Braun, Rot, Schwarz – Woran erkenne ich politisch gefärbte Blätter?

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In der Lebensmittelindustrie verstecken sich hinter Kürzeln teils krebserregende Inhaltsstoffe, in der Kosmetikbranche tarnen sich Silikone als chemische Bezeichnungen. Auch im Journalismus kann hinter Medienprodukten eine unkenntliche politische Motivation stecken. Nicht auf jedem rechtsextremen Blatt steht drauf, dass es eines ist. Wie man trotzdem erkennt, welche politische Färbung hinter einer Zeitung steckt.


Was selbstverständlich klingt, sei trotzdem explizit vorangestellt: Nur wer aufmerksam und mit Distanz Nachrichten, Artikel und Kommentare konsumiert, kann diese auch ihrem politischen Lager zuordnen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Färbung von blassem Teint bis hin zu starkem Kolorit reicht, also nicht jeder Journalist für eine bestimmte Partei schreibt. Gleichzeitig ist eine politische Färbung auch nicht per se negativ oder gefährlich, sofern sich der Leser dessen bewusst ist.

Negative campaigning

Wie erkennt der Leser aber nun, welche politische Ansicht sich hinter einem Artikel verbergen könnte? Ein erstes Signalzeichen ist das sogenannte „negative campaigning“, eigentlich ein Begriff aus dem Bereich des politischen Wahlkampfes, der eine gezielte Negativdarstellung des Gegners meint. Wer also vermehrt Vorwürfe an andere Parteien richtet, beispielsweise durch Sätze wie „CDU und SPD haben die Bodenhaftung verloren und nehmen nicht mehr wahr, was die Bürger bewegt“, schafft damit Lager und grenzt sich bereits von bestimmten Parteien ab.

Einher geht damit das Aufzeigen des Scheiterns anderer Parteien a lá „Das hatte SPD-Ministerin Hannelore Kraft auch einmal vorgehabt, aber nie umgesetzt“. Schuldzuweisungen und die Verknüpfung mit abwertenden Zukunftsvisionen können Hinweise auf politisch gefärbte Berichterstattung sein.

Deutlicher wird eine Favorisierung dann, wenn beispielsweise Einbruchszahlen unterschiedlich regierter Länder verglichen werden und mit Formulierungen wie „Im Freistaat Bayern, wo die Landesregierung traditionell ein anderes Verständnis von Recht und Ordnung hat, sank die Zahl der Einbrüche.“, beurteilt wird. Hätte man die Zahlen lediglich gegenübergestellt, wäre die Färbung geblichen. Zum negative campaigning gehört auch das Aufzeigen von vermeintlichen Widersprüchen zwischen Aussagen von Politikern und deren Handeln. Stellt ein Journalist zum Beispiel der Aussage „Wir haben alles im Griff“ augenscheinlich widersprüchliche Tatsachen gegenüber, nimmt er dem Zitat damit den Wind aus den Segeln und hat vordergründig mittels sauberer Argumentation das Gesagte widerlegt. Der Leser darf an dieser Stelle aber nicht alles „ schlucken“, was geschrieben steht. Er muss den Kontext des Zitats mit Einbeziehen und den Wahrheitsgehalt der genannten Fakten.

Der feine Unterschied

Besonderes Augenmerk erfährt die Wortwahl, denn sie ist die Nuance, die ein und dasselbe Vorkommnis unterschiedlich färbt. Angenommen in einer Wohnsiedlung werden über Nacht Häuser beschmiert. Mutmaßt der eine Journalist, es handele sich um Linksextremisten, mag der andere die Tätergruppe als „junge Männer“ oder „Unbekannte“ bezeichnen. Ebenso kann die Wahl der Worte abwerten. Formulierungen wie „Was bitte schön denkt sich XY bei der Forderung nach…?“, „die sogenannten etablierten Parteien“, oder „Man wundert sich“, lassen bestimmte Gruppierungen in einem schlechten Licht erscheinen.

Intransparent wird es für den Leser vor allem, wenn vermeintlich objektive statistische Werte mit derlei Formulierung vermischt werden. Wenn objektive Quellen zur Rate gezogen werden, um seriös zu erscheinen, ist also besondere Vorsicht geboten. Zeitungen, die angeben, die Machenschaften bestimmter Parteien aufzudecken, wollen dadurch teils selber transparent erscheinen. Der Leser muss aufpassen, dass er sich mit Formulierungen wie „Der deutsche Bürger muss hoffen, dass …“ nicht Gedanken in den Kopf pflanzen lässt.

Gefärbte Selektion und positive campaigning

Viele Zeitungen beinhalten Kolumnen mit der Überschrift „Zitate“. Auch diesem Bereich ist mit besonderer Vorsicht zu begegnen, denn: Das Selektieren und beschränkte Zitieren politischer Stimmen kann Sprachrohr der politischen Einstellung des Journalisten sein. Das Ansammeln von Zitaten wie „Bauern sind von den etablierten Parteien enttäuscht“ oder „Die Grünen drehen ihre Fähnchen zu schnell im Wind“ kann auch Ausdruck einer favorisierten Meinung sein.

Der Gegenspieler zum negative campaigning ist das positive campaigning: Zeitungen, die stets von den Errungenschaften einer bestimmten Partei berichten, werden ihr zu großer Wahrscheinlichkeit nahestehen. Dazu zählt auch, wenn an die AFD gerichtete Vorwürfe beispielsweise mit Fragen, wie „Was bitte schön ist an einer Partei populistisch, die genau das macht, was man von jeder Partei erwarten sollte?“, beantwortet werden.

Meinung gleich Parteilichkeit?

Vorsicht ist nicht nur an der Stelle geboten, alles Geschriebene zu glauben. Unweit davon liegt natürlich auch die Gefahr, einem Journalisten auf Grundlage eines Artikels sofort eine Parteilichkeit zu unterstellen. Die Meinung, die er in einem Beitrag über diese oder jene Partei kundtut, sollte ein differenzierender Leser zunächst nur als einen kleineren Ausschnitt aus dem Wertekoordinatensystem des Journalisten ansehen. Es empfiehlt sich also, mehrere Beiträge eines Journalisten anzuschauen, um zu erkennen, ob er parteilich ist, oder ob er je nach Sachthema zu unterschiedlichen Wertungen gegenüber derselben Partei kommt.

Es gilt jedenfalls genau wie beim Konsumieren von Lebensmitteln Inhaltsstoffe kritisch zu hinterfragen, auch wenn man sich an Zeitungen nicht überfressen kann.
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Christoph Nitsch aus Bochum | 27.04.2016 | 21:39  
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