Vom Flüchtling zum Facharzt: Eine Bochumer Flüchtlingsgeschichte

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Sharif Atta ist Facharzt für Anästhesie in Bochum. Mit dem Stadtspiegel sprach er über seine ganz persönliche Flüchtlingsgeschichte und seinen langen Weg bis nach Bochum. (Foto: Molatta)
 
Heute ist Sharif Atta Facharzt der Anästhesie. Dem Stadtspiegel schildert er seine Flüchtlingserlebnisse und seinen Weg bis nach Deutschland. (Foto: Molatta)

„Ich habe mich in Deutschland schnell zuhause gefühlt, da ich herzlich empfangen wurde“, sagt Sharif Atta, Anästhesist am St. Josef- und St. Elisabeth-Hospital Bochum, der mit seiner Familie im Dezember 1985 nach Deutschland flüchtete.

Der gebürtige Afghane wurde 1978 in Kabul geboren. „Mit dem Einmarsch der Russen brach 1979 der Krieg aus. Meine Eltern entschieden sich daraufhin, in die USA zu flüchten“, beginnt der Facharzt für Anästhesie die Schilderung seiner ganz persönlichen Flüchtlingsgeschichte.
In Amerika angekommen, konnte die Familie keinen Fuß fassen. Durch einen Herzfehler der Mutter verschlimmerte sich die Situation, da in den USA ein Behandlungsfehler gemacht worden war. „Nach diesen negativen Erfahrungen entschieden sich meine Eltern 1984, in den Iran zu gehen. Hier hatten wir ebenfalls Familie und hofften auf ein friedliches Leben“, erinnert sich Sharif Atta. Hier besuchte er die Grundschule, doch das Land verwandelte sich schnell in einen weiteren Kriegsschauplatz: „Stromausfälle, Sirenengeheul und der Gang in den Bunker gehörten zum Alltag“, so Sharif Atta. Zudem verschlechterte sich der Zustand seiner Mutter und eine Herz-OP wurde abgelehnt. So entschied sich die Familie erneut zur Flucht und kehrte dem Iran-Irak-Krieg den Rücken, um in Deutschland neu anzufangen.

Der Weg in die Sicherheit war lang


„Ich erinnere mich noch, dass wir die ersten Nächte in Deutschland auf dem Frankfurter Flughafen verbracht haben. Wir konnten legal einreisen, da meine Mutter aufgrund ihres Herzfehlers ein Visum bekommen hatte“, erzählt Sharif Atta.
Noch am Flughafen stellte die Familie einen Asylantrag und äußerte den Wunsch, in Essen oder der näheren Umgebung untergebracht zu werden, da dort bereits Familienangehörige lebten. Letztlich landeten Sharif Atta und seine Eltern in Schwelm. Hier kam er in die dritte Klasse und musste sich erst einmal einigen Herausforderungen stellen: „Wir waren damals acht Asylantenkinder, die auf die jeweiligen Klassen verteilt wurden. Zunächst hatte ich natürlich Probleme mit der Sprachbarriere, aber dank eines sehr engagierten Lehrerkollegiums und Mitschülern, die uns als Paten zur Seite gestellt wurden, fand ich schnell meinen Platz.“
Auch die Eltern fanden ihren Platz, wobei der Vater, ausgebildeter Lehrer, zunächst keine Arbeitserlaubnis bekam und erst einige Jahre später als Hausmeistergehilfe einen Arbeitsplatz fand. Auch der große Wunsch, ein zweites Kind zu bekommen, ging durch die gute medizinische Versorgung für die Mutter 1988 in Erfüllung. „1994 zogen wir in unsere erste eigene Wohnung, das war für meine Eltern eine unheimliche Erleichterung“, sagt Sharif Atta und lächelt bei der Erinnerung an die eigenen vier Wände.
Sharif Atta hatte sein berufliches Ziel schon früh vor Augen: „Nach der Grundschule machte ich zunächst meinen Realschulabschluss und schaffte dann den Sprung in die gymnasiale Oberstufe. Hier entwickelte sich der Wunsch, Medizin zu studieren, auch der Krankheitssituation meiner Mutter geschuldet.“

Mit Ehrgeiz und Familienzusammenhalt


Der damals 16-Jährige bemühte sich auch um die deutsche Staatsbürgerschaft, die er letztlich mit 18 Jahren bekam. „Der Papierkram verfolgt mich bis heute. Meine Eltern mussten laufend neue Anträge stellen, um nicht ausgewiesen zu werden. Zeitweise hatten wir nur eine Duldung“, beschreibt Atta die Ungewissheit, mit der seine Familie lange Zeit lebte. Seit kurzem haben seine Eltern eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und leben ebenfalls in Bochum.
Sharif Atta absolvierte nach seinem bestandenen Abitur zunächst eine Ausbildung als Krankenpfleger und studierte anschließend an der Ruhr-Universität Medizin.

Künftigen Generationen eine Heimat schenken


„Ich bin heute selbst Vater von zwei Töchtern. Jetzt kann ich den Anspruch meiner Eltern, mir ein besseres Leben zu ermöglichen, einmal mehr verstehen“, sagt der Familienvater. Für seinen Erfolg war der heute 37-Jährige stets zielstrebig bei der Sache. Seit 2007 ist er im St. Josef- und St. Elisabeth-Hospital tätig, seit 2012 Facharzt für Anästhesiologie im operativen Bereich.
„Bei der Bewerbung am Katholischen Klinikum war mir natürlich bewusst, dass man einer Konfession zugehören sollte. Ich selbst bin Moslem und habe während meiner Arbeit mit vielen verschiedenen Nationalitäten zu tun. Unter Kollegen ist Integration kein Thema, sondern eine Selbstverständlichkeit“, beschreibt der Arzt seinen Arbeitsalltag.
Zu der aktuellen Flüchtlingssituation hat Sharif Atta eine klare Meinung: „Wir sind unseren Weg mit vielen Ängsten gegangen. Wir hatten Verwandte und Freunde, die die gleiche beschwerliche Flucht durchgemacht haben wie die Menschen, die heute nach Deutschland kommen. Wenn sich die Flüchtlinge entscheiden, hier zu bleiben, dann wünsche ich mir, dass die Behörden den Weg ebnen und dafür sorgen, dass Integration, gerade mit Blick auf die nächste Generation, funktioniert.“
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