Bochum sucht eine neue Stadtidentität

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Bochum: und Wattenscheid | Über Jahrzehnte sah sich Bochum als Stadt des Bergbaus und der Stahlindustrie. Die Stadt leistete einen wesentlichen Beitrag zum Wirtschaftswunder. Bis in die 70er-Jahre wurde Kohle gefördert. Danach blieben die Stahlschmelzen, Hochöfen und Walzwerke. Entsprechend wandelte sich die Stadtidentiät.

Anfang der 60er-Jahre siedelte sich Opel an. Bochum wurde zur Autostadt. Auch die Stadt wurde autogerecht umgebaut. Die Stadt wurde mit 4 bis 6-spurigen Straßen überzogen. Die Straßenbahnen wurden zurück gebaut oder mit dem Ziel mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen, unter die Erde verbannt. Die Bürgersteige wurden vielerorts zum Parken frei gegeben. Das Statussymbol Auto nahm die Stadt in Besitz.

Seit dem letzten Jahr ist diese Zeit vorbei. Das Opelwerk, in dem die Fahrzeuge produziert wurden, wird abgerissen. Die Stadtidentität als Autostadt ist Geschichte. Doch wofür stehen Bochum und Wattenscheid jetzt? Womit identifizieren sich die Menschen zukünftig, die hier leben? Von außen betrachtet werden Bochum und Wattenscheid in den letzten Jahren als Städte des Niedergangs wahrgenommen. Überschuldung, Wirtschaftsschwund, Bevölkerungsabwanderung und der Verfall einzelner Stadtviertel prägen das Bild.

Mit dem Jahr 2016 steht die Stadt am Beginn einer neuen Ära. Die Stadt verändert sich, das Alte schwindet und muss durch Neues ersetzt werden. Doch wofür soll Bochum zukünftig stehen? Wie soll das Image der Stadt aufpoliert werden? In welche Richtung soll sich die Stadt verändern, in der Bochumer und Wattenscheider zukünftig leben wollen? Mit welchem Stadtbild werden sich die Einwohner in Zukunft identifizieren?

Der neue Stadtbaurat Markus Bradtke will für die Stadt eine neue Zielvorstellung entwickeln. Beantwortet werden soll die Frage, welche Ziele soll die wirtschaftliche und städtebauliche Stadtentwicklung zukünftig verfolgen? Eine klare Zielvorstellung ist für die Stadt wichtig, damit Politik und Wirtschaft wissen, für welche Projekte sie die begrenzten finanziellen Mittel priorisiert einsetzen sollen. Nur wenn in der Stadt gemeinsam an der Realisierung einer klar definierten Zielvorstellung gearbeitet wird, kann das Ziel absehbar erreicht werden und die entsprechende Profilierung der Stadt gelingen.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass sich die Stadt bei der Entwicklung der Zielvorstellung, wie sich eine Stadt wirtschaftlich und städtebaulich entwickeln soll, verzettelt und eine unübersehbare Anzahl von Selbstverständlichkeiten, wie nachhaltige, familienfreundliche und innovative Stadt, die jede Stadt verfolgt, zum Leitbild erhoben werden.

Es bedarf einer klar umrissenen Zielvorstellung, in welche Richtung sich Stadtidentität und –image entwickeln sollen. Daraus können dann Unterziele und Strategien abgeleitet werden, wie die Zielvorstellung erreicht werden soll.

Das Jahr 2016 wird maßgeblich dafür sein, welche Zielvorstellung in den nächsten Jahrzehnten das Handeln von Verwaltung und Politik bestimmen wird. Bürger, Politik und alle weiteren Akteure in der Stadt sind aufgerufen, sich an dem Prozess zu beteiligen, diese Zielvorstellung für eine neue Stadtidentität und ein neues Stadtimage zu entwickeln.

Um die Diskussion anzustoßen, soll an dieser Stelle ein erster Vorschlag für eine Zielvorstellung gemacht werden:

„UNIVERSITÄTSSTADT BOCHUM“

Die Voraussetzungen eine echte Universitätsstadt zu werden sind angesichts der 59.000 Studenten, die in Bochum studieren und den über 5.000 Menschen, die an den Hochschulen der Stadt beschäftigt sind, zwar sehr gut, trotzdem sind die Herausforderungen, um den Anforderungen einer „Universitätsstadt“ gerecht zu werden, gewaltig.

Bezogen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt stehen bei einer Universitätsstadt wissenbasierte hochschulnahe Unternehmen im Fokus. Universitätsstädte werden als innovativ und kreativ wahr genommen. Ziel der Stadtentwicklung ist nicht Bestehendes zu erhalten, sondern sich beständig auf hohem Niveau weiter zu entwickeln.

Dafür ist zunächst ein grundlegender Wandel im Rollenverständnis der Politik notwendig. Versteht städtische Politik sich im Wesentlichen heute als Erfüllungsgehilfe von Verwaltung und Großunternehmen, die Vorschläge vorgeben, die sie dann abnickt, muss sie zukünftig selbst zum Ideengeber werden. Die Politik muss selbst neue Ideen für die Stadt entwickeln, selbst Vorschläge erarbeiten, den Bürgern vorlegen und diese davon überzeugen. Menschen in der Politik, die diesen Anspruch bereits erheben, befinden sich bei den meisten politischen Gruppierungen derzeit jedoch noch in der Minderzahl. Teilweise wird noch die bloße Beschäftigung mit neuen Ideen rundheraus abgelehnt, wie man zuletzt bei den noch die Partei dominierenden konservativen Teilen der SPD hinsichtlich der Seilbahnidee beobachten konnte. In einer Universitätsstadt wird der Wandel und Neues als positiv wahrgenommen. Die politische Mentalität einer Universitätsstadt steht Innovationen und Ideen aufgeschlossen gegenüber.

In das Zentrum der Politik rückt zudem das Ziel Maßnahmen zu ergreifen, um mehr Unternehmen und Menschen für die „Universitätstadt Bochum“ zu gewinnen, um langfristig insbesondere die Einnahmen der Stadt zu erhöhen. Hinter dieser Neuausrichtung steht die Erkenntnis, dass aktuell 43% der städtischen Ausgaben für soziale Transferleistungen ausgegeben werden. Deutlich über 50% der Ausgaben des Haushaltes sind sozialer Natur. Die Sozialausgaben steigen jedes Jahr um 20-25 Millionen. Die Stadt ist also in dieser Hinsicht in hohem Maße sozial. Allerdings kann die Stadt die stetige Erhöhung der Ausgaben aufgrund des Schwundes von Wirtschaftskraft und Bevölkerung nicht mehr durch Mehreinnahmen finanzieren. Die Hauptanstregungen der Politik müssen daher zukünftig darin liegen die Einnahmen der Stadt zu verbessern und Menschen und Unternehmen in die Stadt zu locken, die durch Steuernzahlungen die städtischen Einnahmen erhöhen.

Auch der Anspruch an Wirtschafts- und Stadtentwicklung steigt. Eine „Universitätsstadt Bochum“ misst sich in allen Bereichen mit anderen Universitätsstädten, wie z.B. Aachen oder Münster. War der politische Anspruch bisher besser als Waltrop, Oberhausen oder Duisburg zu sein, geht der zukünftige Anspruch besonders an Lebensqualität, Attraktivität der Stadt und Wirtschaftskraft weit darüber hinaus. Eine Universitätsstadt spielt in der 1. Liga der Städte, ein Aufstieg ist also das Ziel.

Bezogen auf die Stadtentwicklung ist mit dem Stadtbild der Universitätsstadt ebenfalls ein Wandel verbunden. Fast 70% der Studierenden und 35% der an der RUB Beschäftigten erreichen die Universität mit Bus und Bahn, Tendenz steigend. Diesem Mobilitätsverhalten ist beim Städtebau Rechnung zu tragen. Universitätsstädte sind Studentenstädte. Diese zeichnen sich durch eine hohe Lebensqualität aus, besonders durch belebte und attraktive Stadt- und Studentenviertel. Lebenswerte, von städtischem Leben erfüllte Plätze und Straßen prägen das Bild. In dieser Hinsicht haben Bochum und Wattenscheid einen riesigen Nachholbedarf. Wichtiges Ziel einer Universitätsstadt ist es bessere Bedingungen zu schaffen, damit mehr Studierende in Bochum und Wattenscheid wohnen wollen.

Auch hat die freie Kulturszene in Studenten- und Universitätsstädten ein anderes Gewicht. Dagegen wurde der Bau von millionenschweren Konzerthäusern in Tübingen und Münster von den Bürgern abglehnt.

Eine Universitätstadt ist überdies eine Stadt der Bildung. Das gilt nicht nur auf der Ebene der Studierenden, sondern auch hinsichtlich der Schüler. Erstklassig ausgestattete Schulen, in ausgezeichnetem baulichem Zustand müssen in Universitätstädten eine Selbstverständlichkeit sein. So gelingt es, dass auch die meisten Stadtkinder später in den Genuß der Hochschulen ihrer Stadt kommen. Ein hohes Bildungsniveau der Stadtbewohner ist ein wesentlicher Garant für eine niedrige städtische Arbeitslosigkeit.

Die neue Stadtmarke sieht Bochum bereits als Stadt des Buches und der Bildung. Die Entwicklung der Zielvorstellung zur „Universitätsstadt Bochum“ ist ein konsequenter weiterer Schritt.

Aber Bochum besteht nicht nur aus Bochum, sondern insbesondere auch aus der Stadt Wattenscheid, die bisher praktisch nicht von den Hochschulen in der Stadt profitieren konnte. Eine schnelle und leistungsfähige direkte ÖPNV-Anbindung an die RUB könnte hier eine erste Abhilfe schaffen. Die Wattenscheider Innenstadt könnte sich - wie auch Langendreer - als Studentenstadtviertel entwickeln. Eine solche Entwicklung wird aber nur einsetzten, wenn ausgezeichneten Anbindungen an Universität und Hochschule geschaffen werden.

An diesen Überlegungen ist zu erkennen, eine vorgegebene Zielvorstellung hinsichtlich Stadtidentität und –image, zieht automatisch bestimmte Maßnahmen zur wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklung nach sich. So rückt die Zielvorstellung „Universitätsstadt Bochum“ besonders die Wünsche und Bedürfnisse wissensbasierter und uninaher Unternehmen, der Studierenden und der bei bei den entsprechenden Unternehmen sowie bei den Hochschulen und der RUB Beschäftigten in den Mittelpunkt der Politik.

Eine einfache aber trotzdem deutliche Zielrichtung erleichtert das Handeln von Politik und Verwaltung und erhöht die zielgerichtete Wirksamkeit der politischen Maßnahmen. Geben wir der Stadt Bochum eine neue Identität und ein neues Image. Die Entwicklung beginnt jetzt. Von hier aus.

Volker Steude
Die STADTGESTALTER - politisch aber parteilos
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Andreas Sierigk aus Bochum | 02.01.2016 | 12:59  
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