2116 – Wie wird Bochum in hundert Jahren aussehen?

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Bochum: und Wattenscheid | 2116. Wie wird unsere Stadt da aussehen? Wie werden wir in 100 Jahren leben?

Voraussichtlich völlig anders als heute. Stadtgesellschaft und städtische Wirtschaft werden völlig anders strukturiert sein. Einen wesentlichen Teil der Arbeitsplätze im Bereich der Produktion und der Dienstleistungen, wie wir sie heute kennen, wird es nicht mehr geben. Dafür werden neue Beschäftigungen entstanden sein.

Ein wesentlicher Teil unseres Lebens spielt sich 2116 digital ab: Es wird nicht nur online gekauft, sich informiert und kommuniziert, sondern auch die Mitbestimmung an der Stadtgesellschaft erfolgt online. Viele Dinge wie Autofahren, Waren und andere Dinge transportieren, machen die Menschen nicht mehr selbst, sondern erledigen Automaten und Roboter. Fahrerlose Transportsysteme und Drohnen gehören zum Stadtbild. Die Steuerung des Verkehrsflusses in der Stadt ist vollständig automatisiert, ebenso wie Lüftung, Heizung und die Bestellung der wesentlichen Lebensmittel durch den Kühlschrank.

Viele Dinge werden nicht mehr von jedem gekauft und besessen, sie werden mit anderen dann geteilt, wenn sie gebraucht werden. So wie es heute bereits bei Carsharing-Diensten oder Airbnb funktioniert.

Auch die Fertigung nach Maß entsprechend der individuellen Kundenwünsche nimmt eine ganz andere Dimension an. Heutige 3D-Drucker lassen erahnen, was 2116 in dieser Hinsicht möglich sein wird. Viele Dinge wird man sich zu Hause selbst fertigen können. Wir benötigen nur die App, die die Produktion steuert.

Die Mehrheit der Arbeitsplätze liegt 2116 im digitalen Sektor. In zumeist eher kleinen Unternehmen, die für die digitalen Dienste das Knowhow liefern, die die digitalen Abläufe steuern, die die erforderliche Hard- und Software entwickeln und warten oder die die digitalen Dienste und Apps anbieten.

Die Komplexität der zu lösenden Probleme wird immer höher. Um die hochautomatisierten Abläufe sicher zu steuern und auch zu kontrollieren, bedarf es des Wissens vieler hochqualifizierter Fachleute, die gleichzeitig an Problemlösung arbeiten. Man bedenke nur wir komplex sich das Problem darstellt selbstfahrende Autos zu konstruieren, Verkehrsflüsse zu simulieren oder Finanzmärkte zu beherrschen. Solche hochkomplexen Probleme können nicht mehr die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen einzelner Großunternehmen lösen. Wo Probleme zu lösen sind, vernetzten sich die Fachleute um gemeinsam die Komplexität in den Griff zu bekommen und möglichst gute Lösungen zu finden. Die Probleme werden in Zukunft so komplex sein, dass es nicht möglich sein wird für sie optimale Lösungen zu entwickeln. Es entsteht ein Wettbewerb bestehende gute, aber subotimale Lösungen immer weiter zu verbessern. Das gelingt nur, wenn der Quellcode für die vorhandenen Lösungen für alle einsehbar ist, damit jeder auf dieser Basis noch brauchbarere Ergebnisse entwickeln kann.

Wenn sich die Gesellschaft bis 2116 in die richtige Richtung entwickelt, werden nicht Google, Apple, Amazon oder Facebook über unsere Daten bestimmen, sondern jeder von uns wird Herr über seine Daten sein. Über wichtige Entscheidungen, die die Stadt betreffen, wird digital von allen Bürgern abgestimmt. Die Stadt ist in ein digitales Netzwerk eingebunden, in dem die Stadt, jeder Einwohner und jedes Unternehmen Wissen teilen kann, gleichzeitig aber auch die Hoheit jedes Bürgers über seine Daten sicher gestellt ist. Ebenfalls bietet auch die Stadt ihre Dienstleistungen über dieses Netzwerk an, das die Bürger ebenfalls nutzen, um über die Stadtgesellschaft mitbestimmen zu können (siehe auch: Menschheit steht vor dem grössten Umbruch seit der industriellen Revolution, Dirk Helbing, ETH Zürich 2015).

Zieht man in Betracht wie tiefgreifend sich Gesellschaft und Wirtschaft angesichts der dargestellten Entwicklungen in den nächsten hundert Jahren verändern werden, ist zu erkennen, dass die verbreiteten Vorstellungen der Politik von dem vor uns liegenden Strukturwandel unzureichend sind. Bisher wird die Aufgabe des Strukturwandels im Ruhrgebiet so aufgefasst, dass sich diese bewältigen lässt, indem lediglich neue Unternehmen aus prosperierenden Wirtschaftszweigen angesiedelt werden müssen, die die wegfallenden ersetzen. Das wird weder gelingen, noch wird es den uns bevorstehendenen Herausforderungen nur annähernd gerecht werden.

Die Stadt muss stattdessen drei grundlegende Entwicklungen auf den Weg bringen:

1. Die Stadt braucht eine Digitalisierungsstrategie. Der digitale Strukturwandel kann nur gelingen, wenn die Stadt ein digitales Netz aufbaut bzw. sich mit anderen Kommunen und Akteuren an dem Aufbau eines solchen Netzes beteiligt, in dem Einwohner und Unternehmen ihr Wissen teilen können, gleichzeitig aber auch die Hoheit jedes Bürgers über seine Daten sicher gestellt ist. Überdies muss die Stadt dieses Netzwerk nutzen Unternehmen und Einwohnern seine Dienstleistungen anzubieten und den Bürger die Möglichkeit geben, über dieses Netz die Entscheidungen der Stadtgesellschaft direkt mitbestimmen zu können.

2. Die Stadt muss den Einwohnern das Bildungsniveau vermitteln, das erforderlich ist, damit sie teilhaben können an den Chancen, die eine digitale Gesellschaft bietet. 2116 stellen die Arbeitsplätze höchste Anforderungen an die Beschäftigten. Äußerst komplexe Probleme sind zu lösen. Das kann jedoch nur hochqualifizierten Menschen gelingen. Auch die zusätzlichen Möglichkeiten die Entscheidungen der Stadtgesellschaft direkt zu bestimmen, erfordern ein möglichst hohes Bildungsniveau.

Die digitale Gesellschaft ist global, hochkomplex und dezentral sowie demokratisch organisiert. Archaische Gesellschaftsmodelle, deren Denken und Handeln sich an vermeintlichen Glaubenswahrheiten oder Klanhierarchien ausrichten, funktionieren nicht mehr, genauso wenig wie Denkmodelle, die versuchen sich dem Wandel zu entziehen, indem sie darauf abzielen durch eine nationale Abschottung die Konservierung der bestehenden Strukturen, wenn möglich noch unter Einführung eines zentralen Führungsapparates, zu erreichen. Auch diese Denkweisen können nur durch entsprechende Bildung überwunden werden. Verharren Menschen in den beschriebenen Denkmustern, haben sie keine Möglichkeiten die Chancen der digitalen Stadtgesellschaft zu ergreifen, ihre Integration scheitert.

Diese Anforderungen haben zur Folge, dass die Schulen der Stadt so ausgestattet und organisiert werden müssen, dass sie die Schüler für die Herausforderungen der digitalen Stadtgesellschaft fit machen können. Dies erfordert massive städtische Investitionen.

3. Die Einwohner müssen eine Pack-an-Mentalität entwickeln. Aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen geht ein wesentlicher Teil der Bevölkerung in Bochum und Wattenscheid heute davon aus, dass ihnen von Unternehmen oder der Stadt der Arbeitsplatz, die Wohnung angeboten und jede politische Entscheidung abgenommen bzw. vorgegeben wird. Viele warten auf Leistungen vom Staat oder den weißen Ritter, der die Probleme der Stadt mit einem Schlag löst. Das passiert aber nicht. Entsprechend hat sich bei vielen Resignation breit gemacht: Es wird ja doch nicht besser (WAZ vom 04.01.16).

Die Menschen müssen sich nicht weiter als Opfer, sondern als Gestalter des Wandels begreifen. Das Leben in der digitalen Gesellschaft erfordert von jedem Einzelnen mehr Gestaltungswillen, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Der Erfolg der Stadt hängt in hohem Maße von der Vielzahl der kreativen Köpfe der Stadtgesellschaft ab, die diese hervorbringt und fördert. Das bedeutet mehr individuelle Freiheit, weniger Abhängigkeiten, erfordert aber auch mehr Eigeninitiative.

Werden die Chancen der digitalen Stadtgesellschaft genutzt, entwickelt sich eine offene Graswurzel-Mentalität, insbesondere auch ein Interesse, sich einander zu helfen, um gemeinsam die Zukunft der Stadt aktiv zu gestalten und wirtschaftlich voran zu bringen.

Fazit: Die Stadt muss also bereits heute die Weichen so zu stellen, dass die Einwohner in Zukunft in die Lage versetzt werden, die Chancen des digitalen Strukturwandels nutzen zu können. Das Ruhrgebiet darf nicht erneut den Strukturwandel verschlafen, in dem es sterbende Wirtschaftszweige subventioniert anstatt in die Entwicklungen der Zukunft zu investieren.

Dazu muss die Politik zunächst das ganze Ausmaß des bevorstehenden Strukturwandels begreifen. Sie muss anerkennen, dass die Entwicklung zur digitalen Stadtgesellschaft sich nicht aufhalten lässt, wir sie aber aktiv gestalten können.

Für Bochum und Wattenscheid bedeutet das konkret, die Rot-Grüne Ratsmehrheit muss ihren Widerstand gegen eine städtische Digitalisierungsstrategie aufgeben (Noch am 27.08.15 lehnte sie einen entsprechenden Antrag der Fraktion „FDP und Die STADTGESTALTER“ ab). In Schulen und Bildung muss nach Jahrzehnten der Vernachlässigung endlich massiv investiert werden. Schließlich muss es der Stadt gelingen ihre Einwohner zu motivieren, ihre Zukunft vermehrt selbst in die Hand zu nehmen, anzupacken und auch die Zukunft der Stadt aktiv mitzugestalten.

Volker Steude
Die STADTGESTALTER - politisch aber parteilos
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2 Kommentare
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Peter Krämer aus Bochum | 09.01.2016 | 23:34  
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Dr. Volker Steude aus Bochum | 09.01.2016 | 23:44  
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