlich Ruhe herrschen und das gespürte Erdbeben ein Ende haben würde.

Sie dachte an den frischen Kranz an der Bahnbrücke ganz in ihrer Nähe und an die bedrückend endgültige Botschaft, die er vermittelte. Dort hatte ein Mensch, ein junger Mann, den letzten Schritt getan, weil er nicht mehr konnte und sein Fühlen nicht mehr aushielt.
So wie Rieke jetzt.
Das hier, das spürte sie, war der gefährliche Moment der Kurzschlusshandlungen. Wenn aber Frau Leidenicht doch noch am Leben war, dann würde ihr kaum helfen, wenn es unter ihren eigenen Patienten aus dem traumatisch-depressiven Schmerz heraus zu einem Suizid kam. Wie sollte sie jemals gesund werden, wenn sie sich schuldig fühlen musste, weil ihr etwas passiert war, das eine Kettenreaktion unter denen auslöste, für die sie da sein musste und unverschuldet gar nicht da sein konnte?

Herrgott, in welche Lage konnte man im Leben kommen und weshalb dauerte die Lage jetzt schon sechs Jahre an und weshalb konnte denn nicht endlich einmal etwas glatt gehen, das vor knapp zwei Wochen noch nach einem ersten Fortschritt ausgesehen hatte?

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© Sabine Schemmann, Freie Erzählungen, Dezember 2013

Anm.: Die Namen der handelnden Personen sind frei gewählt. Auch die verwendeten Fotografien stellen keinen Bezug zwischen der dargestellten Handlung und realen Orten her.


Folge 1, der Anfang der Erzählung beginnt hier: http://www.lokalkompass.de/bochum/leute/neben-der-spur-wenn-dem-psychotherapeuten-etwas-zustoesst-d362359.html

Folge 3, der erste Teil von "Kalte Angst", ist hier zu finden: http://www.lokalkompass.de/bochum/leute/neben-der-...
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1 Kommentar
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ANA´ stasia Tell aus Essen-Ruhr | 10.12.2013 | 15:54  
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