Schrott vermeiden - Freude schenken: das „Repair Café“

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Die findigen Reparateure des „Repair Cafés“ sind mit einer enorm hohen Erfolgsquote am Werk. 80 Prozent der Arbeiten führen zum gewünschten Erfolg.
 
Zunächst füllt der Besucher einen Laufzettel aus.
 
Sophia sortiert die Reparaturaufträge an der Tafel und leitet die Besucher zu den Reparateuren.

An dieser Stelle wird ein Zeichen gegen die „Wegwerf-Gesellschaft“ gesetzt. Das klingt vernünftig, aber auch spaßbefreit. Das stimmt nur in Teilen. Zwei Tonnen Schrott sind seit November 2013 vermieden worden, vielfache Freude wurde dabei geschenkt. Willkommen im ersten Bochumer „Repair Café“.




Den Spruch kennt man: „Reparatur lohnt nicht! Neukaufen!“ Das defekte Gerät müsste eingeschickt werden, wenn es ohnehin nicht längst viel zu alt ist. Die Reklamationsfrist ist abgelaufen, die Garantiezeit gerade herum. Was bleibt? Ab in den Müll! Den Vereinen „Das Labor“ und „Wohnzimmer Alsenstraße“ sowie der Kreisgruppe Bochum des „BUND“ geht diese Denke gegen den Strich. Sie organisierten Ende 2013 gemeinsam das erste Bochumer „Repair Café“. Diese ehrenamtlichen Einrichtungen gibt es inzwischen weltweit.
In Bochum wird wechselweise im Alsenwohnzimmer (Alsenstraße 27) und im Labor (Alleestraße 50) gewerkelt. Samstags, sechsmal im Jahr. Unterhaltungselektronik, Elektrogeräte, aber auch Spielzeug, Bekleidung oder kleinere Möbelstücke können mitgebracht werden. Faustformel: Es sollte für einen Menschen tragbar sein. Waschmaschinen und Schrankwände etwa fallen daher eher aus.
Seit Initiierung des Projekts nahm der Zulauf stetig zu. Um den in Bahnen zu lenken, wird zunächst sortiert. Es kann stets nur ein Gerät angemeldet werden. Sophia – es wird sich im Café allgemein geduzt – gibt Laufzettel an die Eintreffenden aus, auf denen zu vermerken ist, womit man kommt und was zu tun ist. Versehen mit einer Startnummer („Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“) kommen die Papiere an eine Wand. Die Wartezeit kann bei Kaffee und Co. in einer Sitzgruppe verbracht werden.

Ersatzteile kommen aus Schlachtungen



Ingo Klapheck hat einen DVD-/ Videorekorder unterm Arm. Die Videocassette wird nicht mehr ausgeworfen, abspielen ließ sie sich auch nicht. Peter, einer der an diesem Tag ehrenamtlich tätigen Experten, nimmt sich der Sache an. Und das Gerät flugs auseinander. Ein Schalter im Innern ist als möglicher Übeltäter ausgemacht. Gezielt wird dieser nach Säuberung mit einem Kontaktspray eingesprüht. Strom drauf, Taste gedrückt, das Video läuft und die Cassette wird anschließend auch ausgeworfen. „Das ist ja super“, strahlt Klapheck nach nur wenigen Minuten Arbeit und nimmt seinen Rekorder fröhlich mit nach Hause.
Woher kommen im Zweifelsfall die Ersatzteile? Peter zu dieser Frage: „Wir haben hier vieles angesammelt, was aus Schlachtungen nicht mehr reparierbarer Geräte stammt. Ansonsten kennen wir auch Bezugsquellen für benötigte Teile. Dann kann der Besucher das besorgen, kommt beim nächsten Mal wieder und es wird eingebaut.“ Annähernd 400 Reparaturen wurden bisher insgesamt durchgeführt, die Erfolgsquote liegt nach Angaben der Macher bei beeindruckenden 80 Prozent.

Aus Gästen wurden auch schon Mitarbeiter



Nicht immer geht es so fix wie im zuvor geschilderten Fall. Stefa, die sich in erster Linie um die Bewirtung der Gäste kümmert und als Ansprechpartnerin im „Wartebereich“ zur Vefügung steht, erinnert sich: „Es haben sich auch schon einmal drei Reparateure ungefähr drei Stunden mit einer Nähmaschine beschäftigt.“ Die Reparaturexperten – hier sind Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren zu finden, Studenten der Elektrotechnik oder des Maschinenbaus, alte Praktiker und Schrauber – verstehen sich grundsätzlich als Helfer bei der Instandsetzung. Gemeinsam zu arbeiten ist das Motto.

Keine Konkurrenz zum Profi-Service



„Der harte Kern unserer Reparateure besteht aus zehn Personen. Es dürfen sich übrigens gern weitere Mitstreiter melden. Es sind in der Vergangenheit auch schon Gäste zu Mitarbeitern geworden“, erläutert Stefa.
Ehrenamtlich sind hier alle tätig, man will keine Konkurrenz zu professionellen Reparatur-Services sein.
Lässig geht es zu, Gelassenheit sollte auch mitbringen, wer mit seinem defekten Sorgenkind aufläuft. Stefa: „Die Länge einer Reparatur lässt sich nur selten prognostizieren. Die Reparateure helfen sich auch untereinander, kein Mensch weiß schließlich überall Bescheid.“ Also kann es auch mal bis zu einem zweiten Kaffee dauern, dazu gibts Kuchen. Gezahlt wird in die Kaffeekasse. Eine andere Kasse wird von den Gästen auf freiwilliger Basis nach erfolgter Reparatur bedient. „Hineinwerfen, was demjenigen die Sache wert ist“, nennt Stefa hier das Motto.
Mit dem Cassettendeck einer Bekannten ist Norbert Fiedler erschienen. Die Cassette sitzt fest und zugleich antriebslos in ihrem Klappfach, die ältere Dame hatte vor allem den Wunsch geäußert, unbedingt das Band mit Liedern von Peter Alexander zu retten. Reparateur Yato baut die Kiste auseinander und hat schnell rabenschwarz-klebrige Hände. Zwei Antriebsriemen sind im wahrsten Sinne des Wortes „abgeschmiert“, sie haben sich in eine pampige Masse verwandelt. Yazo und sein Gast müssen zunächst mit Brennspiritius die daraus resultierenden Verunreinigungen entfernen und „sauen“ sich dabei entsprechend ein. „Hast du die Kiste mit den Antriebsriemen?“, erkundigt sich Yato bei einem seiner Mitstreiter und erhält die gesammelten Eroberungen aus vergeblichen Reparaturversuchen. „Jetzt brauchen wir ein bisschen Glück“, murmelt er während des Durchstöberns der Gummis. Fortuna ist gnädig, passende Riemen finden sich tatsächlich. Ergebnis: Nicht nur Peter Alexander, sondern auch das Cassettendeck ist gerettet. Und Freude wurde damit wieder einmal geschenkt.

„Richtet weitere `Repair Cafés` ein!“



Sechsmal jährlich öffnen „Das Labor“, „Wohnzimmer Alsenstraße“ und die Kreisgruppe Bochum des „BUND“ die Pforten des Cafés. Viel zu selten gemessen an der Nachfrage. „Wir können technikbegeisterte und technisch begabte Mitmennschen nur ermuntern, ebenfalls `Repair Cafés´ einzurichten. Infos gibt es über uns“, spornt Stefa Gleichgesinnte an. Das nächste Bochumer „Repair Café“ findet am Samstag, 30. Mai, im Alsenwohnzimmer (Alsenstraße 27) zwischen 12 und 18 Uhr statt. Reparaturbeginn ist bis 17 Uhr. Weitere Infos gibt es im Netz unter www.repaircafe-bochum.de.
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3 Kommentare
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Volker Dau aus Bochum | 12.05.2015 | 21:09  
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Dagmar Krauße aus Bochum | 13.05.2015 | 16:22  
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Volker Dau aus Bochum | 13.05.2015 | 18:37  
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