Bochum braucht weitere Grundschulen

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Bochum: Bochum und Wattenscheid | Die SPD fordert im Oberbürgermeisterwahlkampf eine neue Gesamtschule. Macht das Sinn? Fast gleichzeitig muss das Schulverwaltungsamt zugeben, dass die Grundschulplanungen der Stadt im Wesentlichen Makulatur sind (RN vom 29.01.2015). Zu wenige Klassenräume für zu viele Schüler. Zu viele Grundschulen wurden geschlossen.

Schulentwicklungsplanung schon überholt

Mal wieder gehen die Schulentwicklungsplanungen der Stadtverwaltung nicht auf. Die Pläne für Grund- und weiterführende Schulen, die eigentlich bis 2017 gelten sollten, sind nutzlos geworden und müssen dringend an die aktuellen Entwicklungen angepasst werden. 5-Jahres-Pläne, wie in Planwirtschaften üblich, führen zwangsläufig zu Fehlplanungen, wenn keine kontinuierlichen Anpassungen an die sich ändernden Verhältnisse vorgenommen werden. Kein Mensch weiß, was in 5 Jahren passiert. Entwicklungen trotzdem über 5 Jahre festzuschreiben, ohne die unabsehbaren Entwicklungen voraussehen zu können, ist Unsinn.

Bereits als die Grundschulen gemäß Planungen der Stadt geschlossen werden sollten, bezweifelten die Kritiker, dass damit die vom Land geforderte Klassengröße von 22-23 Grundschülern in den Klassen realisiert werden könnten (Das Märchen von Schulschließungen aufgrund abnehmender Schülerzahlen). Sie behielten Recht: Klassengrößen von 28 Kindern sind in Bochumer Grundschulen weiterhin nicht die Ausnahme. Das Ziel wurde klar verfehlt. Leider mit erheblichen Konsequenzen für die betroffenen Schüler. In einer Klasse mit 28 Kindern kann die Betreuung der Kinder nicht so gut sein, wie in kleinen Klassen. Weiterhin werden Kinder bereits in den Grundschulen abgehängt, weil eine gezielte Förderung nicht möglich ist.

Bildungsziel kann nicht erreicht werden

Eigentlich wollte die Landesregierung mit Einführung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts und kleiner Klassen in den Grundschulen erreichen, dass es besonders begabten und schneller lernenden Kindern leichter möglich ist, am Lernangebot des höheren Jahrgangs teilzunehmen. Zugleich sollten langsamer lernende Kinder durch individuelle Hilfen so gefördert werden, dass sie in der gleichen Lerngruppe ihre Kompetenzen entfalten können. Die Grundschulzeit sollte individuell dem Lerntempo angepasst werden. Besonders begabten Schülern sollte es ermöglicht werden, die Grundschule in 3 Jahren zu durchlaufen, Schülern, die besonderer Förderung bedürfen, sollten 1-2 Jahre mehr als die üblichen 4 Jahre Schulzeit ermöglicht werden, dies ohne Sitzen bleiben zu müssen.

Das Ziel: Jedes Kind sollte unabhängig vom Bildungsabschluss der Eltern nach Durchlaufen der Grundschule mindestens die Befähigung besitzen, eine Realschule zu besuchen. Was in Skandinavien schon lange üblich ist, kann in Bochum und Wattenscheid jedoch auch in absehbarer Zeit nicht erreicht werden. Die Stadt kann die dafür notwendigen Grundvoraussetzungen nicht erfüllen: Die Klassen sind zu groß, jahrgangsübergreifender Unterricht findet kaum statt. Das Bildungsziel wird verfehlt. Die 2013 von Rot-Grün geschlossenen Grundschulen fehlen.

Neue Grundschulen - kleine Klassen

Bochum braucht dringend neue Grundschulen, denn eine individuelle Förderung ist am besten in kleinen Klassen möglich. Nur so können begabte und langsamer lernende Schüler gemeinsam in einem Sozialgefüge und vertrauter Umgebung in ein und derselben Grundschule das Bildungsziel erreichen. Um das Ziel zu erreichen, müsste zudem die Ausstattung der städtischen Grundschulen verbessert werden und werden mehr Lehrkräfte gebraucht. Das kann die Stadt kaum alleine schaffen, da ist zusätzliche Hilfe vom Land erforderlich. Trotzdem muss auch die Stadt das Ihrige tun, um das Ziel zu erreichen (Schuletat verdoppeln).

Nur wenn das Bildungsniveau der Grundschüler vor dem Besuch der weiterführenden Schulen annähernd gleich groß, reichen, wie etwa in Skandinavien die Regel, eine oder zwei weiterführende Schulformen (Gymnasium und eine weitere) bei den weiterführenden Schulen aus.

Die Frage, braucht Bochum und Wattenscheid eine weitere Gesamtschule ist gegenüber der Frage, ob neue Grundschulen gebraucht werden, zweitrangig. Zwar stellt sich zwangsläufig zu einem späteren Zeitpunkt auch die Frage nach neuen Gesamtschulen, besonders wenn das Bildungsniveau an den Grundschulen steigt, wenn diese erfolgreicher mit kleinen Klassen und individueller Förderung arbeiten. Doch zuvor müssen Politik und Verwaltung das städtische Bildungsproblem zunächst an der Wurzel angehen. Der Fokus muss also zunächst auf den Grundschulen liegen.

Nachdem die Grundschulen erfolgreich aufgestellt worden sind, wird es nicht reichen, eine zusätzliche Gesamtschule zu bauen. Die ganze Struktur der weiterführenden Schulen muss sich verändern. Was wird aus den Hauptschulen? Braucht man Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen? Wie viele Schulformen soll es bei weiterführenden Schulen geben? Wie sollten Gesamtschulen aufgebaut sein? Welche Größe sollten sie haben? Das sind nur einige Fragen, die sich dann stellen.

Zu wenige Lehrkräfte für zu viele Kinder

Dass die Grundschulen überfüllt sind und die Anmeldezahlen die Kapazitäten der Gesamtschulen überschreiten, liegt aktuell insbesondere auch an der zunehmenden Zahl der Flüchtlingskinder, die besonders diese beiden Schulformen besuchen. Es fehlt an Personal. Die Lehrer machen sich große Sorgen, dass sie die Flüchtlinge nicht ausreichend fördern können und zugleich die übrigen Schüler nicht mehr im gewohnten Tempo unterrichten können (RN vom 29.01.2015).

Die Bochumer und Wattenscheider Landtagsabgeordneten der rot-grünen NRW-Regierungskoalition, Eiskirch (SPD), Yüksel (SPD) und Gödecke (SPD), sind also aufgefordert, dafür zu sorgen, dass das Land schnell und unbürokratisch mehr Lehrer bereit stellt und nicht weiter die Städte mit den Problemen im Stich lässt.

Hingegen kann mit einer zusätzlichen Gesamtschule die Lösung dieses Problems nicht bewirkt werden, denn eine neu gebaute Gesamtschule ist nicht mit entsprechend höheren Lehrkräftezuweisungen verbunden. Die Lehrerstellen für eine neue Gesamtschule müssten bei anderen Bochumer Schulen eingespart werden.

Wer sich als OB-Kandidat profilieren will, muss auf Landesebene eine zusätzliche Zuweisung von Lehrern insbesondere an die Grund- und Gesamtschulen erreichen. Die Forderung nach einer neuen Gesamtschule mag zwar vordergründig populär sein, greift aber zu kurz.

Zudem beginnt eine grundlegende Reform der städtischen Schullandschaft bei den Grundschulen. Die erste und gewichtigste Forderung müsste daher lauten: „Bochum braucht weitere Grundschulen“ und Wattenscheid natürlich auch.

Volker Steude
Die STADTGESTALTER - politisch aber parteilos

BoWäH - Bochum und Wattenscheid ändern mit Herz
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